Die Höllen der anderen

Die drei von gegenüber: Die Premiere von "Bin nebenan" am Samstag im Sensemble

"Ein bisschen mehr Mut, Relevanz und Welt" hat neulich eine Redakteurin des Deutschlandfunks anlässlich einer Ballettaufführung (!) gefordert. Ganz abgesehen davon, dass der Anspruch für jedes Kunstwerk gelten sollte, mit der neuen Inszenierung des Sensemble Theaters wäre die Kollegin sicher zufrieden gewesen.

Dabei spielt "Bin nebenan" in einer sehr kleinen Welt: Zwölf "ganz normale" Menschen in ihren nicht gerade luxuriösen Wohnungen schildert die Autorin Ingrid Lausund in den "Monologen für zuhause", von denen sich Regisseur Jörg Schur und die Darstellerinnen Dörte Trauzeddel, Catalina Navarro Kirner und Birgit Linner (im Bild v.l.) vier ausgesucht haben. Eine junge Frau, die von ihrer dauernörgelnden Mutter nicht loskommt, eine etwas in die Jahre gekommene Heimwerkerin, die ihr Badezimmer mit allerlei Firlefanz zum "Spa" ausbaut, sowie das gepeinigte Heimkind, das selbst als Erwachsener sein Schicksal als Prügelknabe von Mitschülern und Kollegen nicht los wird.

Was beginnt wie eine typenmäßig eher überzeichnete Klischeeparade, wird schnell zu einem fesselnden Panoptikum der Ängste und Sorgen, der Hoffnungen und Schicksale. Die eigenen vier Wänden sind nicht dick genug, um die Welt draußen zu halten, die in unterschiedlichsten Formen, aber immer sehr dramatisch, in die Wohn-, Schlaf- und Badezimmer einbricht. Lediglich der gemeinsam gesprochene vierte Monolog fällt etwas aus dem Rahmen, bildet aber eine wohltuende Abwechslung in diesem, im wahrsten Sinne des Wortes, beklemmenden Kammerspiel.

Getragen wird die Aufführung von drei tollen Darstellerinnen, allen voran Catalina Navarro Kirner, die den wohl dankbarsten Text bekommen hat. Aber auch das erfolgreiche Ankämpfen von Birgit Linner gegen ihr Image als humorige Mimikerin ist ebenso klasse anzusehen wie die überzeugende Performance von Dörte Trauzeddel. Das gelungene Bühnenbild, welches das Sensemble ein weiteres Mal mit einfachsten Mitteln realisiert hat (Bühne: Mike Hühn), und die stimmige Musik von Serge Davidov tun das Ihre zu der tiefen Wirkung der Inszenierung, die mit viel Applaus bedacht wurde. Großes Kino auf kleinstem Raum, wieder zu sehen am 05., 06., 12. 19., 20., 26., 27. Mai, 02., 03. Juni. (flo)

Foto: Volker Stock

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