Spurensuche mit Simon Pickel

"Der Wolfgang hätte mit Sicherheit gerne selbst an den Turntables gestanden" - der künstlerische Leiter des Deutschen Mozartfests, Simon Pickel, im Gespräch

Kurz nach Amtsantritt verpasste ihm das Magazin "A3-Kultur" schon den Titel "Mozartbürgermeister". Simon Pickel ist seit 2015 Leiter des Mozartbüros der Stadt Augsburg und somit auch verantwortlich für das jährlich stattfindende "Deutsche Mozartfest", das von 19. bis 27. Mai unter dem Motto "Spurensuche" steht. Das Interview mit dem gebürtigen Nürnberger und ehemaligen Mitglied des Windsbacher Knabenchores führte Angelika Man.

Augsburg hat ein gewaltiges kulturelles Erbe: Brecht, Frieden, Fugger, Mozart. Wie ist deine Herangehensweise, mit den kulturellen Spuren möglichst lustvoll umzugehen?
Als "Festivalmacher" stehe ich vor derselben Aufgabe, wie viele meiner Kollegen überall auf der Welt: Wir müssen nicht in erster Linie das Erbe sichern, denn das nimmt uns keiner, sondern wir müssen das Publikum für dieses Erbe erhalten und erweitern. Für eine 300.000-Einwohner-Stadt hat Augsburg ein enormes Kulturprogramm zu bieten und ein großes Potential, wenn es um ein junges Kulturpublikum geht. Man muss die Leute nur erreichen. Deshalb ist es wichtig, in Bewegung zu sein: Zugangshürden abzubauen, neue Formate auszuprobieren und auch mal aus dem Kleinen Goldenen Saal herauszugehen.

Warum eigentlich ein Festivalthema? Und was hat dich zur "Spurensuche" inspiriert?
Natürlich ist es leichter, sich einfach eine Auswahl an Konzerten zusammenzustellen mit Künstlern, die gerade verfügbar sind und dann das Label Mozart draufzukleben. Aber das ist nicht mein Verständnis von einem Festival und schon gar nicht von einem Festival in einer Stadt, die so eng mit der Familie Mozart verbunden ist. Ich möchte auch tiefer gehen und Zusammenhänge aufzeigen, die das Verständnis für Mozarts Musik erweitern. Auf das Thema „Spurensuche“ kam ich zunächst durch den 450. Geburtstag Claudio Monteverdis, den wir in diesem Jahr feiern. Um den Bogen zu Mozart zu schlagen, stand für mich die Überlegung im Raum, woher Mozarts Art zu komponieren eigentlich kommt, wovon er gelernt hat und woraus sich die Gattungen entwickelt haben, die Mozart zur Vollendung geführt hat und da landen wir sehr schnell bei Monteverdis berühmter "seconda pratica".

Welche Festivalthemen wird es in Zukunft geben?
Ich bevorzuge thematische Vorgaben, die nicht eindimensional sind und mich nicht unnötig einschränken. Das darf man aber nicht mit Beliebigkeit verwechseln. An Ideen mangelt es nicht, im kommenden Jahr wird beispielsweise im Mittelpunkt stehen, welche Verbindungen zwischen Mozarts Musik, Musik generell und verschiedenen Aspekten weltlicher und geistlicher Macht bestehen. Sehr gerne möchte ich aber auch einmal in den hohen Norden gehen und Mozarts "Pendants" in der skandinavischen Musik erforschen. Dafür ist dann nach dem großen Leopold-Jubiläum 2019 vielleicht Zeit.

Wo siehst du Anknüpfungspunkte zwischen Mozart und Jazzmusikern wie Michael Wollny und Vincent Peirani oder der Cello-Clubnacht in der Mahagoni Bar?
Ich glaube, Mozart hätten diese beiden Abende sehr gefallen. Auch wenn das gerne verwendete Bild von Mozart als Partymensch zu kurz greift, war natürlich auch diese Flippigkeit und Lebensfreude ein großer Teil seiner Persönlichkeit. Was viele nicht wissen, der Walking Bass, also das schrittweise Fortschreiten der Basslinie im Jazz, stammt nicht etwa von Duke Ellington sondern von Claudio Monteverdi. Gerade Michael Wollny ist das Paradebeispiel dafür, Einflüsse älterer Musik auf unglaublich kreative Weise zu verarbeiten und in seiner ganz eigenen Art weiterzuspinnen. Auch unsere Clubnacht ist keine zusammenhanglose Crossover-Veranstaltung, die man heute eben so macht, sondern die klassischen Spuren werden durch einen DJ weitergeführt und es entsteht eine völlig neue Musik, die aus dem Moment heraus lebt. Wir schaffen es also, durch den Jazz und die Clubkultur Mozart und Monteverdi mit der Moderne zu verbinden und der Wolfgang hätte mit Sicherheit gerne selbst an den Turntables gestanden oder zum Duo Wollny/Peirani die Drums gerührt.

Welche Konzerte des diesjährigen Festivals würdest du besuchen, wenn du dich für drei entscheiden müsstest?
Dann entscheide ich mich für "meine" Windsbacher, Michael Wollny und Steven Isserlis. L'Arpeggiata darf natürlich eigentlich nicht fehlen, aber das Konzert war so früh ausverkauft, da hatte selbst ich keine Chance mehr.

Alle Infos zum Mozartfest 2017 gibt's hier.

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