Stürmt die Post!

Am Donnerstag startet die zweite Ausgabe der »Ars Dilettanti« im alten Postgebäude an der Grottenau.

Abgesehen von den üblichen Verdächtigen, wie Rathaus, Perlach, Dom etc., ist das Postgebäude an der Grottenau sicher eines der bekanntesten Gebäude der Stadt. Hier haben wir alle schon Schlange gestanden im Schalterraum, dem letzten noch in Betrieb befindlichen Relikt der Post im Erdgeschoss. Selten bis nie ist man jedoch ins Innere der grünen Burg vorgedrungen, in die irgendwann das Leopold-Mozart-Zentrum einziehen soll.

Seit 2014 wird die Festung an der Kreuzung zur Stadtbücherei teilerobert. Die »Orangerie« machte im Januar den Anfang in einem Seitenflügel, es folgten ab Juni die »Hidden Places«-Partys im Innenhof. Jetzt endlich kommt auch der Vorderflügel dran: Von 20. bis 23. November wird auf drei Stockwerken und im Obergeschoss die zweite Ausgabe der »Ars Dilettanti« über diese hochrepräsentative Bühne gehen. Die »zentrale, unabhängige und befristete Kunstansammlung« lässt rund 30 Künstler 27 Räume bespielen, alles getoppt von der »Panorama-Bar«, die einen phänomenalen Ausblick auf die Straßenschlucht vom Theater bis zum Stadtbad bietet.

Verantwortlich zeichnen erneut die fünf »Direktoren«, die sich im Winter 2012/13 das erste Mal zusammengetan haben, um im März vergangenen Jahres im Schatten des Gaskessels ein Kunstfeuerwerk abzubrennen mit rund 50 Teilnehmern und eintausend Besuchern an zwei Tagen. Mittlerweile ist »Die Direktion« in der August-Wessels-Straße in Oberhausen eine Dependance des Kulturparks West.

»Der Raum hat uns gefunden«

Zum Ortstermin (an diesem unglaublich warmen vorletzten Oktobersonntag) erscheinen vier der fünf Direktoren: Christoph Sauter, Simone Kunz, Hilde Strobl und Florian Freyer (Foto oben, v.l.). Im Besprechungsraum im ersten Stock liegen große Pläne auf großen Tischen, daneben Laptops, Wasserflaschen und eine stolze Ladung Bienenstich vom Euringer. Der Kulturmanager Tobias Sommer fehlt aus beruflichen Gründen.

Nach dem obligatorischen Fotoshooting auf dem Balkon geht es durch weitläufige Gänge mit unzähligen Türen und eines der drei beeindruckenden Treppenhäuser ins fünfte Stockwerk, das erst in den 50ern aufgesetzt und in den 70ern umgestaltet worden ist. Wo einst die Telekom-Mitarbeiter ihr Schnitzel holten, ragen nur noch ein paar Rohre aus dem rohen Estrich. Die großen Fenster könnten eine Reinigung vertragen, am Ende des riesigen Raumes führt eine Tür in den alten Dachboden, der alles hält, was er verspricht, hier fände ein ganzes Orchester Platz. Während unseres Gesprächs geht hinter dem Stadttheater die Sonne unter, staubiges Spätsommerlicht lässt Augen blinzeln und Gedanken schweifen - Beleuchtung gibt es hier zurzeit keine.

Die Direktoren haben nicht aktiv nach einer neuen Location gesucht, doch als bei den Partys im Sommer die Möglichkeit zur Idee reifte, war die Entscheidung schon beim ersten Meeting gefallen. Nicht zuletzt passt die ehemalige Oberpostdirektion auch vom Namen her bestens ins Portfolio. »Der Raum hat uns gefunden«, so die Ausstellungsmacher, die seit Juli sehr viel Zeit hier verbringen. »Nahezu jede zweite Mittagspause führt man jemanden herum«, erzählt Christoph, Designer und Teilhaber der Golden Glimmer Bar.

Der Schritt von der eher kleinteiligen »Direktion« in Oberhausen in den 1905 errichteten Neobarockbau in der Stadtmitte ist nicht zu unterschätzen, obwohl die Ausstellungsfläche gar nicht so viel größer ist. »Man steht schon in einem anderen Fokus hier«, meint Christoph lapidar. Allein die Sicherheitsvorkehrungen an den vier Öffnungstagen erfordern einiges mehr an Personal, die Fenster im Obergeschoss müssen mit hüfthohen Bauzäunen abgesperrt, Notausgangsleuchten (akkugepuffert!) angebracht und Fluchtwege ausgewiesen werden.

Für die detaillierte technische Betreuung des Abenteuers zeichnet wieder der befreundete Architekt Stefan Tauber verantwortlich, ohne dessen Hilfe das zuständige Amt nur schwerlich überzeugt werden hätte können. Andererseits hat Wirtschaftsreferentin Eva Weber den Mehrwert der Aktion schnell erkannt, wenn der prominente Leerstand im Idealfall ein Vorzeigebeispiel für die vielbeschworene »Zwischennutzung« wird. Die Gruppe zahlt lediglich einen symbolischen Mietpreis, das Popkulturbüro gibt einen Zuschuss, ansonsten bekommen die Direktoren keinerlei finanzielle Förderungen. »Wir sind nicht betteln gegangen, wollen auch keine Banner oder irgendwelche Verkaufsstände, das ist einfach unsexy«, so der Steinmetz- und Steinbildhauermeister Florian Freyer. Die Direktoren gehen nicht unerheblich in Vorleistung und hoffen auf Getränkeverkauf und Eintrittsgelder. Die Premiere 2013 war für Besucher noch kostenlos, doch mit fünf Euro fürs Einzel- und zehn fürs Viertagesticket hat der Obolus auch jetzt eher symbolischen Charakter. Als kleinen inhaltlichen Beitrag der Stadt wird ein Mitarbeiter des Planungsamtes am Freitagabend zur Zukunft des Gebäudes sprechen.

Ein weiterer Unterschied zur ersten Ausgabe: Auf Musik wird größtenteils, auf den Partyeffekt gänzlich verzichtet, an den ersten drei Abenden soll um ein Uhr nachts Schluss sein, der Sonntag endet um sechs Uhr. Die ausgewählten Künstler sind – vorsichtig formuliert – insgesamt etwas professioneller aufgestellt. »Es hat sich verändert, was aber nicht direkt beabsichtigt war«, so Hilde. Durch ihre Arbeit am Architekturmuseum der TU München und insbesondere auf der »Schaustelle«, der Übergangslösung während der Sanierung der Pinakothek der Moderne 2013, konnte die Kunsthistorikerin zahlreiche Kontakte knüpfen, die jetzt dem Augsburger Projekt zugute kommen. Nur eines hat sich nicht geändert: Gage gibt's keine, Künstler mit längerer Anreise bekommen die Fahrtkosten und ein Hotelzimmer, wenn sie nicht privat unterkommen. »Unser Pluspunkt ist das Gebäude und die Aktion an sich«, erläutert Hilde, »und wir hoffen natürlich, auch Besucher anzuziehen, die nicht regelmäßig ins Museum oder in Galerien gehen.« Bereits bei der ersten Ausgabe haben einige Werke den Besitzer gewechselt, nicht zuletzt haben die Direktoren selbst zugeschlagen. »Wir sind ja auch Fans, sonst würden wir so was gar nicht machen.«

Neben Augsburger Vertretern, wie u.a. Sara Opic, Christofer Kochs, Sebastian Lübeck, Katharina Bitzl, Roman Tarasenko und dem frischgebackenen Kunstförderpreisträger Maximilian Moritz Prüfer, sind Künstler aus der ganzen Republik, aber auch Wien und sogar New York mit von der Partie. Die Ankündigung verspricht »Malerei, Fotografie, Performance, Illustration, Installationen, Videokunst, Skulptur, Spoken Word, darstellende Kunst«. Zur Eröffnung am Donnerstag zeigt die albanischstämmige Künstlerin Lisiena Tarifi aus München eine Performance, die Veranstaltungen am Freitag sind dem gesprochenen Wort gewidmet, am Samstag wird’s perkussiv-noisy mit dem Publikumsliebling von 2013, Benny Hofer und seinem mechanischen Sequenzer, sowie den Augsburgern Markus Christ und Moritz Illner. »Wir wollen neben der Ausstellung einige Programmpunkte anbieten, damit es sich auch lohnt, öfter zu kommen«, sagt Hilde.

In der Grottenau brennt noch Licht

Zum Ende des Interviews verschwinden die Gesichter meiner Gesprächspartner zusehends im Dunkeln, nachdem jeder den Sonnenuntergang fotografiert hat, tragen wir die Stühle in den Besprechungsraum zurück und beugen uns noch einmal über die ausgelegten Pläne. Simone führt einen frisch eingetroffenen Teilnehmer durchs Haus. »Bis jetzt waren fast alle Künstler da und haben sich das Gebäude angesehen, viele entwickeln speziell etwas für ihren Raum«, sagt die Kommunikationsdesignerin im Hinausgehen. Die anderen drei überlegen derweil, wo man noch Getränke für den weiteren Abend besorgen könnte, schließlich gäbe es noch einiges zu besprechen. Der letzte »Tatort«, den die fünf Ausstellungsmacher live gesehen haben, dürfte schon ein Weilchen her sein, auch an diesem Sonntag bleiben die Direktoren »etwas länger«. Das Licht im ersten Stock brannte bis Mitternacht, wie Hilde wenige Tag später berichtet - vermutlich nicht zum letzten Mal. (flo)

Fotos: Volker Stock

Ars Dilettanti 2
20.-23. November, Grottenau 1, Seiteneingang
Eröffnung: Donnerstag, 20.11., 19 Uhr
Öffnungszeiten: Fr-Sa 16-01 Uhr, So 12-18 Uhr
Eintritt: 5 Euro, Mehrtagesticket: 10 Euro
www.arsdilettanti.de

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