Wengenroth, wir wissen, wo dein Auto steht!

Daumen hoch: Die Premiere von "Die Welt ist: schlecht! Und ich bin: Brecht!" in der Brechtbühne

Im Sport sagt man Spielertrainer dazu: Der Leiter des Brechtfestivals, Patrick Wengenroth (3.v.r.), stand am Donnerstag selbst auf der Bühne in einem von ihm inszenierten Stück – und es wurde ein grandioses Unentschieden. Fußballfans kennen diese 5:5-Ergebnisse, die von Mannschaften erzielt werden, die 90 Minuten lang alle Korsettstangen ihres Metiers hinter sich lassen und einfach Spaß am Spiel haben.

"Die Welt ist: schlecht! Und ich bin: Brecht", eigentlich könnte man bei dem Titel schon kotzen, klingt nach Viertelfinale im Aldi-Supercup. Und es wird nicht besser: Das in aller Freiheit dieser musikalischen Revue zugrunde liegende "Badener Lehrstück vom Einverständnis" verspricht nicht gerade einen euphorischen Theaterabend. Doch es wurde genau das. In erster Linie ist das Stück frisch, der Mehltau der Ära Lang dürfte damit endgültig aus dem Haus gekehrt sein. Natürlich ist es auch trashig und kitschig, aber vor allem ist es: Pop. Und insofern vielleicht sogar am nächsten dran an dem, wie UnsBertolt jetzt inszenieren würde, um mal ne steile These zu wagen.

Wengenroth geht gerne steil: Arschbombe vom Zehnmeterbrett und Auerbach mit Schraube ins Kinderschwimmbecken. Nicht hinter jedem Vorhang – insgesamt sind es drei im Bühnenbild – steckt ein offener Schluss, gemeinsam ist aber allen Bildern, Songs und Nummern eine Liebe zum Theater (und zum Menschen) und ein befreiend selbstironischer Ansatz, den ganzen Brechtballast in Form einer You-Tube-Session mit allen Höhen und Tiefen zu präsentieren: "Wenn Ihnen dieses Gedicht gefällt, mögen Sie vielleicht auch..."

Der Plan zur Brechtrevue stand ja bereits, bevor Wengenroth die Festivalleitung in den Schoß der Trainingshose fiel, doch es ist davon auszugehen, dass der 40-Jährige an seiner Uraufführung noch bis kurz vor der Premiere bastelte. Diese Lockerheit gefällt freilich nicht jedem, was den einen mühelos erscheint, weckt bei anderen den Eindruck, "die auf der Bühne" hätten sich keine Mühe gegeben.

Man muss nur kurz bei Wikipedia reinschauen (oder ins Programmheft), um die Faszination dieses "Badener Lehrstücks" über den Atlantikflug von Charles Lindbergh nachzuvollziehen: Bei der Uraufführung 1929 spielte Theo Lingen den Clown – der auf der Bühne buchstäblich zerlegt wird. Damals mit viel Theaterblut ein Skandal, in Augsburg eine Nummer, die lachend unter die Haut geht. Man denkt an Monty Pythons "Ritter der Kokosnuss" genauso wie an die kürzlich noch so medienwirksam zelebrierte Horrorclownhysterie.

Wengenroth ist ein Eklektiker par excellence, ein Selbstdarsteller und – ein ziemlich guter Regisseur. Allein wie es ihm gelingt, seine Schauspieler, allen voran Klaus Müller, einzusetzen, ist ein kleines Meisterwerk. Wie Müller den Gassenhauer von der "Marie A" serviert, ist ebenso großartig wie Thomas Prazak als wandelnde Spam-Mail, Kerstin König(in) thront über der Szenerie wie eine erfolgreiche Start-up-Puffmutter bei "Anne Will", Sebastian Baumgart hat genauso starke Momente wie unser Berufsspanier Sebastian Arranz. Matze Klopp an Flügel, Synthesizer und Laptop ist der kongeniale musikalische Sidekick, eine Mischung aus Udo Jürgens und Helmut Zerlett.

Nein, ich möchte wirklich nicht jeden Abend einen Wengenroth sehen, doch "Die Welt ist: schlecht! Und ich bin: Brecht" würde ich verdammt gerne ein weiteres Mal sehen. "Wir gucken das zum Klassiker!", meinte gestern ein gutgelaunter Besucher der Premierenparty in der "Mixed Zone" im Hoffmannkeller. Dort hat derweil die Thekenkraft die Tafel neu beschriftet. Am Tag davor stand da noch "Herzlich willkommen", nun wurde daraus "Ausschankschluss 23.30 Uhr", nach zähen Verhandlungen des Festivalteams "24 Uhr".

Ja, die Welt ist schlecht. Gut, dass der BB Augsburg e.V. noch rechtzeitig den richtigen Coach verpflichtet hat – wir freuen uns jetzt schon auf das Rückspiel im nächsten Jahr, und im Jahr danach! (flo)

Nach der Premiere am 09.03. ist "Die Welt ist: schlecht! Und ich bin: Brecht!" noch zu sehen am: 11., 17., 18., 25., 26.,03., 01., 02., 08.04., die ersten beiden Termine sind bereits ausverkauft.

Foto oben: Christian Menkel, unten: Kai Wido Meyer

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