Let There Be Club

Die Kantine, der Yum Club und der ganze Rest - Interview mit Szenegastronom Sebastian Karner

Als er zum letzten Mal als Gast vor dem Club stand, den er höchstwahrscheinlich bald übernehmen wird, ist Sebastian Karner noch am Türsteher gescheitert. „Mit diesen Schuhen? Ne!“, wurde dem Mitbetreiber der Kantine seinerzeit beschieden. Jetzt ist der Yum Club pleite. Doch Sebastian und sein Partner Jürgen Lupart handeln nicht aus Rache, für sie ist der Kellerclub am Königsplatz die ideale Location, um der Kantine eine neue Heimat zu bieten, die spätestens 2019 ihren jetzigen Standpunkt im Kulturpark West aufgeben muss. Für den 42-Jährigen wäre es der dritte Laden in der Innenstadt: neben der gemeinsam betriebenen Kantine übernahm er im Sommer 2015 die Ludwigstraßenclubs Soho Stage und Beim weissen Lamm.

Wie lief das jetzt eigentlich genau mit dem Yum Club?
Ich habe mir schon vor der Insolvenz des Yum Clubs mal überlegt, ob es, falls wir für die Kantine nichts finden, eine kleine Lösung sein könnte, sich für einen Tag im Yum Club einzumieten. Und da ich Moritz, einen der Inhaber, durch die Club- und Kulturkommission kenne, habe ich mit ihm gesprochen. Als ich von der Insolvenz gehört habe, habe ich ihn spontan angerufen.

Der Vertrag ist aber noch nicht unterschrieben, oder?
Wir stehen noch in Verhandlungen mit dem Vermieter, der Stadtsparkasse, über einen langfristigen Mietvertrag, das scheint auch in deren Sinne zu sein. Doch es gibt hier viel zu machen und zu investieren und über ein paar Dinge müssen wir noch verhandeln, bevor wir den Vertrag unterschreiben.

Im Idealfall wollt ihr im Frühjahr 2018 aufmachen?
Genau. Am 29. Juli soll der Yum Club ein letztes Mal öffnen und dann wollen wir umbauen. Wir werden alles Hässliche rausreißen und unsere Vorstellungen umsetzen: neue Lüftung und Soundanlage, neues Beleuchtungskonzept, neue Theken. Und wenn wir der Meinung sind, es ist cool, dann machen wir auf. Mit dem Yum Club wird es außer dem Grundriss nichts mehr zu tun haben.

Inhaltlich bleibt alles im Kantine-Style, also Diskoabende und Livemusik?
Exakt.

Wie würdest du die Vorteile hier zusammenfassen?
Wir freuen uns total auf die Innenstadt. Unsere Lage im Kulturpark West ist mittlerweile ein Standortnachteil, weil es für viele Augsburger einfach zu weit draußen ist.

War das früher anders?
Ich bin schon der Meinung. Noch vor wenigen Jahren waren unsere Gäste wesentlich mobiler mit Fahrrad, Taxi, Auto und Öffentlichen. Die Lust, einen Weg auf sich zu nehmen, ist nicht mehr so vorhanden.

Zurück zu den Vorteilen.
Zum einen ist es eine Verkleinerung - aktuell sind im Yum Club 500 Gäste zugelassen -, die aber angemessen ist. Die Clubs werden gerade kleiner, die Großraumkonzepte funktionieren nicht mehr. Wir können hier wieder spezieller sein und Trüffelschwein spielen. Mitten in der Stadt einen Liveclub in dieser Größe gab’s in Augsburg meines Wissens noch nie.

Wobei mit mehr Laufpublikum ganz andere Probleme auftreten können.
Die Gedanken machen wir uns natürlich auch, in der Kantine sind wir es gewohnt, dass der Gast gezielt zu uns kommt und bleibt. Das kann in der Stadtmitte ganz anders sein, da müssen wir uns drauf einstellen.

Außerdem gibt es keine Parkplätze und der Band-Nightliner kann nicht mehr direkt vor der Tür halten.
Nebenan ist ein Parkhaus mit einem Nachttarif von drei Euro. Mit einem Sprinter kann man hier auch in den Hof fahren, aber es stimmt, der Nightliner passt nicht rein. Andererseits ist der Bahnhof nahe und der Königsplatz direkt vor unserer Nase.

Und dann bildet ihr das neue Bermudadreieck: Hallo Werner, Kantine, City Club...
Das sehe ich positiv. Der platte Spruch von der Konkurrenz, die das Geschäft belebt, hat schon was Wahres. Da sind bestimmt auch Kooperationen möglich, wir sind ja eh vernetzt. Ich glaube, das kann eine super Geschichte werden, auch für die Innenstadt. Normalerweise ist es so, dass Live-Clubs von kommerziellen Angeboten verdrängt werden, hier ist genau das Gegenteil der Fall, dass das kommerzielle Angebot abgewirtschaftet hat und wir es mit einem alternativen Konzept ablösen können. Das ist schon super.

Vermutlich ist die Miete bisschen höher.
Klar, aber marktüblich, würde ich sagen. Die Kosten drum herum werden indes sinken, die Kantine ist eine energetische Vollkatastrophe. Wir werden weniger Fläche bespielen und hoffen natürlich, mehr Gäste zu ziehen. Wenn wir daran nicht glauben würden, dürften wir’s eh nicht machen.

Anwohnermäßig geht hier sowieso alles, oder?
Laut Nachfrage beim Ordnungsamt gibt’s keine Beschwerden, weil’s in nächster Nähe keine Anwohner gibt und es eh ein sehr lautes Eck ist.

Themenwechsel: Du hast vor zwei Jahren zusätzlich zu deiner Position in der Kantine die Clubs Beim weissen Lamm und Soho Stage übernommen. Wie sind deine Erfahrungen als Innenstadtwirt?
Sehr positiv. Die Lage macht manche Inhalte und Konzepte möglich, die in der Kantine einfach nicht gehen und die Hoffnung haben wir für den neuen Standort natürlich auch.

Außerdem habt ihr eine Bewerbung abgegeben für die Veranstaltungshalle im Gaswerk.
Was in Augsburg fehlt, ist eine Halle für 1000 Zuschauer. Der Kongress hat rund 1500, die Messe ist noch größer. Diese Halle würde einen Zwischenschritt bilden zwischen Clubkonzerten und größeren Geschichten. Wir haben eine Bewerbung abgegeben bei den Stadtwerken für die Halle im Gaswerk und da wird’s demnächst Gespräche geben.

Wobei die geforderte Innenausstattung mit Sanitäranlagen, Heizung, Lüftung etc. doch wohl eher Wunschtraum ist.
Was in der Ausschreibung steht, ist unrealistisch und wird so vermutlich nicht kommen.

Zurück zur Club- und Kulturkommission, bei der du im Vorstand sitzt: Was habt ihr im ersten Jahr eures Bestehens erreicht?
Wir hatten jetzt Neuwahlen und alle Vorstände und Beisitzer wollten und können weitermachen, das ist schon mal ein gutes Zeichen. Wir haben vier neue Mitglieder mit Grandhotel, Provino, Kuki und Raumpflegekultur und das zeigt auch, dass wir es schaffen, kommerzielle und nichtkommerzielle Anbieter zusammenzubringen. Das Wichtigste ist der Austausch untereinander, wir müssen nicht alle drei Monate so ein Riesenthema haben wie die Plakatierung.

Den Ausgang des Plakatstreits könnt ihr doch als Erfolg verbuchen. Oder hätte es den ganzen Terz eigentlich nicht gebraucht?
Aus meiner Sicht hätte es das alles natürlich nicht gebraucht, aber die Stadt wollte es halt so machen und alle vor vollendete Tatsachen stellen. Da sollte alles im Geheímen ablaufen, wegen Ausschreibung und so. Am Ende hat sich mal wieder gezeigt, dass etwas, das formal richtig ist, in der Praxis saublöd sein kann, wenn die, die es betrifft, nichts davon wissen. Darüber haben sich viele Leute mächtig aufgeregt und jetzt haben wir in allen Punkten Änderungen zum Positiven erreicht. Wir zählen das schon als Erfolg, aber es ist auch ein Kompromiss.

Habt ihr das Gefühl, von der Politik ernstgenommen zu werden?
Ich habe nicht das Gefühl, dass man uns nicht ernstnimmt. Vielleicht trägt der Plakatstreit dazu bei, dass beim nächsten Mal über den Tellerrand geguckt wird.

Du betonst oft, dass das Marktumfeld für Clubs immer schwieriger wird. Woran liegt's?
Studenten haben definitiv weniger Zeit. Zivildienst und Bundeswehr sind weggefallen, Phasen also, in denen die jungen Leute Zeit und Geld hatten. Dann kamen die Studiengebühren, die jetzt zwar wieder weg sind, und die Mieten sind deutlich gestiegen. Ich habe das Gefühl, dass ernsthafter studiert wird, man will keine Zeit verlieren. Da wird das Weggehen einfach weniger.

Deswegen muss man Sachen wie "Beerpong" veranstalten?
Gute Frage. Es ist schon so, dass Spaß- und Quatsch-Konzepte mehr und beliebter werden. Das geht natürlich zu Lasten von anspruchsvollerem Programm. Es ist ein Balanceakt, nur von Nischenthemen können wir nicht leben.

Obendrauf kommen die gestiegenen Künstlergagen, weil die Bands keine Tonträger mehr verkaufen?
Das ist exorbitant. Bei den Gagen ist locker eine Verdoppelung zu beobachten, wenn nicht Verdreifachung. Die CD-Verkäufe gehen fast gegen null und von Spotify oder I-Tunes bekommen die Musiker lediglich Cent-Beträge. Dann kann ein Künstler sein Geld nur durch Konzerte verdienen.

Ist das mit ein Grund für die stetig steigende Festivaldichte? Mittlerweile scheint jede Gemeinde ein Open Air zu veranstalten, dieses Jahr ist zum Beispiel Friedberg mit dem "Südufer" dazugekommen.
Das ist Wahnsinn und eigentlich wird dadurch der Markt überflutet. Teilweise steckt da auch Steuergeld drin - und ob das immer Aufgabe einer Kommune ist? So sehr ich verstehe, dass die Jugendlichen das wollen, für uns Clubs wird’s dadurch im Sommer immer noch schwieriger.

Du bist seit 1996 in der Gastronomie. Allgemein heißt es, dass es im Nachtleben viel aggressiver zugeht als früher.
Ich kann das für meine Gastronomien nicht bestätigen.

Dann hoffen wir, dass es so bleibt – und viel Glück mit dem neuen Club!
(flo)

Foto: Christian Menkel

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