Der Neue-Szene-Wahlbeobachter! Folge 3: Die Linke

Sie, ich und Frau Merkel

Eigentlich hatte die SPD ja vor, das Thema Gerechtigkeit in den Mittelpunkt des Wahlkampfs zu stellen. Das ist bislang nur so halb gelungen, wahrscheinlich auch deswegen, weil der Begriff der Gerechtigkeit für sich genommen zu abstrakt geblieben ist. Die Linke stellt es psychologisch geschickter an.

Der Spitzenkandidat Dietmar Bartsch wendet sich auf dem Großplakat direkt an den Betrachter und macht ihn mit zwei kurzen Sätzen zum Verbündeten.

„Frau Merkel behauptet, es ginge allen gut. Doch Sie und ich wissen es besser.“

Bereits die Formulierung „Frau Merkel“ ist klug gewählt. Nicht die Bundeskanzlerin, nicht Angela Merkel. Damit wird Merkel in ihrer Bedeutung möglichst minimiert. Wenn Merkel schon einen übermächtigen Amtsbonus hat, versucht man zumindest, sie durch die Titulierung auf Augenhöhe zu schrumpfen.

Die nächste Schwächung Merkels wird durch das Wort „behauptet“ angestrebt. Eine Behauptung ist zwar nicht gleich eine Lüge, aber sie ist zumindest unbewiesen.

Frau Merkel behauptet es ginge allen gut...

Behauptet Merkel das wirklich? Wahrscheinlich nicht, zumindest nicht wortwörtlich, das würde nicht zu ihr passen, denn sie meidet solche allgemeingültigen Behauptungen nach Möglichkeit. Wahr ist aber, dass die Union und ihr nahestehende Medien durchaus eine Stimmungslage befördern, die einem „Deutschland ging es noch nie so gut wie heute“ entspricht.

Und jetzt greift Bartsch an. Erster Satz: Merkel erzählt Mist.
Zweiter Satz: „Doch Sie und ich wissen es besser.“

Damit wird dem Betrachter nicht nur ein Kompliment bezüglich seines Scharfsinns gemacht, er wird durch das Wissen über die vermeintliche oder tatsächlich falsche Behauptung Merkels zum Verbündeten der Linken in Sachen Gerechtigkeit.

Eine starke Ansage, die den SPD-Plakaten in der Schärfe fehlt. (Marcus Ertle)

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