Wahlbeobachter: Ein klein bisschen Guerilla-Wahlkampf

Wahlkampf, das ist die Zeit, in der es keine Vereinssitzung gibt, die nicht zu klein wäre, um von Politikern aller Lager heimgesucht zu werden. Auf Facebook werden dann Fotos der Wahlkämpfer samt Vereinsmitgliedern gepostet, darunter steht ein Text, in dem die einzigartige Wichtigkeit des Vereins betont wird und die überschäumende Freude des Kandidaten an diesem Abend, bei genau diesem Verein Gast gewesen sein zu dürfen. Seien es die Hasenzüchter, oder auch die Amateurfunker: Irgendwas zum Lobhudeln findet sich immer. Das ist die biedere Seite des Wahlkampfs.

Manchmal gibt es aber auch kleine Sternstunden. Dann überrascht eine Partei die Öffentlichkeit mit einer Aktion, die ihr idealerweise mit wenig Aufwand viel Sympathie bringt und, als Sahnehäubchen, den politischen Gegner dumm aussehen lässt. Ein solcher Coup ist der SPD gelungen. Nachdem die Stadtregierung einen kleinen Shitstorm wegen Bänken ohne Sitzlehne über sich ergehen lassen musste und darauf mit einer etwas gewundenen Erklärung reagierte, hat Gribls Herausforderer Stefan Kiefer gehandelt.

Der SPD-Mann ließ neben die lehnenlosen Bänke der Stadt eine Holzbank mit Lehne aufstellen. Darauf der Slogan: "Ihre Wahl – Auf echt Kiefer setzen". Das ist ein klein bisschen Guerilla-Wahlkampf, und dem Ideengeber müsste die SPD eine Flasche Sekt spendieren. Wäre der SPD die Idee zwei Wochen früher, auf dem Höhepunkt der lokalen Bankkrise, gekommen, hätte es auch Schampus sein dürfen.

Alle anderen Oppositionsparteien müssten sich jetzt eigentlich in den Hintern beißen, zumindest wenn sie ein wenig Ehrgeiz haben. Sicher, manche werden jetzt unken, dass es sich bei der Aktion doch nur um eine Petitesse handelt. Dass es doch nur um ein paar Bänke geht.

Wer das sagt, hat erstens recht und versteht zweitens die Psychologie von Wahlkämpfen nicht. Es geht nicht (nur) darum mit großen Worten Stellung zu großen Themen zu nehmen. Die Stimmung eines Wahlkampfes wird oft durch kleine eigentlich völlig unbedeutende Dinge mit großer Symbolwirkung beeinflusst. Ein solches Symbol ist die Sitzbank der SPD.

Sie greift eine Schwäche der Regierung an, ohne dabei aggressiv zu sein, im Gegenteil. Statt, wie beispielsweise die Freien Wähler, dem OB und seinem Team durchweg Unfähigkeit vorzuwerfen, bietet die SPD eine freche Alternative zu den lehnenlosen Bänken der Stadt. Sie handelt offensiv ohne den Gegner anzugreifen und damit negativ zu wirken, sie macht es symbolisch einfach besser. Diese Art der Wahlwerbung erreicht ungleich mehr Wähler als zig Plakate und kostet nur einen Bruchteil davon. Jeden Tag sehen tausende Passanten die Bank, anders als an vielen Plakaten gehen sie nicht einfach vorbei, sie sehen sich die Bank an, lesen den Slogan, werden schmunzeln und werden dieses Gefühl mit dem Urheber der Aktion verbinden.

Die Gegenseite kann darauf kaum richtig reagieren. OB Gribl wird kaum die Dummheit begehen und die Bank entfernen lassen. Und selbst eine Bank mit Lehne aufzustellen würde wie peinliche Trittbrettfahrerei wirken, das gilt für allen anderen Parteien auch. Natürlich wird die Wahl am Ende nicht allein durch kreative Guerilla-Aktionen entschieden. Aber Stimmungen werden dadurch beeinflusst und Stimmen gewonnen - das ist gefährlich, besonders für Amtsinhaber. (me)

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