...das Nirwana.

Verfasst am: 29.06.2012 | Autor: Marcus Ertle

Alle denken an Europameisterschaft und Eurokrise, deswegen diese Woche ein Gespräch abseits von dem ganzen weltlichen Zeug. In der Stadtbücherei bereiten sich tibetische Mönche auf die Arbeit an einem Mandala vor, das hat man nicht alle Tage. Einer der Mönche ist für ein Interview zu haben. Na ja, aber ganz kann man auch hier nicht auf Fußball verzichten.

Neue Szene: Gut, eine wichtige Frage gleich vorweg, damit wir das geklärt haben. Ihr Tipp, wer wird Europameister?
Mönch (überlegt): Deutschland!

Alle denken an Europameisterschaft und Eurokrise, deswegen diese Woche ein Gespräch abseits von dem ganzen weltlichen Zeug. In der Stadtbücherei bereiten sich tibetische Mönche auf die Arbeit an einem Mandala vor, das hat man nicht alle Tage. Einer der Mönche ist für ein Interview zu haben. Na ja, aber ganz kann man auch hier nicht auf Fußball verzichten.

Neue Szene: Gut, eine wichtige Frage gleich vorweg, damit wir das geklärt haben. Ihr Tipp, wer wird Europameister?
Mönch (überlegt): Deutschland!

Eine kluge Antwort, spielt man in Tibet eigentlich auch Fußball?
Ja, es gibt sogar eine eigene Nationalmannschaft, aber China erlaubt nicht, dass sie internationale Spiele bestreiten.

Das Verhältnis zu China kann man allgemein wohl als ausgesprochen schlecht bezeichnen.
Unser Land wurde vor mehr als sechzig Jahren von China besetzt, heute kämpfen wir für Menschenrechte in Tibet, nicht für ein unabhängiges Tibet. Es würde auch China nutzen, wenn es uns Menschenrechte zugesteht und in einen friedlichen Dialog mit uns tritt. Unser geistiges Oberhaupt, der Dalai Lama, ist strikt gegen Gewalt.

Wie lange arbeitet man eigentlich an einem Mandala?
Vier Tage, jeden Tag zehn Stunden lang.

Und wenn es fertig ist?
In einer Zeremonie wird es wieder aufgelöst.

Was ist der Sinn dahinter?
Wir wollen damit mit Menschen und Tieren Energie und Freude teilen.

Aber wieso wird es zerstört?
Wir sagen, dass alle Dinge endlich sind und das Mandala ist ein Symbol für diese Endlichkeit.

Aber all die Mühe! Was wäre, wenn jetzt irgendwer das Mandala vor der Fertigstellung kaputtmacht?
(lacht) Nichts, dann machen wir eben ein neues Mandala, das ist übrigens heute Morgen passiert, ein kleines Kind hat das angefangene Mandala verrieben.

Wird man da nicht auch als Mönch mal sauer?
Nein, das Kind wusste ja nicht, was es ist.

Um ein wenig in den Buddhismus einzutauchen - wenn alles vergänglich ist, welchen Sinn hat dann das Leben und unser ganzes Streben?
Wir sterben und kommen wieder, sterben und kommen wieder und nehmen unsere Probleme mit, unser Karma. Der Sinn ist, die Probleme loszuwerden und das Nirwana und komplettes Glück zu erreichen.

Was ist das Nirwana?
Das ist nicht leicht zu verstehen, wenn man das Nirwana erreicht, existieren die Probleme nicht mehr, man hat keinerlei Wünsche, keine Begierden mehr, man kann allerdings auf die Welt zurückkommen und anderen Menschen helfen, auch wenn die Seele gereinigt ist. Man kann aber auch als Lichtwesen im Universum bleiben, in Ihrer Kultur nennt man es Engel. Aber der Weg zum Nirvana ist lang und wir müssen viele kleine Schritte tun, uns von den Begierden lösen und üben.

Die Welt ist demnach zum Üben da?
Ja, das kann man so sagen.

Wieso ist das oft so schmerzhaft?
Weil wir falsche Dinge tun.

Was ist mit Krankheiten, mit Unfällen?
Jeder Mensch hat ein anderes Karma, deswegen hat jeder einen anderen Weg zu gehen. Oft gehen wir einen falschen Weg und leiden deswegen jetzt und in späteren Leben. Es gibt keine Zufälle, alles ist Karma.

Hatten Sie niemals Begierden?
Doch, aber all diese Begierden machen nur für kurze Zeit glücklich, denn sie sind zwangsläufig vergänglich und wenn wir sie zu stark praktizieren, gelangen wir in eine Sackgasse, weil wir zu sehr abhängig von ihnen sind. Natürlich sind die Dinge, die man zum Leben braucht, wichtig, ohne Geld kann man sich nicht ernähren, ohne Frau kann man keine Kinder zeugen.

Dann ist der Weg zum Glück die Entsagung?
Nehmen wir als Beispiel ein Auto. Sie wollen das Auto unbedingt haben, sie freuen sich darauf und dann bekommen sie es, doch damit fängt auch ihre Abhängigkeit und die Probleme an. Sie müssen es pflegen, brauchen eine Garage, haben vielleicht einen Unfall. Es ist nicht gut, wenn ihre Seele zu sehr daran hängt, wenn ihre Seele nicht daran hängt, dann können sie auch ohne ein Auto glücklich sein und haben mehr inneren Frieden.

Andere sagen, es ist das Beste, wenn man das Leben bis zur Neige auskostet und dann satt ist und nicht mehr will.
Das können aber nur wenige Menschen, meistens wird es dazu führen, dass die Menschen immer mehr wollen, und selbst wenn die Menschen es auskosten, werden sie irgendwann, wenn sie dann genug davon haben, nicht glücklich sein.

Am Ende steht demnach immer Leiden.
Aber wir beginnen auch immer wieder von Neuem und lernen auf unserem Weg zum Nirvana hinzu.

Mit diesem Glauben sind Sie aufgewachsen, woran sollen sich Menschen ohne diesen Glauben halten?
Natürlich haben diese Menschen einen ganz anderen kulturellen Hintergrund, ich denke, sie sollen sich anderen Religionen zuwenden, das können alle Religionen sein, man muss auch nicht einmal selbst religiös sein. Wichtig ist, sich mit anderen Menschen auszutauschen, Dinge zu teilen und sich oder seinen Glauben gegenüber anderen nicht zu erhöhen und zu meinen, man sei der Beste. Glück kann auch aus anderen Quellen als der Religion kommen, wenn jemand auf seine Art lang anhaltendes Glück bis zum Tod findet, ist das wunderbar.

Werden auch Atheisten wiedergeboren?
Ja, das geschieht automatisch, ob man daran glaubt oder nicht.

Haben Ungläubige Nachteile, was das Karma angeht?
Sie müssen ihren eigenen Weg finden ihre Probleme zu lösen, wenn sie diesen Weg alleine finden, ohne zu glauben, ist es gut.

Wenn es diesen Weg überhaupt gibt.
Wenn ein Mensch völlig unglücklich ist und nicht glaubt: Welchen Weg soll er gehen? Das frage ich jetzt Sie.

Vielleicht soll er sich überlegen, was ihm wirklich wichtig ist und dann muss versuchen, das zu leben, aber vielleicht ist er dann auch nicht glücklich, weil es ihn nicht erfüllt.
Meiner Meinung nach kann er die Lösung in einer Religion finden, ich denke alles ist von Anfang an mit Religion verbunden, oder mit religiösen Menschen, anderen Kulturen. Sonst gerät man leicht in eine innerliche Sackgasse.

Was ist mit Einsamkeit?
Man muss sich und andere Menschen lieben, sich mit ihnen austauschen und bescheiden bleiben. Ich bin der Beste, ich weiß alles – das ist der falsche Weg und macht krank. Man muss sein Herz und seinen Verstand mit anderen Menschen teilen. Alleine zu bleiben, ist kein Weg, der zum Glücklichsein führt.

Was ist mit dem weltabgewandten Eremiten?
Die gibt es, aber sie teilen ihre Gedanken mit anderen Menschen, sie wenden sich nicht von den Menschen ab, sie sind mit ihnen verbunden und helfen ihnen mit ihrer Energie.

Wie gehen Sie mit Begierde um, wenn Sie z.B eine oder mehrere begehrenswerte Frauen sehen?
Wenn Sie eine schöne Frau sehen und begehren, stellen Sie sich ihren bekleideten Körper vor, dann stellen Sie ihn sich ohne Kleider vor, dann stellen Sie sich vor, wie ihr Körper von innen aussieht, ihre Organe, ihr Skelett und Sie erkennen, dass der Körper nur eine sterbliche Hülle ist, von der man sich angezogen fühlt. Von dieser Ebene kommen Sie dann zum Geist, das ist die wertvollere Ebene, und wenn man diese Bewusstseinsschritte immer weiter geht, löst man sich von der Gier.

Und das funktioniert?
(lacht) Bei mir funktioniert es seit vielen Jahren, ich muss es nicht mehr üben.

Was macht den Menschen aus?
Unsere Seele, denn sie geht niemals verloren, entweder kehren wir mit unserer Seele wieder, oder wir bleiben als Seele im Nirvana.

Treffen wir geliebte Menschen in einem anderen Leben wieder?
Ja, wenn Sie den starken Wunsch haben, den Menschen wiederzusehen, Sie können allerdings auch als Tier wiedergeboren werden und landen als Hund im Haus der Frau, die sie lieben und wiedersehen wollen.

Ein gutes Argument für Vegetarismus.
Deswegen lieben wir Tiere und tun ihnen nichts an, denn wir wissen nicht, wer sie in einem vorherigen Leben waren.

Wie träumen Sie?
Es gibt einen Traum, den ich immer wieder hatte, bereits in Tibet. Ich habe ein großes, weißes Haus gesehen und ging hinein, sah Tische, Stühle, Betten. Dieser Traum wurde wahr, ich habe das Haus Jahre danach in Freiburg gesehen. Träume, die immer wiederkehren, gehen in Erfüllung.

Was gab's heute bei Ihnen zum Essen?
(lacht) Zum Frühstück hatte ich deutsches Brot, Marmelade, Käse, Butter und Joghurt!

Marcus Ertle