Zurück in die Zukunft: Der Macher

Sebastian Kochs zählt mit Sicherheit zu den bedeutendsten Kulturmachern unserer Stadt. Das x-large-Festival, Modular, lab30, Popcity, Grandhotel Cosmopolis oder Kulturpark West sind nur einige Projekte, die er initiiert oder federführend geleitet hat. Walter Sianos traf Basti zu einem Gespräch über die Good Old Days.

Basti, wo fangen wir denn bei dir an?
Bitte bloß nicht ganz von vorne (lacht).

Wenn ich so zurückspule, dann tauchst du in meinen Wahrnehmungen erstmals Mitte der 80er Jahre auf. Und zwar mit deiner damaligen Band Blues Coorporation.
Dass du dich noch an den Namen erinnern kannst, Respekt! Als wir Blues Coorporation gegründet haben, waren wir Teenager. Wir saßen ohne Führerschein in Königsbrunn und der Weg nach Augsburg war eine halbe Weltreise. 1985 erschien in Augsburg der “2000 Töne”-Sampler mit vielen neuen und aufregenden Bands und wir wollten natürlich dazugehören. Unser erster Auftritt in Augsburg war 1984 in der Kresslesmühle.

Ihr habt in einer Phase Blues und Soul gespielt, als Augsburg gerade mit Punk- und New Wave beschäftigt war. Ganz schön mutig.
Das stimmt. “Schuld” war ein Freund meines Vaters, der mir damals zwei Kassetten mit alten Blues-Platten aufgenommen hatte. Danach war ich voll infiziert und habe meinen jüngeren Bruder Toffer mitangesteckt. Ab da gab es kein Halten mehr für uns.

Mit Erfolg, denn mit eurer Nachfolgeband Apron wart ihr von 1986 bis 1994 eine der erfolgreichsten Bands der Stadt. Euer erklärtes Ziel war es schon, Rockstars zu werden?
Ja, Rockstars mit einem großen R, aber ich habe nur das R gekriegt (lacht). Augsburg war damals einfach kein Standort, um große Karriere zu machen. Wir waren regional schon sehr erfolgreich, hatten richtig viele Auftritte, aber der ganz große Durchbruch wollte einfach nicht gelingen. Nach drei Longplayern, einer Single und einer Menge Spaß haben wir uns dann 1994 aufgelöst.

Die Familie Kochs hat in Augsburg nachhaltige Spuren hinterlassen. Dein Bruder Christofer ist seit Jahren ein erfolgreicher Maler, deine Neffen David und Moritz sind in der Musikbranche als DJ und Musiker aktiv. Woher rührt diese familiäre Kreativität, hat man euch die in die Wiege gelegt?
Die beiden größten Komplimente, die unser Großvater vergeben hat, waren “der ist hochmusikalisch” und “der kommt aus gutem Hause”. Darauf wurde bei uns viel Wert gelegt und das hat uns auch geprägt. Musik und Instrumente waren sehr früh ein Thema bei uns, genau wie bildende Kunst.

Als Apron sich aufgelöst hatte, begann für dich der Ernst des Berufslebens. Deine erste Station: Radiomoderator.
Ich habe mein Leben damals relativ lange in der Schwebe gehalten. Ich hatte schon während der Apron-Phase angefangen, deutsche Literatur und Kommunikationswissenschaft zu studieren, aber wenn ich ehrlich bin, schon eher mit angezogener Handbremse. Ein Kommilitone hat mich dann gefragt, ob ich mit meiner Einstellung eines Tages als Taxifahrer enden will. Diese Worte haben mich immerhin so weit motiviert, dass ich mich für ein Praktikum bei Radio Skyline beworben habe.

Das war …?
... 1988, da ist das Lokalradio so langsam ins Rollen gekommen. Ich bin damals etwas abgerockt mit langen Haaren und Motorradkombi zum Gespräch eingelaufen. Auf dem Weg dahin habe ich zufällig Silvia Laubenbacher getroffen, die damals Chefin von Radio Kö war. Die beiden Sender residierten damals im selben Gebäude.

Die Laubenbacher, die heute bei augsburg TV moderiert?
Genau die. Sie hat mich erst einmal gemustert und gefragt, wo ich überhaupt hin will. Ich dachte mir, die wirft mich jetzt gleich raus. Als ich ihr erklärte, dass ich wegen eines Praktikums hier bin, sagte sie zu meiner Überraschung: “Nee nee, sie machen hier kein Praktikum. Sie kommen nächsten Donnerstag wieder vorbei, da ist bei uns Moderatorencasting!” Anscheinend hat meine Stimme einen nachhaltigen Eindruck bei ihr hinterlassen. Aus 120 Bewerbern wurden bei diesem Casting dann drei ausgesucht, einer davon war ich.

In der Folge hast du bei so ziemlich allen Sendern dieser Stadt gearbeitet.
Das stimmt, mit Radio Kö ging es los, dann folgte Skyline, RT1 Nordschwaben und meine letzte Station war Radio Fantasy. Ich habe mein Studium fertiggemacht und war danach nur noch als Moderator tätig. Das war eine coole Zeit, denn ich musste täglich nur vier Stunden ran und habe dafür ziemlich gutes Geld bekommen.

Nach dem Studium folgte eine sehr erfolgreiche Zeit beim Stadtjugendring.
Genau, ich wollte einen neuen Schritt im Berufsleben machen und eine Freundin hat mir gesteckt, dass der Stadtjugendring einen neuen Projektleiter sucht. 1995 hat der sjr zum ersten Mal das x-large-Festival organisiert und irgendwie befand sich da noch alles in den Kinderschuhen. So etwas wie Pressearbeit war praktisch nicht existent, es gab wenig Sponsoring-Partner und kein Merchandising. Ich wurde zum Bewerbungsgespräch eingeladen und bin da mit einem bunten Strauß an Ideen reingegangen. Kurze Zeit später hatte ich den Job.

Der x-large-Testballon 1995 hat so eingeschlagen, dass eine Fortsetzung erwünscht war.
Absolut, die Idee dazu war toll, aber die Umsetzung war noch eher suboptimal. Letztendlich haben Markus Mehr und Alaska Winter, die drei Monate vor Festivalbeginn kurzfristig als Booker eingestiegen sind, das Ding gerettet.

Bei der zweiten Auflage 1998 in der Innenstadt ist das x-large dann durch die Decke gegangen.
Das war ein Quantensprung in Richtung Professionalisierung. Wir haben uns sofort in die Arbeit gestürzt und zunächst Sponsoringpakete geschnürt, die viele Abnehmer fanden. Noch dazu hatten wir ein richtig glückliches Händchen mit dem Booking, wie etwa bei den Guano Apes, die den Rathausplatz gesprengt haben.

Das dritte Festival 2001 hat die kühnsten Erwartungen übertroffen. So etwas hatte die Stadt bis dato noch nicht gesehen.
Nach dem Umzug von der Innenstadt auf das Plärrergelände waren die Sponsoring-Partner plötzlich so große Firmen wie Red Bull, Krombacher, Erdinger, C&A, Galeria Kaufhof oder Afri Cola. Ich kann mich noch erinnern, wie ich in der Firmenzentrale von T-Mobile in Bonn zu Verhandlungen saß. Das x-large 2001 war eines der größten Umsonst- und Draußen-Festivals in ganz Deutschland. 1995 hatten wir 120.000 Besucher, 1998 waren es bereits 250.000 und 2001 fanden 400.000 Menschen den Weg aufs x-Large.

Ist x-large am eigenen Erfolg gescheitert?
Ja, das kann man so sagen. Alles wurde zu groß und die Politik hat nicht mehr mitgezogen. Es musste also etwas Neues her.

Es dauerte aber immerhin bis 2009, ehe mit dem Modular ein neues Festival installiert wurde.
Nach dem 2001er-Festival haben wir auf mehreren, kleineren Baustellen agiert, wie etwa bei den Junity-Reggae-Days. Wir haben auch einige Jahre mit euch, also mit der Neuen Szene, “Band des Jahres” und von 2004 bis 2006 das Popcity-Festival am Eiskanal und beim Gaswerk gemacht. 2002 und 2006 zu den Fußballweltmeisterschaften gab es Public Viewing auf dem Rathausplatz, 2003 die Rampe-3-Reihe zum 25-jährigen Jubiläum der Punk-Bewegung. Und was viele vielleicht gar nicht mehr wissen, wir haben auch den Kulturpark West angeschoben. Wenn uns der Bayerische Jugendring damals nicht ausgebremst hätte, wäre der sjr wohl auch der Träger geworden. Stattdessen sind aus rechtlichen und organisatorischen Thomas Lindner und Peter Bommas in die Bresche gesprungen.

Wenn wir schon im Kulturpark sind. Du hast lab30 vergessen!
Die Idee dazu kam wegen Sebastian Giussani, der zu dieser Zeit auf der Kunsthochschule in München studiert hat. Dort fand das Medienkunst-Festival “Elektrokonferenz” statt und das fand ich spannend. Das Abraxas dümpelte damals immer so ein bisschen zwischen Kindertheater und Kleinkunst herum. Zusammen mit Peter Bommas und Ute Legner haben wir dann eine Skizze entworfen und sind damit zur damaligen Leiterin Elke Seidel gegangen und haben ihr die Idee mit lab30 vorgeschlagen. Sie war sofort Feuer und Flamme. Das Wort Laboratorium lag schon in der Luft, und weil das Abraxas in der Sommestrasse 30 beheimatet ist und wir sahen, dass die passende Domain noch frei war, haben wir es kurzerhand “lab30” getauft.

War das damals auch schon so eine Nerd-Convention?
Ja, total! Ein Glücksgriff war die Kollaboration mit der FH Gestaltung, wir konnten Professor Robert Rose für uns gewinnen und so nahm das Ding ziemlich schnell Fahrt auf.

Was viele gar nicht wissen, Du hast auch das Modular-Festival erfunden.
Die Diskussionen und Forderungen nach einem Festival in der Innenstadt sind immer wieder aufgelodert. Die damalige Kulturreferentin Eva Leipprand hatte dazu eine Studie in Auftrag gegeben und die Wünsche und Sehnsüchte der Jugendlichen waren ganz klar. So bekam der sjr den Auftrag, 2009 ein neues Festivalformat in der Innenstadt zu installieren. Die Vorgabe: es musste Indoor stattfinden. So entstand die Idee zu verschiedenen Veranstaltungs-Modulen. Daher auch der Name Modular.

Mit Musik, Poetry Slam, Workshops ...
Genau, dazu haben wir völlig neue Locations für dieses Festival generiert, wie etwa die Stadtmetzg, den Moritzsaal, das Konservatorium und verschiedene Augsburger Clubs. Modular ist vom Fleck weg super angekommen und war somit geboren.

Nach dreizehn Jahren war 2011 war für dich dann Schluss beim Stadtjugendring.
Da muss man jetzt nicht um den heißen Brei drum herumreden, der Abschied vom sjr war damals nicht in gegenseitigem Einvernehmen. Das Ende war für mich sehr überraschend und auch ziemlich heftig.

Eine Tür ging zu, die andere auf. Danach warst du einer der entscheidenden Aktivisten, die das Grandhotel Cosmopolis aus der Taufe gehoben haben.
Nach meinem Job beim sjr hatte ich mich erst einmal zurückgezogen. Ich bin dann Monate später auf eine Vernissage von meinem Bruder Toffer gegangen und habe dort Georg Heber getroffen, den ich schon von seinen Kulturprojekten “Muhackl und Blutwurst” und “Jean Stein” kannte. Er kam direkt auf mich zu und meinte, dass er heute Abend in erster Linie wegen mir hier sei. Er hatte nämlich ein neues Projekt im Auge und wollte mich an Bord haben. Letztendlich muss ich sagen, das Grandhotel war das größte Abenteuer meines Lebens!

Warum?
Mir war an diesem Abend nicht klar, wohin mein Weg führen wird. Aber die Idee eines interkulturellen Zentrums für Kulturschaffende und Flüchtlinge mit Hotel, Küche und Veranstaltungen, das in einem leerstehenden Altenheim quasi im Herzen der Stadt entstehen sollte, faszinierte uns alle. Das Haus gehörte der Diakonie, dort war man von unserer Idee gleich sehr angetan. Die letzte große Hürde war die Regierung von Schwaben. Bei unserem ersten Treffen standen auf der einen Seite zwei bunte Freaks, auf der anderen zehn ältere Semester in Anzügen. Das war sicher ein bizarres Bild. Nach unserer empathischen und leidenschaftlichen Vorstellung des Projekts bekamen wir am Tag darauf zu unserer Überraschung sehr unbürokratisch die Schlüssel ausgehändigt und alles nahm seinen Lauf. Es war wirklich eine sehr befriedigende Zeit. Aber trotzdem war mir klar, dass ich mir einen neuen Job suchen würde, sobald dort alles lief.

Und schon öffnete sich die nächste Türe ...
Wie es eben so ist. Ich bin 2010 als Gitarrist bei den Creeping Candies eingestiegen. Mein Bandmate Johann “Pulle” Pupeter, der damals schon als Techniker für die Stadthalle Gersthofen arbeitete, hat mir 2013 erzählt, dass im Kulturamt Gersthofen eine Stelle frei wird, für die ich prädestiniert wäre. Ich habe mich also beworben und bin seit dem 01.01.2014 beim Kulturamt in Gersthofen für das Marketing und die Öffentlichkeitsarbeit der Stadthalle, des Ballonmuseums und der Stadtbibliothek zuständig.

Wenn man so viel erlebt und erschaffen hat wie du … Hat man da noch einen unerfüllten Traum?
Beruflich nicht mehr. Aber ich wollte als Musiker immer mal bei einer Nightliner-Tour dabei sein. Auch wenn es eng und stickig ist, lebt man aber einen eigenen Rhythmus und in einer anderen Welt. Diesen Spirit hätte ich gerne einmal gespürt. (ws)

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