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Augsburg – Blödsinnige verschiedenen Grades
Gestern ist mir beim Surfen auf Arno Löbs Skandalzeitungsseite ein reizendes Dokument der Zeitgeschichte aufgefallen. Ein Dokument, das mich sozusagen mit der Gegenwart versöhnt hat. Im 19. Jahrhundert dachte sich ein Bezirksgerichtsrat: Wieso nicht einmal die Augsburger einer strengen physiologischen und psychologischen Bestandsaufnahme unterziehen? Schließlich gibt es sie schon so lange!
Das Ergebnis des Arztes war dann eher wenig schmeichelhaft für die Augsburger. Wenn man sich die diversen Krankheiten und Abnormitäten ansieht, wundert man sich, dass die Stadt überhaupt noch existiert und nicht längst wegen "schlechten Zähnen, Kröpfen, Schlaffheit der Muskulatur und Ausdruckslosigkeit des gesamten Körpers" eine Art schwäbische Quarantänestation wurde. Wie konnte sich eine Bevölkerung mit so zerrütteter Gesundheit, die scheinbar aus "einer Menge Blödsinniger verschiedenen Grades" bestand, gegen die Evolution behaupten?
Soweit ich weiß, wurde dieser Aspekt offiziell nie erforscht. Dabei könnte man daraus sicher nützliche Erkenntnisse gewinnen. Die Augsburger scheinen ja eine sehr zähe Sippschaft zu sein, sicher würden sie mit diesen Anlagen widrigste Umstände überleben. Nehmen wir einen Atomkrieg. Wahrscheinlich hätte ein nuklearer Angriff den Augsburgern überhaupt nichts ausgemacht, sie würden es gar nicht mitbekommen haben, hätten sich nur über den komischen Rauchpilz über der Stadt gewundert, aber das auch nicht sehr lange.
Aber wahrscheinlich sind die heutigen Augsburger auch nicht mehr aus dem verwachsenen Holz ihrer Vorfahren geschnitzt. Die Zivilisation hat sie mürbe und satt gemacht. Lediglich die Ausdruckslosigkeit des gesamten Körpers und die Menge Blödsinniger verschiedenen Grades konnte die Jahrhunderte über bewahrt werden. Aber auch das ist wichtig. Was wäre die Stadt schon ohne die stoischen Tramfahrer und Drogerie-Müller-Verkäuferinnen, die die Kunst der Ausdruckslosigkeit aufs Edelste verfeinert haben? Und ohne die Menge Blödsinniger (verschiedenen Grades) wäre es sterbenslangweilig. Jede Metropole, jede Stadt, jedes Dorf, ja jede Familie, braucht im Grunde jemand Blödsinnigen, der für Unruhe und Belustigung sorgt.
Dabei ist die Frage, wer blödsinnig ist, naturgemäß sehr schwer zu beantworten. Es gibt Blödsinnige, die Stein und Bein schwören würden, dass sie überhaupt nicht blödsinnig sind. Die sogar empört wären, würde man sie blödsinnig nennen. Das sind die unwissentlich Blödsinnigen – eine oft gefährliche, manchmal besonders unterhaltsame Blödsinnigengruppe. Noch komplizierter wird es, wenn unwissentlich Blödsinnige von ganz normalen Menschen behaupten, dass die, und nur die, besonders blödsinnig wären. Aber wie will man einem Blödsinnigen erklären, dass er und nicht die anderen blödsinnig sind? Das wäre ein wirklich blödsinniges Vorhaben und schon würde man selbst als Blödsinniger gelten oder tatsächlich blödsinnig werden.
So in etwa stelle ich mir die Arbeit im Augsburger Stadtrat vor. Kein Wunder, dass die Leute da anständig bezahlt werden müssen, schließlich laufen sie jeden Tag Gefahr, den mutmaßlichen Rest an Verstand zu verlieren, der sie befähigt hat, in den Stadtrat einzuziehen. Aber das kann auch gefährlich werden. Einmal wollte sogar ein Stadtrat aus dem Fenster des Sitzungssaals springen, man weiß allerdings bis dato nicht, ob der Grund die eigene Blödsinnigkeit war oder doch eher die Verzweiflung über die Blödsinnigkeit der restlichen Stadträte. Vielleicht sollte ich auch erwägen, beim nächsten Mal zu kandidieren, so lange es meine geistige Verfassung noch erlaubt. (me)






