Magazin

Eintagsfliege

Begegnung mit einer Kampfmaschine

Das hier wird kein amüsanter Text. Über die Begegnung mit einem Kampfhund...

Das hier wird kein amüsanter Text. Es geht um die Begegnung mit einer Kampfmaschine. Ich weiß, dass manche dieses Wort ablehnen werden, aber dazu später mehr. Als ich gestern in Berlin war, wurde ich Zeuge der brutalsten Situation meines Lebens. Ich hielt mit dem Rad an einer Ampel, als ich fünfzig Meter entfernt Schreie hörte. Ein Kampfhund griff einen dieser kleinen zottigen Schmusehunde an. Er griff ihn an. Diese Formulierung klingt zu harmlos. Der Kampfhund verbiss sich in der Kehle und der Schnauze des kleinen Hundes und schleuderte ihn herum wie eine leblose Puppe.

Ich dachte immer, ich sei ein typisches Medienkind meiner Zeit, das durch unzählige Darstellungen von Leid und Gewalt abgestumpft wäre. Das war ein Irrtum. Die theoretische Abgestumpftheit aus der Ferne und das tatsächliche Entsetzen, wenn man mit brutalster Gewalt konfrontiert wird, sind zwei völlig verschiedene Dinge. Das begreift man allerdings erst, wenn man es selbst erlebt. Das Herrchen des kleinen Hundes kämpfte verzweifelt gegen den Kampfhund. Er warf sich auf ihn, er schlug auf ihn ein, er trat ihn, er versuchte ihn von seinem Hund wegzuzerren. Vergebens. Der Kampfhund war eine kompakte Tötungsmaschine. Ich war erstarrt.

In der übersteigerten Vorstellung, die man von sich selbst hat, sieht man sich meistens als Held. Im Ernstfall ist man, auch mangels Erfahrung, vor allem hilflos. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich hatte keine Waffe dabei und selbst wenn ich beispielsweise ein Pfefferspray oder einen Stock gehabt hätte – gegen einen wilden Kampfhund hilft das im Zweifel nicht viel und er wird noch aggressiver -, aber so weit dachte ich in dem Moment nicht.

Ich lief zu den Hunden. Der kleine Hund mit dem weißen Fell bewegte sich scheinbar nicht mehr, inzwischen hatten sich drei weitere Männer auf den Hund gestürzt, im wahrsten Sinn des Wortes gestürzt, aber er hörte nicht auf sich in dem kleinen Hund zu verbeißen. Alle schlugen sie verzweifelt auf den Kampfhund ein, sein Besitzer stand hilflos daneben.

Ich rief die Polizei. In dem Moment zog ein Passant an den Hinterbeinen des Kampfhundes, wodurch dieser von seinem Opfer abließ und sich auf den nächststehenden Menschen stürzte. Der lief rückwärts weg, auf die Straße, stolperte, fiel und der Kampfhund wollte sich auf ihn stürzen, was dadurch verhindert wurde, dass ein weiterer Passant die Leine greifen konnte und den Hund von dem Mann auf dem Boden wegzog. Der Kampfhund war mit einem mal völlig still. Seine Besitzerin kam, er setzte sich brav hin und schaute stoisch in die Runde.

Um den kleinen Hund hatte sich jetzt eine kleine Traube helfender Menschen gebildet. Sein Herrchen streichelte ihn, sprach beruhigend auf ihn ein. Der Hund blutete, atmete aufgeregt, zuckte mit seinen verletzten Pfoten. Das Gesicht und die Kleidung seines Herrchens war voller Blutspritzer. Die Tierambulanz war zwar inzwischen verständigt, aber niemand war verfügbar. Wir boten dem Mann, der keine Brieftasche bei sich hatte an, ihm ein Taxi zu zahlen, aber sein Auto stand irgendwo in der Nähe und er rannte los. Wir blieben mit dem Hund zurück, Rico, so hatte ihn sein Herrchen genannt. Eine fremde Frau ging neben dem kleinen zitternden Hund in die Hocke, streichelte ihn, zog ihren schönen Schal aus und legte ihn auf den blutenden Körper des Hundes und wärmte ihn damit. Ich habe in die Augen von Rico geschaut. Er hatte Angst, blinzelte, blickte uns an. Ich musste fast weinen. Dann schaute ich zum Kampfhund.

Es ist seltsam. Man geht eigentlich davon aus, dass das Böse und Bösartigkeit identisch sind. Aber ich sah keine Bösartigkeit, ich sah etwas Schlimmeres. Ich sah das absolute Böse in Form totaler Gleichgültigkeit. Ich weiß, jetzt kann man einwenden, dass Tiere nicht gut oder böse sind, und dass Gleichgültigkeit keine Kategorie ist, mit der man Tiere erfassen kann. Aber das stimmt so nicht. Hunde sind die intelligentesten Tiere, noch intelligenter als Menschenaffen und sie sind durchaus zu Scham fähig. Aber was ich sah, war eine zufriedene Tötungsmaschine.

Manche werden jetzt einwenden, dass nicht der Hund böse sei, sondern das Herrchen. Dass der Kampfhund im Grunde in ganz normaler Hund wäre, der erst zu dem gemacht wurde was er ist und dass er bei richtiger Erziehung lammfromm sei. Dazu habe ich meine eigenen Gedanken. Die Frage, ob der Hund oder das Herrchen böse sei, ist unwichtig. Es geht ja nicht um eine theoretisch-philosophische Suche nach dem Bösen. Es geht darum, dass die sogenannten Kampfhunde sich immer wieder in unbeherrschbare Kampfmaschinen verwandeln. Das liegt auch daran, dass sie zu diesem Zweck gezüchtet wurden und dass nachweislich die meisten Besitzer solcher Hunde große soziale Defizite haben. Die Aussage also, man könne jeden Hund so gut erziehen, dass er niemandem etwas zu Leide tut, geht am Kern der Sache vorbei.

Tatsache ist, dass ein Kampfhund mit einer Waffe vergleichbar ist und zudem gefährlicher als jede Waffe ist. Keine Pistole entsichert sich selbst, ziel auf sein Opfer und schießt das Magazin leer und lädt nach. Ein außer Kontrolle geratener Kampfhund, und um solche geht es, ist eine Kombination aus Waffe und Amokläufer. Und noch etwas zu dem Argument, dass auch andere Hunde zubeißen: Ja, auch Dackel und Pudel beißen zu, aber wenn sie zubeißen töten sie keine Menschen, sie überfallen keine Sechsjährigen auf dem Sportplatz und beißen sie tot.

Und dann sah ich das Herrchen dieser Tötungsmaschine, das bei den Polizisten stand, die inzwischen eingetroffen waren und den Kampfhund nur deswegen nicht sofort erschossen hatten, weil er im Moment ihres Eintreffens keinen Menschen angegriffen hatte. Das Herrchen entsprach dem Klischee. Macho. Tätowiert. Gegelte Haare. Der Typus Mann, der seinen Freunden gegenüber eine kindliche Treue an den Tag legt und seine Feinde zusammentritt.

Tue ich ihm damit Unrecht? Er war verzweifelt. Aber nicht wegen Rico, der immerhin atmete und sich zaghaft bewegte, sondern aus Angst um seinen Kampfhund. Wieso frage ich, braucht jemand einen solchen Hund? Wieso nimmt er die Gefahr, die von ihm ausgeht, in Kauf? Wie fühlt man sich, wenn man mit einem Tier durch die Stadt läuft, von dem man weiß, dass es wiederholt andere Tiere und Menschen getötet hat? Ein Tier vor dem jeder informierte Passant Angst haben muss? Ich sage: Weil Ihnen die Angst der anderen gefällt, auch wenn sie es wohl eher Respekt nennen würden. Das kleine Ego, das schwache Selbstwertgefühl wächst mit einer treuen, angsteinflößenden Waffe an der Leine.

Ein Polizist zog jetzt seine Pistole, weil dem Hund sein Maulkorb weggerutscht war, aber sein Herrchen rettete die Situation. Ich möchte ehrlich sein. Ich hätte mich gefreut, wenn der Polizist den Kampfhund erschossen hätte. Seltsamerweise suchte der Besitzer des Kampfhunds jetzt meinen Blick und schaute mich verzweifelt und wie um Trost oder Vergebung bittend an, ich schaute zur Seite.

Inzwischen war das Herrchen von Rico mit dem Auto zurück. Alle wollten wir ihm beim Transport irgendwie helfen. Die Tür aufhalten, die Decke in der Rico eingewickelt wurde tragen, mitfahren um den Hund auf der Rückbank zu beruhigen. Das Herrchen fuhr schließlich los und bedankte sich. Ob Rico den Angriff überlebt hat, weiß ich nicht. Ich hoffe es. (me)

Weitere Eintagsfliege
Bild
Eintagsfliege

Wer ist ist schuld am urplötzlichen Stauaufkommen in unserer Stadt...

Bild
Eintagsfliege

Männliche Gedanken zum Mädchentag

Bild
Eintagsfliege

Im Antonsviertel sind Flyer mit der Botschaft "Das Modular muss weg!" aufgetaucht

Tagestipps
Bild
Modular 2026 on.jpg
SAMSTAG
23
T A G
E S T
I P P
Festival
Gaswerk Augsburg
Sa. 23.05.
Festival
Gaswerk Augsburg
Sa. 23.05.
Festival
Gaswerk Augsburg
So. 24.05.
Festival
Gaswerk Augsburg
So. 24.05.
Festival
Gaswerk Augsburg