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Der Fahrbahn entgegen
Für mich ein steter Quell der Freude, der Inspiration, des Nervenkitzels: Fußgänger. Sie sind so witzig. Gestern fuhr ich mit dem Rad auf dem Fußweg (!) an einem Fußgänger vorbei. Er rief mir missgelaunt hinterher: "Du fährst in die falsche Richtung." Das fand ich lustig. Als wüsste er, wohin ich fahren will. Als ich ihm den Sachverhalt zu bedenken gab, lachte er selbst aber nicht, sondern hob nur drohend die Faust.
Ich habe gleich am selben Abend Freunde ganz begeistert von der Begegnung unterrichtet. Malte es ihnen in den schillerndsten Farben aus, parodierte den Fußgänger. Aber statt zu lachen, wurde mir die trockene Frage gestellt, ob ich denn eine Einbahnstraße enlanggefahren sei. Ich sagte, dass es doch ein Fußweg war, auf dem ich fuhr, ob der nun an einer Einbahnstraße entlang führte, spielte ja wohl keine Rolle. Da kam dann schon der nächste Einwand. Ich sei wohl entgegen der Fahrbahn gefahren. Da musste ich erstmal lachen. Die Fragestellerin, S., reagierte verdutzt und fragte:
S: Warum lachst du da jetzt?
Ich: Entgegen der Fahrbahn, das hört sich ja komisch an.
S: Was ist da jetzt komisch?
Ich: Weiß nicht genau, einfach komisch.
S: Eine Fahrbahn wird befahren. Wenn von links jemand kommt, dann fährt er rechts, wenn er von rechts kommt, fährt er links.
Ich (eifrig): Hör mal, liebe S., die Fahrbahn an sich ist richtungslos. Man kann ihr nicht entgegen fahren. Außer vielleicht, wenn man auf einem Feld fährt und vorne ist die Straße und dann fährt man auf dem Feld der Fahrbahn entgehen.
S: Na gut.
Ich (triumphierend): Entgegen der Fahrtrichtung, so müsste es heißen!
S: Und du bist entgegen der Fahrtrichtung gefahren, ja?
Ich (belehrend): Ich fuhr gar nicht auf einer Fahrbahn. Ich fuhr auf dem Fußweg. Der Fußgänger hätte also monieren müssen, dass ich, gleichgültig in welche Richtung, auf dem Fußweg fahre und nicht, dass ich in eine falsche Richtung fahren würde.
S: Da es a) nicht den Verkehrsregeln entspricht, auf dem Fußweg zu fahren hast du grundsätzlich Recht, aber b) auch auf dem Fußweg kann man entgegen der erwarteten Richtung fahren.
Ich: Die erwartete Richtung spielt dann keine Rolle, wenn man von hinten kommt. Das ist wie mit dem Licht. Der Fußgänger sieht mich ja nicht, er weiß ja nur, dass da jemand von hinten kommt. Ob der nun mit oder ohne Licht oder in eine gedachte, falsche Richtung fährt, hat den Fußgänger weder zu interessieren noch kann er es wissen.
S (winkt genervt ab)
Freund von S (versöhnlich): Für denjenigen, der nicht weiß, welchen Hafen er ansteuern soll, ist jeder Wind der richtige Wind.
Ein schöneres Schlusswort kann es kaum geben. (me)






