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Erinnern, bevor es zu spät ist.

Wie Augsburg den Gedenktag des 27. Januar mit neuem Leben füllt

Erinnern, bevor es zu spät ist.
Wie Augsburg den Gedenktag des 27. Januar mit neuem Leben füllt

Der 27. Januar, der internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, ist in Augsburg lange kein fest verankerter Bestandteil des kommunalen Erinnerns gewesen. Zwar gab es über viele Jahre hinweg engagierte Initiativen, Veranstaltungen einzelner Gruppen oder Beiträge des Jüdischen Museums – eine kommunal koordinierte Gedenkfeier existierte nicht. Inzwischen ist der Tag aber fest im städtischen Kalender verankert. Dr. Felix Bellaire und Christina Noll von der Fachstelle für Erinnerungskultur Augsburg haben sich zum Ziel gesetzt, diesen Tag sichtbarer zu machen und ihn gemeinsam mit den vielen Akteuren der Augsburger Erinnerungslandschaft zu gestalten. Ein Tag, der erst beginnt, Wurzeln zu schlagen. Und Hoffnung macht.
Von Tanja Moosrainer

Ein kollektives Gedenken – gemeinsam gestaltet
„Unser Anspruch war von Anfang an, den Tag bekannter zu machen und eine zentrale Gedenkfeier zu etablieren“, sagt Bellaire, Leiter der Fachstelle für Erinnerungskultur. Wichtig sei dabei gewesen, niemanden auszuschließen – weder die Vereine noch die Initiativen oder Institutionen, die teils seit Jahrzehnten Erinnerungsarbeit leisten. Der Ansatz ist bewusst offen angelegt. Jedes Jahr gebe es neue Beiträge, Gespräche und Abstimmungen liefen über Monate. Besonders wichtig ist der Fachstelle, auch Schüler:innen einzubeziehen.

Vom Königsplatz in den Moritzsaal
Der Gedenktag am 27.01.2026 beginnt am Königsplatz. Berufsschüler:innen werden dort Opferbiografien verlesen, das Jüdische Museum ergänzt historische Einordnungen. Anschließend zieht die Veranstaltung in den Großen Moritzsaal um, wo verschiedene Initiativen, die Jüdische Gemeinde und etwa das Staatstheater mit Beiträgen zu Wort kommen. Doch trotz dieses würdigen Rahmens bleibt ein Problem: „Viele kennen diesen Tag noch nicht“, sagt Bellaire. „Wir müssen jedes Jahr erneut dafür werben, Aufmerksamkeit für den 27. Januar zu schaffen.“

Die Aufgaben der Fachstelle – weit mehr als ein Gedenktag
Auch wenn der Gedenktag eine wichtige Rolle spielt, die Arbeit hinter dem Gedenken ist deutlich vielschichtiger. Die Fachstelle betreut sämtliche Gedenkzeichen, darunter die Stolpersteine, Erinnerungsbänder oder Gedenktafeln - eine neue Gedenktafel wird am 19. Januar 2026 an einem der ehemaligen sog. „Ghettohäuser“ errichtet. Auch die in Augsburg tätigen Initiativen werden durch die Fachstelle unterstützt sowie die Kommission, die sich mit der Umbenennung umstrittener Straßennamen beschäftigt. Kontinuierliche Forschung hält die Erinnerungskultur lebendig.

Ein weiterer, zentraler Baustein ist die Halle 116, das neue Zentrum historisch-politischer Bildung. Hier arbeitet Museumspädagogin Christina Noll mit Schulklassen, denen sie die lokale NS-Geschichte anhand u.a. historischer Fotografien vermittelt. „Es kommt sehr darauf an, welches Vorwissen Schüler:innen mitbringen“, sagt Noll. Die Reaktionen reichten von abgeklärt, etwa wenn bereits ein Besuch in Dachau oder einer anderen Gedenkstätte stattgefunden hat, bis hin zu zutiefst berührt. „Manche wollen nach der Führung gar nicht mehr gehen. Daraus entstehen oft langfristige Kooperationen.“

Halle 116 – ein Ort, der hängen bleibt
Die Halle 116 ist ein neuer Lern- und Erinnerungsort in Augsburg. Das ehemalige Kasernengebäude diente 1944/45 als Außenlager des KZ Dachau für bis zu 2.000 Häftlinge. Auf rund 600 Quadratmetern zeigt eine Ausstellung zentrale Kapitel der Augsburger Zeitgeschichte: den Aufstieg des Nationalsozialismus, Zwangsarbeit und KZ-System in Schwaben, die Nachkriegszeit und die prägenden Jahre der amerikanischen Besatzung.

Und heute? Antisemitismus, Rechtsruck, alte Fragen in neuer Form
Zwischen jungen und älteren Generationen sieht Noll deutliche Unterschiede. Ältere Menschen hätten häufig eine persönliche oder familiäre Perspektive, während Jugendliche den Nationalsozialismus meist aus dem Schulbuch oder durch Erzählungen kennen. Gleichzeitig gebe es auch immer wieder Tendenzen, die Grausamkeit des Systems zu relativieren. „Dem begegnen wir mit klaren Fakten und wissenschaftlicher Evidenz“, betont sie. Gerade die Alltäglichkeit der Zwangsarbeit im Stadtbild lasse sich durch Quellen belegen und Ignoranz und Unwissen damit aus dem Weg schaffen.
Im Rahmen des Friedensfestprogramms im Mai 2025 wurde auf der Tagung „Frieden Erinnern – Demokratie stärken“ nicht nur über das Kriegsende, sondern auch über aktuelle Herausforderungen der Erinnerungskultur und Vermittlungsarbeit gesprochen. Bellaire: „Unsere gesamte Arbeit wirkt der Zunahme von Antisemitismus und rechter Ideologie entgegen – ob durch Gedenktage, Tafeln oder pädagogische Projekte.“ Insbesondere auch die Erinnerungsarbeit durch die zahlreichen Ehrenamtlichen und Vereine sei hierbei zu betonen, denn sie schaffen Räume für Austausch, Bildung und gemeinsames Denken.

Kann Geschichte wieder kippen?
Auf die Frage, ob sich Geschichte wiederholen könne, antwortet Bellaire vorsichtig: „Gleichsetzungen helfen nicht. AfD und NSDAP sind nicht dasselbe.“ Trotzdem warnt er vor Parallelen: „Wenn Menschen ausgegrenzt werden, wenn demokratische Rechte eingeschränkt werden – das sind bedrohliche Tendenzen. Da fühlt man sich schnell an die 1930er Jahre erinnert. Wir müssen als Zivilgesellschaft an die Öffentlichkeit gehen und noch lauter werden, zeigen, dass wir die Mehrheit sind.“

Pläne und Wünsche – für die Fachstelle und die Halle 116
Die Halle 116 verfügt über ein eigenes Budget, doch der Bedarf ist dennoch groß. Bellaire wünscht sich langfristig mehr Raum – eine vierte „Schotte“ als Ausstellungsfläche, einen zusätzlich ausgebauten Seminar- und Arbeitsraum für Initiativen. Auch Noll hat klare Vorstellungen: längere Öffnungszeiten, ein höheres Besucheraufkommen, technische Verbesserungen. „Wir haben nicht einmal Internetzugang – Recherchen vor Ort werden dadurch erschwert.“
Trotz des Engagements und der jahrelangen Arbeit gibt es auch kritische Stimmen: „Man wirft uns manchmal vor, wir würden das alles seit Jahren machen und trotzdem steigt der Antisemitismus“, sagt Bellaire. „Aber die wirklich wirksamen Antworten hat niemand. Wie erreicht man Menschen, die gefährdet sind, abzurutschen? Wir wissen es schlicht nicht.“ Noll ergänzt: „Dass sich eine Stadt wie Augsburg eine Fachstelle für Erinnerungskultur leistet, ist ein starkes Signal. Es zeigt: Für rechte Gedanken ist hier kein Platz.“

Das Leitmotiv des 27. Januar
In diesem Jahr steht eine oft vergessene Opfergruppe im Mittelpunkt: Die sogenannten „Asozialen“, Menschen am äußersten Rand der Gesellschaft, die verfolgt und stigmatisiert wurden. „Wir gedenken natürlich aller Opfer“, betont Bellaire, „aber diese Gruppe bleibt bis heute weitgehend unbekannt.“ Die in diesem Jahr verstorbene Margot Friedländer, Holocaust-Überlebende und engagierte Zeitzeugin, spielt ebenfalls eine Rolle: Ein Zitat von ihr bildet den appellativen Rahmen der Gedenkfeier – ein Appell an Vernunft, Menschlichkeit und Wachsamkeit angesichts aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen: „Seid Menschen, seid vernünftig.“ (tm)

Mehr zur Erinnerungsarbeit und aktiven Gruppen in Augsburg:
www.augsburg.de/kultur/erinnerungskultur/erinnerungsarbeit-in-augsburg

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