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„Kultur ist der Kitt der Gesellschaft“
Die Stadthalle Gersthofen startet mit vollem Spielplan in die neue Saison. Trotzdem blickt sie mit Spannung auf den Oktober.
Mehrere Konzerte sind schon ausverkauft, doch Stadthallenleiter Uwe Wagner beobachtet ein Publikum, das kurzfristiger bucht oder ganz wegbleibt. Im Oktober beginnen die Haushaltsverhandlungen mit der Stadt, und damit die Frage, was Kultur kosten darf.
Auf der Hinterbühne der Stadthalle Gersthofen steht eine unscheinbare graue Tür, an einer Stelle leicht ramponiert. Technikchef Fabian Wunderer zeigt auf zwei dunkle Abdrücke in Hüfthöhe und schmunzelt: Vor rund zehn Jahren habe sich dort ein frisch gekürter süddeutscher Bodybuilding-Meister nach seinem Auftritt erschöpft angelehnt. Den Schweiß habe man nie wieder vollständig entfernen können.
Die Pressekonferenz zur neuen Saison findet ausnahmsweise dort statt, wo das Publikum sonst nie hinkommt: zwischen Scheinwerfern und Kabeltrommeln. Hier wirkt Kultur plötzlich wie das, was sie auch ist: Handwerk.
Uwe Wagner lenkt den Blick zuerst wertschätzend auf seine Technik-Crew. Wer hier arbeite, müsse schnell und belastbar sein und trotzdem dienstleistungsorientiert bleiben. Das ist im Zeichen des Fachkräftemangels keine Selbstverständlichkeit: Eine Technikerstelle ist derzeit ausgeschrieben.
Zwischen Sparzwang und Spielplan
Eigentlich geht es an diesem Vormittag um die neue Saison, die am 26. September 2026 mit der Revue „Das Fräulein Wunder“ beginnt. Wagner nutzt die Gelegenheit aber für eine grundsätzlichere Botschaft: Die Finanzlage vieler Kommunen sei angespannt, gleichzeitig verändere sich das Kaufverhalten. Immer mehr Menschen kauften Karten erst kurz vorher oder verzichteten ganz auf Kulturveranstaltungen. Für die Gastspielbranche sei das längst mehr als eine Delle, denn bei weniger verkauften Tickets gerieten Produktionen, Tourneen und Veranstalter gleichermaßen unter Druck.
Und Gersthofen selbst? Der Spielplan spricht zunächst dagegen, dass die Halle betroffen ist: Mehrere Veranstaltungen sind bereits ausverkauft oder stehen kurz davor.
„Kultur ist der Kitt der Gesellschaft“, sagt Wagner. Ökonomisch lässt sich das zumindest flankieren: Die Kultur- und Kreativwirtschaft steuert in Deutschland rund drei Prozent zur Bruttowertschöpfung bei. Diese Zahl bezieht sich allerdings auf die gesamte Branche, nicht auf eine einzelne Stadthalle.
Ein Programm zwischen Metal und Klassik
Statt sich auf eine Zielgruppe festzulegen, springt der Spielplan zwischen den Genres. Tarja, die frühere Stimme von Nightwish, soll die Halle in ein Metal-Stehkonzert verwandeln. Naturally 7 bringen ihre A-cappella-Show mit, Georg Ringsgwandl kehrt als Stammgast zurück, und Hagen Rether setzt seine Klavierkabarett-Reihe „Liebe“ fort. Wolfgang Ambros macht als Austropop-Veteran Station in Gersthofen.
Im benachbarten Ballonmuseum laufen kleinere Reihen mit Jazz und Klassik. Familienproduktionen wie „In 80 Tagen um die Welt“ sollen den Nachwuchs ins Theater locken, zur Adventszeit folgt mit „A Weihnachtsgschicht“ eine bayerische Variante des Dickens-Klassikers. Den Schlusspunkt setzt am 12. Juni 2027 Eva Karl Faltermeier.
Das eigentliche Risiko beginnt im Oktober
Die größte Unsicherheit liegt nicht im Saal, sondern im Rathaus. Im Oktober beginnen die Haushaltsverhandlungen mit der Stadt, dort wird bereits über die Spielzeit 2028 gesprochen. Die neue Bürgermeisterin Susanne Olita verfolgt die Präsentation.
„Die Personalkosten haben wir, egal ob 60 oder 80 Veranstaltungen über die Bühne gehen“, erklärt Wagner. Das heißt: Ein kleinerer Spielplan spart kaum Kosten, aber jedes nicht verkaufte Ticket bedeutet fehlende Einnahmen.
Während draußen über Krisen, Inflation und kommunale Haushalte diskutiert wird, muss drinnen trotzdem jeden Abend das Licht angehen. Die Bühne wartet schließlich nicht auf bessere Zeiten. (tk)
Foto (ws): Bürgermeisterin Susanne Olita und Stadthallenleiter Uwe Wagner






