Die Mine auf dem Teller

Dass ein moralisches Dilemma auch ziemlich zackig auf Papier und Bühne gebracht werden kann, beweist Sebastian Seidels Auftragswerk im Rahmen des Brechtfestivals: "Böser Bruder" feierte am Freitag im Sensemble Theater Premiere.

Das nahe Ableben des Vaters bringt die beiden Brüder Franz (der Daheimgebliebene) und Karl (der weitgereiste UNO-Aktivist) wieder zusammen, die zwischen Vergangenheitsaufarbeitung mit Frau und Ernährungslage der Weltbevölkerung auch noch um das weitere Schicksal ihres Vaters streiten. Reichlich Material also für die Darsteller Florian Fisch und Ralph Jung (v.l.), die "nur" von Videoeinspielungen von Eric Zwang Eriksson mit Heinz Schulan unterstützt werden. Nicht zu vergessen natürlich die Songs von Rainer von Vielen.

Was die zwei Protagonisten im Ringen um die Wahrheit und die richtigen Konsequenzen auf die Bühne legen, ist ein mitreißender Kraftakt, der den beiden Schauspielern sichtlich einiges abverlangt. Rückblenden beleuchten die gemeinsame Vergangenheit, Ausschnitte aus einer Rede von Karl lassen Zahlen auf die Zuschauer regnen, bis selbst der glühendste Avaaz-Unterschriftensammler die Segel streicht, ein einfaches, aber äußerst effektives Bühnenbild bildet die schwankenden Leitplanken für eine knackige Achterbahnfahrt zwischen Welt- und Familienproblemen, die beide keine Patentlösungen aber reichlich Emotionen bieten.

Obwohl Sebastian Seidel kaum eine Komplikation bei dieser so schwierigen Operation am offenen Brecht-Herz auslässt, bleibt der Stoff dicht wie ein guter Tweed. Man kann nur den Hut ziehen, wie der Sensemble-Chef und seine beiden Darsteller unter Umgehung der buchstäblichen Tellerminen die Vorlagen "Ja/Neinsager" und "Der gute Mensch von Sezuan" mit aktuellen Problemen verweben. Das Premierenpublikum war begeistert – und hat das nachhaltige Büffet dann auch nachhaltigst geplündert.

Das Rahmenprogramm bietet noch einiges zum Thema "Nachhaltig Essen?!", was natürlich nie verkehrt ist. Bei "Böser Bruder" steht das Thema allerdings nur vordergründig im Mittelpunkt. Die Hölle sind wie immer - wir anderen. (flo)

Fotos: Eric Zwang Eriksson

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