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"Ich wüsste vielleicht zwei Witze"
Am 08. November feiert das neue Stück des gebürtigen Augsburgers Karsten Kaie Premiere im Spectrum. In unserer Oktoberausgabe baten wir ihn zum Gespräch für die Rubrik "5 Fragen an". Aber es war klar, dass der redefreudige Wahlberliner sich nicht auf eine Handvoll Fragen beschränken würde - und unser Redakteur natürlich auch nicht. Hier also das komplette Interview mit dem "Caveman":
Neue Szene: Könntest du mir jetzt sofort – zehn Uhr vormittags am Telefon – den "Caveman" vorspielen?
Kaie: Ja. Wobei, wenn man mir sagt, mach mal in der Mitte los, weiß ich nicht, was ich machen soll. Entweder von Anfang bis Ende oder gar nicht. Aber es geht schon, nach zwölf Jahren kann ich den Text.
Wie oft wirst du im Freundeskreis danach gefragt, einen Ausschnitt zum Besten zu geben?
Im engen Freundeskreis nicht mehr, weil ich dann sofort zurückfrage: Kannst du mal kurz ne Wurzelkanalbehandlung bei mir machen? Privat bin ich privat und meine Freunde wissen das.
Kommt man bisweilen in Versuchung, beim lockeren Plausch einen flotten Spruch aus dem eigenen Programm einzubauen?
Ist bei mir nicht die Gefahr. Ich bilde mir ein, ein humorvoller Mensch generell zu sein, aber da ich ausgebildeter Schauspieler und Kabarettist bin, entwickelt sich mein Humor aus der Figur, aus dem Duktus, wie jemand etwas sagt. Insofern liebe ich das Situative, ich baue keine Sprüche ein und ich kann auch keine Witze erzählen. Ich wüsste vielleicht zwei Witze.
Du hast "Caveman" auch schon in Las Vegas gegeben – wie kam das zustande?
Das war eine tolle Sache, ich habe Regie gemacht für die amerikanischen Caveman-Darsteller, was natürlich eine große Ehre ist, schließlich kommt das Stück aus den USA. Aber die wollten die deutsche Version, weil die noch erfolgreicher ist als die amerikanische. Und als Dankeschön durfte ich "Caveman" in Las Vegas spielen, als erster Deutscher. Feine Sache, aber eher ein Gimmick und es hat nicht meine Hollywoodkarriere angestoßen.
Aber, was viele nicht wissen: Du hast auch schon in Kino- und Fernsehfilmen mitgewirkt.
Das ist die andere große Leidenschaft, außerdem bin ich ja erst 45, da muss ja noch was kommen! Es waren eine größere und ein paar kleinere Rollen und es ist immer noch ein Traum von mir, aber ich bin so gut ausgebucht, dass ich nicht mit den Hufen scharren muss nach einer Filmrolle. Wenn sich was ergibt, gerne.
Was hat es eigentlich mit deinem Lanzarote-Aufenthalt auf sich, bei dem du angeblich Jagen und Fischen gelernt hast?
Nach der Schauspielschule verbrachten meine damalige Freundin und ich ein Aussteigerjahr auf Lanzarote in einem Haus am Meer ohne Strom und mit zwei Hunden, die uns immer wieder Kaninchen aufs Bett gelegt haben. Also musste ich mich damit beschäftigen. Wir haben Fischer kennen gelernt, sind aufs Meer gefahren und waren hinter Kaninchen her, eine gute Vorbereitung für "Caveman".
Sprachen sind für dich sowieso kein Problem, oder?
Na ja, Englisch ist klar, Französisch und Spanisch noch. Mein Soloprogramm "Lügen aber ehrlich" konnte ich nach witzigerweise Slowenien verkaufen und habe dort die Regiearbeit auf Englisch übernommen. Ging aber gut, man kennt das Stück ja, auch wenn man nicht jedes Wort versteht. In Indien wurde es zu 90% auf Englisch und zu 10% auf Hindi gespielt, ein Traum!
In einer Kritik zu deinem Solostück "Lügen aber ehrlich" stand, der Kabarettist würde dem Schauspieler immerzu Steilvorlagen geben.
Schöne Formulierung. Ich sehe mich als Grenzgänger und darin auch eine Erklärung für den Erfolg. "Caveman" ist ja eigentlich Einmanntheater und so sind auch meine eigenen Stücke: Einmanntheater mit kabarettistischen Elementen, Comedy und Slapstick. Ich bin ein Feind von Klassifizierungen, entweder ist es gut und hat Qualität oder nicht.
Bei deinem neuen Programm gehst du auf Kreuzfahrt – woher stammt die Idee?
Ich war tatsächlich sechsmal gebucht auf der MS Europa, was ja eigentlich bezahlter Urlaub ist. Auf diesen Erfahrungen beruht das Stück, auf der Bühne steigt quasi die Silvestergala auf dem Kreuzfahrtschiff mit den klassischen Elementen, vom Entertainer bis zum holländischen Opernsänger und zum Kapitän. Das Setting ist aber auch eine gute Metapher für eine Satire über die Gegensätze arm-reich, schön-hässlich, Deutschland-Europa-der Rest der Welt. Es ist ein Panoptikum der Möglichkeiten, bei dem Caveman-Fans ebenso auf ihre Kosten kommen wie Kabarettfans und Leute, die einfach nur gute Unterhaltung mögen. Ich bin Schauspieler und liebe Charaktere, konkret parodiert werden aber nur der Literaturkritiker Hellmuth Karasek und Udo Lindenberg, mit denen war ich tatsächlich mal an Bord. Und es kommt ein Augsburger Fitnesstrainer vor – aber nur bei Auftritten in Augsburg.
Es soll auch eine "Abrechnung mit der Welt" sein. Das klingt fast etwas zynisch.
Wir haben das lange diskutiert, das ist natürlich überspitzt formuliert. Ich bin schon Optimist, aber eben auch Beobachter und diese angesprochenen Diskrepanzen sind einfach gigantisch. Ich stelle das gegeneinander, es wird auf die Spitze getrieben, aber nicht verurteilt. Ich halte jedem den Spiegel vor, womit ich mich natürlich auch unangreifbar mache.
Die Sounds zum Stück stammen von dem in Augsburg bestens bekannten Produzenten und Musiker Alaska Winter.
Alaska ist ein alter Freund von mir aus Zivi-Zeiten im Annakolleg. Wir haben schon viel zusammengearbeitet, bei Hörbüchern etc., und von ihm stammt auch die Idee mit dem Programm auf dem Kreuzfahrtschiff.
Meine Lieblingsfrage ist eigentlich die nach dem Verfasser des jeweiligen Wikipedia-Eintrags, aber du hast gar keinen.
Du legst den Finger in die Wunde. Ich bin ein unglaublicher Chaot, was meine Vermarktung anbetrifft. Meine Schwester, die das Management macht, bittet und bettelt seit Jahren darum, endlich den Wikipedia-Eintrag zu verfassen, der dann natürlich immer ganz neutral und von außen gemacht sein muss. Ich habe bis heute auch keine Visitenkarten, aber irgendwann ist das sogar zum Markenzeichen geworden. Die Leute, die mich wollen, haben mich entweder schon gesehen oder von jemandem über mich gehört. Damit fahr ich eigentlich ganz gut, hab 150 Auftritte im Jahr, aber halt noch keinen Wikipedia-Eintrag...
Man kann dich auch buchen. Wie oft spielst du Firmenauftritte?
In den 90ern war das mein Hauptbetätigungsfeld parallel zum Studium. Mach ich auch immer noch, aber mittlerweile pick ich mir die Rosinen raus. Ich bin da nicht zynisch, mir macht das Spaß, ich hab da keinen Dünkel oder Berührungsängste.
Kannst du nachvollziehen, dass Leute wie Georg Schramm, einer der renommiertesten deutschen Kabarettisten, mittlerweile doch sehr verbittert sind über die Unveränderlichkeit der Welt und damit auch die Sinnlosigkeit des eigenen Schaffens?
Ich bewundere Schramm seit Jahrzehnten, habe ihn einmal getroffen und war fasziniert von seiner geistigen Schärfe. Leute wie er oder auch Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig sind sehr melancholische und ernste Menschen, erfüllen vielleicht ein bisschen das Klischee des traurigen Clowns. Ich bin auch da wieder Grenzgänger, ein sehr positiver Mensch, der natürlich seine Abgründe hat, aber im Grunde unverbesserlicher Optimist ist. Mein Opa hat immer gesagt, das Leben ist Kampf - und dann kann’s auch sehr schön sein.
Info:
Karsten Kaie, 1968 in Augsburg geboren, wohnt seit 20 Jahren im selben Haus in Berlin-Kreuzberg, mittlerweile ist er vom Erdgeschoss in den ersten Stock gezogen. Er hat bereits als 15jähriger mit Harald Schmidt am Stadttheater gespielt, war auf der Schauspielschule in New York und gibt seit zwölf Jahren den "Caveman". Am 08., 09., 10. und 16. November gastiert er mit seinem neuen Stück "Ne Million ist so schnell weg" im Spectrum.
(flo)






