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Nostalgisches Grummeln in HD
Das Riesenprojekt "Intolleranza 1960" am Theater Augsburg feierte am Freitag, 27.09., Premiere. Die Inszenierung der Oper aus dem Jahr 1961 wird umrahmt von zahlreichen Aktionen, Performances und Konzerten, die in Kooperation mit Künstlerkollektiven aus Augsburg (Bluespots Productions, Mehr Musik!, Lab binaer, Grandhotel Cosmopolis, LMZ) und München (Die Urbanauten, Hunger & Seide) entstanden sind.
Das kann man sich nach sechs Jahren Intendanz schon mal leisten. "Intolleranza 1960" von Luigi Nono ist quasi Juliane Vottelers SGL-Arena, nach den U-60ern mit "Hair" nun also die E-60er mit der "szenenischen Collage" des italienischen Zwölftonkommunisten. Doch leider fühlt sich diese Inszenierung an, als würde ein Veteran des Wembley-Finales von 1966, wahlweise der Oktoberrevolution, zum Fernsehabend einladen, mit den besten Spielszenen auf Blu-Ray in HD und High-End-Soundqualität - was am Endergebnis aber leider auch nichts mehr ändert.
Der Rahmen ist natürlich großartig: Neben der Zuschauergarderobe im Eingangsbereich des Theaters führt der Weg in den Maschinenraum, die riesige und labyrinthische Welt der Hinterbühne, auf der das Publikum in zwei Gruppen geteilt wird. Orchester und Chor füllen den Platz zwischen den beiden "Blöcken" und als sich irgendwann der Vorhang zum eigentlichen Zuschauerraum öffnet, wirkt die Szenerie wie die Eingangssequenz der TV-Produktionen der Augsburger Puppenkiste - eine herrliche Perspektive. Nein, gekleckert wird hier nicht, ganze Orchester und Chöre verschwinden im Bühnenboden und tauchen wieder auf, es wird appelliert und zitiert, projiziert und kooperiert, was das Zeug hält - die Zusammenarbeit mit den zahlreichen Künstlergruppen ist vermutlich das beeindruckendste Ergebnis dieses Megaprojekts.
Und warum das alles? Intendanz, Regie und Orchesterleitung werden im Programmheft nicht müde zu betonen, wie "politisch", "verstörend" und "emotional ergreifend" das Werk sei - was vor 50 Jahren sicher gestimmt hat. Heute erinnern die durchaus bemühten Sänger - wie so oft in der Oper - eher an Eltern, die enttäuscht auf ihre unterhaltungssüchtigen Kinder blicken, weil die selbst im Erwachsenenalter noch nicht höööööreeeen wollllleeeeen...
Denn eine Message gibt es ja auch noch. "Bleibt, und verändert der Welt hier", erklärt Intendantin Juliane Votteler im Programmheft. Also wird vor dem Großen Haus "demonstriert", in der Pause speist das Team des Grandhotels in einem Bauzaungehege im Foyer, auf der Bühne wird gesprayt und Videoeinspielungen zeigen Gaststätten und Geschäfte von Migranten in Augsburg, Überschriften der AZ und natürlich die Fuggerei. Pure Avantgarde also. Da wären einem die Zwischenstände des parallel zur Premiere laufenden Spiels FCA gegen Gladbach schon lieber gewesen, mit einem dezenten Hinweis auf die Sklavenarbeiter, die gerade in Katar verrecken, weil die westliche Welt zwar Kriege gegen Islamisten und orientalische Potentaten führen kann, aber es nicht schafft, Joseph Blatter und seine FIFA in die Schranken zu weisen.
Und so geben alle ihr Bestes an diesem so besonderen Abend im Theater Augsburg, auch die Lüftungsanlage, der man in stillen Momenten durchaus anhört, wie viel Mühe sie hat, den aufgewirbelten Staub rauszuschaffen. Dass die Komposition keine leichtverdauliche ist, war klar, allerdings hat sie ihre Kraft zu einem großen Teil eingebüßt, einerseits durch die vergangenen fünf Jahrzehnte, andererseits durch eine Darbietung, die Intensität mit Gestus verwechselt. Große Gesten gibt es aber gerade im Themenbereich "Flucht, Armut, Folter, Vertreibung" (Ankündigung) genug, der so oft zitierte Schlusssatz des Stücks, "Hier muss man bleiben, hier alles verändern", ist eigentlich ein Treppenwitz der Inszenierung: Die glücklichen Bewohner eines der reichsten Länder der Erde lassen höchstens ihr Geld auswandern und wie ausgeprägt der Wille nach Veränderung in Deutschland und Augsburg ist, haben die Wahlen ja gezeigt. Ehrlich gesagt war der Monatsrückblick von Ex-Biermösl Hans Well auf Bayern 2 am Nachmittag desselben Tages wesentlich bissiger als dieses so aufwendige und dabei so erschreckend blutleere Theaterspektakel. Bleibt zu hoffen, dass dem Rahmenprogramm und den Kooperationen ein freundlicheres Schicksal beschieden ist. (flo)
Fotos: A.T. Schaefer






