Magazin
Rasendes Grübeln
Das Theater Augsburg erfüllt Wünsche. Bei der Inszenierung von "Michael Kohlhaas" bekommt der Regisseur sein Pferd auf der Bühne, die Kleiderkammer darf Appetit machen auf den nächsten Kostümverkauf beim Tag der offenen Tür und der Kinderchor macht die anwesenden Eltern glücklich. Da gerät naturgemäß das Stück etwas ins Hintertreffen. Was nicht weiter schlimm wäre, wer sich einmal durch die Novelle von Heinrich von Kleist gekämpft hat, weiß, wie ausschweifend und wenig leserfreundlich die Geschichte des Brandenburger Rebellen dort geschildert wird.
Zwar lobt im Programmheft die Autorin Sybil Wagener Kleists Texte noch als "nichts für Ängstliche" und vor allem "nichts für Eilige", doch Regisseur Ramin Anaraki scheint es anders zu sehen. Er peitscht die Novelle durch die anderthalb Stunden, dergestalt, dass er den stark gekürzten Text und sämtliche Rollen inklusive Erzähler in ständigem Wechsel auf seine vier Schauspieler - Florian Innerebner, Helene Blechinger, Tjark Bernau und Thomas Kitsche - verteilt, die dann auch über Gebühr damit beschäftigt sind, sich zwischen Herumrennen und Umziehen durch den Wortwust zu hangeln. Modernes Theater hält fit.
Beim Publikum kommt allerdings schnell Ermüdung auf, spätestens nach einer Stunde wird trotz Kinderchor und Fremdtexten das Zuschauen lang, ist doch das altbekannte Thema um kaum einen frischen Gedanken bereichert – von dem kurzen Ausflug ins Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland mal abgesehen, der allerdings nicht weiter verfolgt wird - und während die Darsteller noch rasend grübeln, beginnt man Schweinwerfer zu zählen oder das Equipment auf der Bühne genauer zu betrachten.
Womit wir wieder beim Pferd wären, dessen finales Auftauchen in dem Stück, bei dem es bekanntlich so viel um (zwei) Rappen geht, die Farce komplett macht. Nur gut, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, eine Bühnenfassung von "Moby Dick" aufzulegen... (flo)
Fotos: Eckhart Matthäus






