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Ein Sohn von zwei Müttern
Im Gespräch mit dem Augsburger Autor Franz Dobler
Wie praktisch, wenn man seinen Nachbarn interviewt, muss man nicht mal Schuhe anziehen. Franz Dobler ist jemand, der eine unglaubliche Credibility genießt. Er schreibt Bücher und „Radio-Tatort“-Hörspiele, tritt mit Bands auf, ist DJ und war schon zwei Mal beim TV-Tatort als Darsteller zu sehen. Sein Roman „Ein Schlag ins Gesicht“ wurde von der Regisseurin Nina Grosse verfilmt, die Hauptrolle spielte dabei Iris Berben und der Streifen lief zur Primetime im ZDF. Mitte Februar erschien sein neuester Roman „Ein Sohn von zwei Müttern“.
Von Walter Sianos
Franz, jetzt kennen wir uns schon über 30 Jahre und sind seit über einer Dekade Nachbarn. Man mag es kaum glauben, aber heute ist unser erstes gemeinsames Interview…
Ich war letztes Jahr mal dein Kandidat für die Rubrik „Das Allerletzte“, aber wir feiern tatsächlich heute unsere Premiere im Interviewformat.
Bevor wir loslegen, lass uns kurz das Haus verlassen. Anfang Februar fand die größte Demo seit Jahrzehnten in Augsburg statt. Wie hast du den Tag erlebt?
Natürlich war ich auch auf dem Rathausplatz und habe mich sehr gefreut, dass so viele Menschen teilgenommen haben. Diese gewaltige Resonanz gegen die Faschisten war für mich eine Überraschung. Als Mitglied des Augsburger Flüchtlingsrats finde ich es aber schon auch erschreckend, mit welchen zum Teil auch rechten Parolen – Stichwort Migrationspolitik – etablierte Parteien in den letzten Monaten auf die AfD reagieren. Das ist schon eine ziemlich schlimme Entwicklung.
Du bist ein sehr politischer Mensch. Lebst du seit dem 3. Februar etwas beruhigter?
Die bundesweiten Demos sind ein starkes Zeichen, gerade im Osten. Dort muss man schon etwas mehr Mut aufbringen als bei uns, wenn man für die gute Sache auf die Straße geht. In Augsburg ist die AfD zwar eher schwach, aber wie wir in diesen Tagen erfahren haben, fand ja in Dasing ein konspiratives Treffen der rechtsextremen Szene statt.
Lass uns einige Jahrzehnte zurückspulen. Du stammst aus dem Allgäu und dein Leben hat sich immer im Bermudadreieck Schongau – München – Augsburg abgespielt. Wieso bist du 1991 ausgerechnet in Augsburg gelandet?
Davor habe ich zwölf Jahre mit Frau und Kind in München gelebt, aber 1991 wurden die Mietpreise schwindelerregend hoch, sodass wir uns für einen Umzug entschieden haben. Wir kannten Augsburg zu dieser Zeit kaum, obwohl wir Ende der 80er immer wieder mal ins Bootleg gefahren sind, weil dort so coole Konzerte stattfanden. Einmal wurde ich zu einer Lesung eingeladen, dort haben wir Peter Bommas und Pulle Pupeter kennengelernt. Da sind wir dem Charme der Stadt erlegen: Why not, lass uns dort hinziehen.
Würdest du mit dem Know-how diesen Schritt erneut gehen?
Augsburg ist eine angenehme Stadt, mit einem guten Angebot. Aber grundsätzlich bin ich ein Anti-Lokalpatriot, Sätze wie „ich liebe Augsburg“ finde ich komisch. Was soll das bedeuten, man kann doch nicht die ganze Stadt lieben.
Ich finde schon, denn ich bin glühender Lokalpatriot. Was bedeuten die sechs Buchstaben Heimat für dich?
Ein Spruch von mir lautet „Heimat ist da, wo man sich aufhängt“. Der Begriff löst bei mir immer so einen gewissen Zwiespalt aus, am ehesten würde ich Heimatgefühle mit Erinnerungen aus der Kindheit verbinden. Tatsache ist aber auch, dass ich in meinem 64-jährigen Leben nicht wirklich weit herumgekommen bin.
Du hast in bestimmten Kreisen eine erstaunliche Credibility, wie schafft man das?
Freut mich zu hören (schmunzelt)… Ich wurde mit Punk sozialisiert und auch wenn ich mich im Laufe meines Lebens verändert habe, schlummert diese Attitude immer noch in mir. Ich höre zwar heute kaum noch Punk-Platten, aber gewisse Einflüsse sind ein Leben lang hängengeblieben und das war in meinen Büchern oder den CDs, die ich bei Trikont herausgegeben habe, immer spürbar.
Was ist schöner, Ruhm oder ein dickes Bankkonto?
(Lacht)… Am besten beides. Es gibt eine fiese Definition von „Wer ist ein echter Künstler?“ Die Antwort lautet: „Derjenige, der sein Geld damit verdient.“ Aber das ist gleichzeitig blöd, denn wie soll man das bewerten? Als ich mit dem Schreiben angefangen habe, war ich mir total unsicher, wie das alles funktionieren soll. Ich hatte Glück.
Du bist jemand, der auf vielen Hochzeiten tanzt. Du schreibst Romane, Biografien, Krimis, du trittst mit Bands auf, legst auf, machst „Tatort“-Hörspiele, hattest einige TV-Auftritte als Darsteller. Bist du ein Allrounder oder ein Gelegenheitsdieb?
Sind wir jetzt auf der letzten Seite der Neuen Szene mit den Entscheidungsfragen gelandet? Du hast was vergessen, 1991/92 war ich Literaturredakteur bei der Neuen Szene! In meinem Job ist man auch Gelegenheitsdieb und manchmal spielt auch der Zufall eine Rolle. Auf einer meiner Krimi-Lesungen traf ich „Tatort“-Regisseur Bastian Günther und er bot mir eine Kleinrolle an, witzigerweise als „Waffenmeister“, später sogar als Polizist. Aber meine lustigste Rolle hatte ich Mitte der 80er als Statist in einem Video, das die Toten Hosen zusammen mit Kurt Raab gedreht haben.
Auf welchem Parkett fühlst du dich am wohlsten?
Das ist ganz unterschiedlich. Wenn man an einem Buch arbeitet, sitzt man sehr lange an seinem Schreibtisch und irgendwann fällt einem die Decke auf den Kopf. Wenn das vorbei ist, habe ich immer total Lust, zusammen mit anderen Leuten zu arbeiten, ich brauche die Abwechslung.
Dein Kollege Friedrich Ani sagt über dich: „Franz Dobler ist im besten Sinne ein Unterhaltungskünstler.“
Ich stimme allem zu, was er sagt, wir sind sehr gute Freunde und sind uns, auch was unsere Schreibweise betrifft, sehr ähnlich.
Der Musiker und Regisseur Hubl Greiner hat vor Jahren einen Film über dich gemacht. Was mir bei diesem Porträt imponiert hat, es hat keinen doppelten Boden. Man sieht dich auch mal in der Kulperhütte beim Spülen. Diese Ehrlichkeit fand ich cool.
Hubl und ich sind uralte Kumpel und als die Anfrage kam sagte ich zu ihm, dass ich zu allem bereit sei, wenn ich nicht gerade vom Zehnmeterbrett springen muss. Ich wusste, dass ich ihm total vertrauen konnte, deshalb habe ich mitgemacht. Im Sommer 2014 war ich für einige Monate Spüler in der Kulperhütte. Ich war Mitte 50, und klar dachte sich wohl der eine oder andere, so weit hat er es jetzt mit seinen Büchern nicht gebracht. Aber ich empfand es nicht als Schande, so einen Job zu machen. Der Hintergrund war, dass zu dieser Zeit der gesamte Zeitungsmarkt eingebrochen war. Ich schrieb auch für große Blätter und überall wurde das Honorar gekürzt. Irgendwann wurde es mir zu blöde und ich dachte mir, da gehe ich lieber als Spüler und Abräumer in die Kulperhütte, da kenn ich viele Leute, bin an der frischen Luft und letztendlich war der Stundenlohn sogar höher. Außerdem erden einen solche Jobs. Bald darauf kam dann das mit dem Deutschen Krimipreis und plötzlich war ich wieder ganz gut im Geschäft.
War das auch ein Grund, warum du mit „Der Bulle im Zug“ ein neues Genre betreten hast?
Nein, ich wollte schon immer mal einen Krimi machen. Aber ich hatte davor immer einen großen Respekt, weil einige meiner totalen Heroes Kriminalschreiber sind. Es hat fast zehn Jahre gedauert, bis ich mich rangetraut habe. Ich habe das nicht gemacht, weil man damit vielleicht mehr Kohle verdient.
Das Buch wurde ein Erfolg, du wurdest 2015 mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Schwimmt man da als Autor plötzlich in einem anderen Fahrwasser?
Man bekommt beim Deutschen Krimipreis zwar kein Geld, aber es ist schon ein großes Ding, weil die Jury sehr streng ist. Ich habe niemals damit gerechnet, dass mir der Preis verliehen würde, mein Verlag übrigens auch nicht. Der Chef hat noch vor der Veröffentlichung zu mir gesagt, wenn du den Preis gewinnst, lege ich noch fünf Mille drauf.
Und, hat er?
Er hat Wort gehalten.
Nach einigen Krimis folgt jetzt ein U-Turn. Am 16. Februar erschien dein neuer Roman „Ein Sohn von zwei Müttern“. Es ist dein 25. Buch. Hast du den Krimisektor erst einmal verlassen, um nicht als Klüpfel und Kobr zu enden?
Das wäre schon eine Motivation gewesen (lacht). Es ist ein sehr persönliches Buch, das auf meinem Leben basiert. Ich habe mich jahrelang dagegen gesträubt, weil ich keine Lust hatte, mich mit mir selbst zu beschäftigen. Aber dieses Thema ist immer wieder aufgeploppt und irgendwann musste ich es aus dem Weg räumen.
Der Titel deines neuen Buches verrät ziemlich viel, wenn man dich etwas kennt. Es handelt von einem Sohn und von zwei Müttern, es ist ein Roman, der vom Aufwachsen eines bayrischen Jungen mit persischen Wurzeln erzählt. Wieviel Mut hat es dich gekostet?
Es war definitiv meine bisher schwierigste Arbeit, weil es so persönlich ist. Je mehr ich angefangen habe über die Erlebnisse meiner Kindheit nachzudenken, desto mehr sprudelten meine Erinnerungen. Das war mir zu Beginn gar nicht so bewusst. Bei „Ein Sohn von zwei Müttern“ geht es um das Thema Adoption und ich behaupte heute, dass es für mich als Kind kein großes Problem war. Es war lange Zeit zu fifty-fifty Sachbuch und Erzählung und irgendwann habe ich gemerkt, dass es immer analytischer wird. Ich fand es interessant, was Psychologen und andere Fachleute zu diesem Thema gesagt haben, habe aber dann die sachlichen Teile zurückgeschraubt und das romanhafte verstärkt. Ich war mir in meinen Erinnerungen oft nicht ganz sicher, aber weil es keine reine Autobiografie ist, hatte ich viel mehr Freiheiten. Das hat mir letztendlich meine Arbeit sehr erleichtert.
Wie ist das, wenn man vor einem leeren Blatt sitzt?
Das hat viel mit Erfahrung zu tun. An meinem ersten Roman habe ich vier Jahre herumgedoktert. Ich bin dabei immer chronologisch vorgegangen und deshalb auch mal längere Zeit an verschiedenen Passagen hängengeblieben. Inzwischen habe ich gelernt, dann an einer anderen Stelle weiterzuschreiben.
Wie bei einem Film, in dem unterschiedlichen Passagen gedreht und dann zusammengesetzt werden?
Genau.
Bekommt man während des Schreibens mit, ob das Buch durch die Decke gehen könnte?
Ja, hm, keine Ahnung. Aber ich bin schon jemand, der gerne mal an sich zweifelt. Ich mache mir zwar nie Gedanken über potentielle Leser:innen, schreibe aber oft mit einer gewissen Unsicherheit.
Jetzt nach VÖ deines neuen Buches folgen Lesungen. Wie wohl fühlst du dich auf der Bühne?
Ich mache das gerne, ich habe Lesungen immer ernst genommen, das sind für mich keine reinen PR-Geschichten. Meine Veranstaltungen variieren immer, es muss für mich immer spannend bleiben. Vor 20 Jahren war ich mit meiner Johnny-Cash-Biografie bei 80 Lesungen ziemlich viel unterwegs. Das brauche ich heute nicht mehr.
Hält der Zug auch in Augsburg?
Ja, am 16. März bin ich in der Stadtbibliothek beim Literatursalon der Augsburger Allgemeinen zu Gast. Da können wir uns ja ein Taxi teilen. Falls wir nicht zu Fuß gehen und im Elfer hängenbleiben!
Tickets für die Veranstaltung am 16.03. in der Stadtbibliothek gibt es hier:
www.reservix.de/tickets-literaturabend-franz-dobler-ein-sohn-von-zwei-muettern-in-augsburg-foyer-der-stadtbuecherei-augsburg-am-16-3-2024/e2228656
oder in der Buchhandlung am Obstmarkt (Obstmarkt 11)
Foto: Walter Sianos






