Stetten-Institut - Für mehr Toleranz und gegen das Vergessen

Für mehr Toleranz und gegen das Vergessen

Buchautor Tim Pröse liest am Stetten

„Sie hätte eine von Euch sein können! Sie war selbstbewusst und wollte, dass alle Menschen ihre Meinung sagen dürfen. Mit 21 Jahren, nur ein bisschen älter, als ihr es heute seid, wurde sie hingerichtet“. Einige Oberstufenklassen des Gymnasiums und die 10. Klassen der Realschule sitzen im Barbarasaal und sehen ein Foto der jungen Sophie Scholl auf die Leinwand projiziert. Der Münchner Journalist und Autor Tim Pröse liest aus seinem Buch „Jahrhundertzeugen“, in dem er Widerstandskämpfer und Holocaustüberlebende portraitiert hat. Unter anderem war er oft zu Besuch bei Inge Aicher-Scholl, der Schwester von Hans und Sophie Scholl, die ihm private Unterlagen anvertraut hat und viel erzählt hat, zum Beispiel von der Beerdigung von Hans und Sophie Scholl.

Tim Pröse hat 2018 achtzigmal an verschiedenen Orten in Deutschland aus seinem Buch gelesen, etwa die Hälfte davon an Schulen. „Ich möchte die Schüler emotional mit dem Stoff erreichen“, sagt Pröse. „Das emotionale Engagement der Heldinnen will ich weitergeben, damit die jungen Leute Mut schöpfen. Hier am Stetten machen es mir die Schülerinnen leicht, sie sind empfänglich für die Botschaften und sensibel. Das freut mich sehr“.

Einige Schülerinnen der R10 sind noch ziemlich bewegt nach der Lesung. Die meisten von ihnen fühlen sich auch durch ihre eigene Familie mit dem Thema eng verbunden. „Alle Brüder meiner Oma sind im Krieg gefallen“, oder „Meine Oma hat noch heute an Silvester Angst, wenn sie die Böller hört“ oder „Mein Opa saß in einem Zug, als der bombardiert wurde und sie schnell raus und sich verstecken mussten“.

Die Lesung von Tim Pröse hat den Klassen gut gefallen. „Herr Pröse hat sehr persönlich mit uns gesprochen und uns Mut gemacht, zu unserer Meinung zu stehen. Das fand ich gut“, sagt eine 16-jähringe. Ihre Freundin sagt: „Rassismus ist immer noch ein relevantes Thema. Wir sollen unsere Freiheit schätzen und schützen – sie ist nicht selbstverständlich!“

Manche Schülerinnen sind nachdenklich, eine fasst zusammen: „Wir sind normalerweise eine laute, ziemlich lustige Klasse. Aber diesmal waren wir sehr still. Es war ergreifend und erschreckend, was wir gehört haben!“

„Mich hat am meisten bewegt, dass die Mutter von Sophie Scholl ihr kurz vor der Hinrichtung die Kekse gebracht hat, die sie immer gebacken hat, wenn eins der Kinder krank war. Ich musste an die meine Eltern denken und bin kurz sehr traurig geworden!“

Die Schulleiterin Barbara Kummer unterstützt Projekte, die die Erinnerung an den Holocaust wachhalten, auch weil es immer weniger Überlebende gibt. „Da ist es gut, wenn Autoren wie Tim Pröse die Sätze der Überlebenden aufgeschrieben haben, und davon erzählen können. Das Stetten ist nicht nur eine Schule, die Wissen vermittelt, sondern will auch Werte weitergeben. Mut, Engagement, Eintreten für Schwächere und gegen Ungerechtigkeit angehen, das wollen wir hier an der Schule bewusst fördern“.

Das Stetten-Institut besteht aus einem Gymnasium mit sprachlicher und naturwissenschaftlich-technologischer Ausrichtung und einer Realschule unter einem Dach (Realschulzweige: Wirtschaft, Französisch, Kunst und Soziales). Die Schulen sind staatlich anerkannt und befinden sich in evangelisch-lutherischer Trägerschaft, verstehen sich aber ausdrücklich als offen für Schülerinnen aller Religionszugehörigkeiten. In Tradition ihrer Gründerin Anna Barbara von Stetten werden ausschließlich weibliche Schülerinnen aufgenommen. Heute besuchen rund 1.100 Mädchen und junge Frauen die beiden Schulen, die auf einem weitläufigen Grundstück in der Augsburger Innenstadt liegen. In verschiedenen Projekten können Mädchen an den beiden Schulen forschen, musizieren, debattieren oder Theater spielen. (pm/max)

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