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Weltliteratur unterm Strohdach
Am Donnerstag wurde in der Brechtbühne das Programm des Brechtfestivals 2015 vorgestellt, das von 30.01. bis 10.02. unter dem Motto "Exil" steht.
Das vormittägliche Treffen zur Programmvorstellung hat schon Tradition: Sponsoren und Kulturschaffende treffen Presse und Festivalteam bei Kaffee und Butterbrezen. Selbst Ex-Kulturreferent Peter Grab ließ es sich nicht nehmen, den ein oder anderen Gast durch offensives Händeschütteln zu überraschen.
Dessen Nachfolger Thomas Weitzel wies in seiner Begrüßung auf die Brisanz des Festivalthemas "Exil" hin, das "an Aktualität nicht zu überbieten" sei. Theaterintendantin Juliane Votteler (links im Bild) stellte – nicht ganz ernst gemeint – sogar die ganze Pressekonferenz infrage und sprach angesichts der Situation in Syrien und im Mittelmeer von einer "Koinzidenz, die wir nutzen müssen".
Festivalleiter Joachim Lang (re.) charakterisierte Brechts Exilzeit als eine Phase des Wandels vom "Starautor der Weimarer Republik zum Getriebenen", der zunächst "unter einem dänischen Strohdach" und zuletzt in einem, im Vergleich zu Thomas Manns Anwesen in Los Angeles, "armen kleinen Holzhaus" in derselben Stadt lebte, bevor er über die Schweiz nach Deutschland zurückkehrte. Dass der alte Schwerenöter Brecht dabei nicht nur "ein Werk der Weltliteratur" geschaffen hat, wie Lang im Programmheft schreibt, sondern auch ständig von mehreren Frauen bzw. Geliebten umgeben war, darf da natürlich nicht unerwähnt bleiben: "Das war nicht frei von Konflikten", erzählte Lang. Sein wissenschaftlicher Sidekick, der Brecht-Biograph Jan Knopf, konstatiert im Heft: "Brecht wurde im Exil der politische Dichter par excellence."
Ob das zwölftägige Festival das Versprechen einlösen kann, "Aktualität im Exil herzustellen" (Lang), wird man sehen. Konkret werden soll das Thema in mehreren Programmpunkten: Drei Schriftsteller aus dem arabischen Raum lesen und diskutieren in Flüchtlingsunterkünften, das Sensemble Theater verwandelt sich, auch mithilfe von Architekturstudenten, für drei Tage in ein "Exilhaus", eine Podiumsdiskussion bringt Politiker und Vertreter des bayerischen Flüchtlingsrats zusammen. Bluespots Productions laden zur dreistündigen "Reise ins Exil", von der nur der Start- und Zielpunkt bekannt ist - und das ist natürlich der Hauptbahnhof.
Die Banken, pardon, Bänke im Festivalprogramm sind der "Exilabend" mit Burghart Klaußner und Max Hopp (der Schau-, nicht der Dartspieler), die Augsburger Inszenierung "Die heilige Johanna der Schlachthöfe", das Berliner Ensemble mit "Mutter Courage" und Dauerstargast Thomas Thieme in "Leben des Galilei".
Die Lange Brechtnacht glänzt u.a. mit Peter Licht und Mia, der wegen ihres Engagements gegen Nazis vom Verfassungsschutz beobachteten Punkband Feine Sahne Fischfilet, den französischen Swingern Lamuzgueule und den britischen Bohemiens Barbarella's Gang Bang. Die Vorträge im Brechthaus, der Poetry Slam im Parktheater, Brecht-Sprechstunde und Festivaltalks sind eingespielte Formate, das Sinfoniekonzert verknüpft u.a. Weill und Beethoven und in puncto "Glücksgott" hat die DAZ immerhin erreicht, dass der Titelzusatz "Uraufführung" zur "Erstaufführung" herabgestuft wurde.
Einen weiteren Schulterschluss zwischen Lyrik und Musik versucht "Die Kriegsfibel", quasi das "Brecht on a string" des diesjährigen Festivals: Augsburger Musiker und Komponisten wie Wolfgang Lackerschmid, Michael Kamm, Stefan Schulzki und Rhytm Police steuern Interpretationen und eigene Werke zu Brechts "Fotoepigrammen" bei, die zum Teil bereits von Hanns Eisler und Paul Dessau vertont wurden.
Kartenvorverkauf und weitere Info ab heute hier und jetzt hätten wir das Wichtigste fast vergessen: Die "Next Whiskey Bar" öffnet ihre Pforten von 30.01. bis 10.02. in der Gaststätte "Alte Liebe" in der Ludwigstraße und die Festivalplakate und -hefte sind wieder sehr schön geworden! Oh, don't ask why... (flo)






