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Young and Cold Records - Musik aus der Dunkelkammer
Das Augsburger Label „Young & Cold“ ist im Bereich Dark-Wave weltweit eine der renommiertesten Plattenfirmen und die Größte in Europa
Wenn man das Hauptquartier von „Young & Cold-Records“ betritt, dann spürt man regelrecht eine dunkle Aura. Hier regieren die drei Labelmacher Marcel Leidenroth, Daniel Hallhuber und Micha Oswald, die in den letzten 14 Jahren über 200 Releases von Künstlern aus ganz Europa und Amerika veröffentlicht haben. Umso überraschender ist es, dass wir sie als erstes lokales Medium überhaupt interviewen.
Von Walter Sianos.
Lasst mich raten… Alles begann mit The Cure und Depeche Mode…
Daniel: Ich war früh von Gothic und Wave angefixt, meine Betonpfeiler waren aber eher Acts wie Siouxsie & The Banshees, Bauhaus oder Joy Division, damit bin ich in die Szene eingetaucht.
Marcel: Ich bin ein DDR-Kind und in den frühen 90er Jahren im Osten aufgewachsen, die Gruftibewegung war dort damals sehr stark ausgeprägt und ich war bereits als 6-Jähriger von dieser Szene, ihrer Mode und ihrem Style fasziniert. Ich dachte mir, wenn ich mal groß bin, dann will ich auch so sein. Depeche Mode und The Cure haben mich tatsächlich sehr inspiriert, dann zog mich zwischendurch mal eher die Punk-Szene an, aber letztendlich fühlte ich mich doch in dieser düsteren Welt zuhause.
Und bei dir Micha?
Micha: Ich habe mich eher für nischigere Sachen begeistern können, die 80er waren eine sehr dankbare Phase was Musik betrifft, da entdecke ich heute noch viel, gerade im Bereich NDW.
Wenn man euer Headquarter betritt, dann spürt man förmlich eine dunkle Aura. Woher rührt dieses Faible für Schwermut?
Daniel: Auf einer Seite ist es Rebellion, die Faszination für das Andersartige und Morbide und wenn man sich noch dazu für entsprechende Literatur oder Filme interessiert, dann ist halt alles so ein gesamtes, stimmiges Ding. Gothic-sein ist mehr als nur Musik, es ist eine Lebenseinstellung und keine Jugendbewegung wie vielleicht viele denken.
Ihr würdet euch also als Gothics bezeichnen?
Micha: Gruftis ist da der treffendere Begriff. Oder Waver.
Marcel: Also ich würde mich schon als Waver bezeichnen.
Ich dachte, Grufti ist eher abwertend gemeint.
Micha: Nein, so bezeichnet man sich in der Szene selbst. Gothic ist eher der Überbegriff. Aber die Szene ist sehr vielfältig mit vielen Genres und Lebensentwürfen.
Das sieht man alleine schon an den vielen musikalischen Verzweigungen wie Dark-Wave, Synthie-Pop, EBM, Cold Wave, Post-Rock, Shoegaze.
Micha: Der Überbegriff für alles ist Dark-Wave.
Seid ihr Augsburger oder durch Studium o.ä. hier hängengeblieben?
Daniel: Ich bin gebürtiger Münchener, habe knapp 15 Jahre in Augsburg gelebt und wohne jetzt wieder in der Landeshauptstadt. Micha ist ein waschechter Augsburger und wir sehen uns schon als Augsburger Label, hier haben wir uns alle kennengelernt und hier ist alles entstanden.
Marcel: Wir sind hier auch mit Clubs wie der Rockfabrik, Circus, Kantine oder dem Melodrom in Kaufbeuren sozialisiert worden.
Wann entstand die Idee zu einem Plattenlabel?
Marcel: Wir haben uns vor ziemlich genau 20 Jahren kennengelernt. Unsere ersten gemeinsamen Schritte waren im DJ-Bereich, zum ersten Mal haben wir zusammen auf einer Veranstaltung in Schrobenhausen aufgelegt, dann ging es in Augsburg weiter. 2010 sind wir mit unserer Veranstaltungsreihe Deca Dance gestartet und später kamen die Young & Cold-Events dazu, die bis heute in ganz Deutschland stattfinden.
Deca Dance läuft auch heute nach 15 Jahren in der Ballonfabrik. Erstaunlich.
Micha: Es ist keine klassische Party, es spielen immer Bands und anschließend folgt eine After-Hour. Deca Dance ist eine ideelle Geschichte, ein Non-Profit-Ding, damit wollen wir der Szene etwas zurückgeben. Gerade für unbekannte Bands ist diese Veranstaltung eine gute Gelegenheit sich zu präsentieren.
Marcel: Am 1. Mai 2012 wurde Young & Cold-Records offiziell gegründet. Unsere ersten VÖs waren ausschließlich Kassetten mit regionalen Acts und einem mexikanischen Künstler, wir haben 700 Tapes in Handarbeit vervielfältigt und verkauft. Später folgten CDs und dann Vinyl. In den ersten sieben Jahren haben wir nur Verluste gemacht, es war also ein sehr teures Hobby.
Könnt ihr euch inzwischen von eurem Baby ernähren?
Daniel: Das Label war schon immer ein Hobby und eine Herzensangelegenheit, daran hat sich bis heute nichts geändert. Aber im Laufe der Jahre ist alles arbeitsintensiver und anstrengender geworden.
Marcel: 2018 hatten wir die ersten internationalen Acts auf unserem Label und ab diesem Moment ging es auch steil nach oben mit den VÖs und auch mit den Verkaufszahlen.
Wie regelt ihr das alles zeitlich?
Micha: Wir sind alle angestellt, ich bin UI-Entwickler, Daniel arbeitet in der Filmbranche und ist Tonmeister und Marcel verdient seinen Unterhalt bei einer Jugendhilfe-Einrichtung.
Marcel: Wir sind gut strukturiert und funktionieren als Team, zwei Tage investieren wir in der Woche nur für die Mailorder und sonst läuft auch viel von zuhause aus. Man trägt auch viel Verantwortung mit all dem Steuerkram, unterschiedlichen Steuergesetzen und Verträgen mit internationalen Acts. Neben der künstlerischen Arbeit gibt es auch viel Bürokratie.
Daniel: Wenn ich mit Bands arbeite oder Produktionen mastere, dann lege ich die Termine meist auf das Wochenende.
Und auflegen tut ihr auch noch?
Daniel: Genau. Aber das ist ja ein Privatvergnügen (lacht).
Marcel: Ich habe inzwischen zwei Kinder und habe vor acht Jahren meine Aktivitäten eingestellt, ich denke nicht, dass ich da nochmal aktiv werde.
Bei euch gibt es quasi alles in einem Haus, also Label, Studio, Merchandise, Promo. Ihr habt sage und schreibe fast 100 Künstler in eurem Roster.
Micha: Aktuell sind es 80, aber mit Partner- und Sublabels sind wir bei 300 aktiven Acts.
Macht ihr auch das Booking?
Micha: Das ist einer der wenigen Bereiche, aus dem wir uns komplett raushalten, dafür haben wir Partner, die das übernehmen.
Wie viele VÖs habt ihr inzwischen und was war bisher die erfolgreichste Produktion?
Marcel: Wir sind jetzt bei 207 Releases und nächstes Jahr sind 35 bis 40 geplant. Den weltweit größten Erfolg hatten wir bisher mit der texanischen Dark-Wave-Band Twin Tribes, das ging wirklich durch die Decke. Da mussten wir, obwohl wir mit einer hohen Auflage ins Rennen gegangen sind, oft nachpressen. Bis dato hatten wir überwiegend nur den europäischen Markt abgedeckt, mit Twin Tribes kam noch der US-Markt dazu sowie mittlerweile 50 weitere nordamerikanische Künstler. Inzwischen ist die Band aber zu einem Major-Label gewechselt.
Hat man da ein lachendes oder weinendes Tränchen im Auge?
Marcel: Beides. Für die Band ist das natürlich super, weil sie dadurch Zugang zu den großen Festivals bekommt und nicht mehr eine Ochsentour mit bis zu 300 Shows im Jahr spielen muss und das jetzt hauptberuflich machen kann.
Ihr bedient eine Nische, die sehr gut vernetzt ist. Erleichtert das eure Arbeit?
Marcel: Absolut, die Szene ist seht treu, der Großteil dürfte altersmäßig zwischen 40 und 70 sein. Aber in den letzten Jahren ist sie durch den TikTok-Hype rasant gewachsen, gerade bei jungen Leuten, die sich auch aktiv beteiligen. Vinyl ist da sehr stark gefragt und war auch in der Vergangenheit durchgehend ein stetiges Begleitmittel.
Wie habt ihr die Corona-Hürde überstanden? Gab es Momente, die eure Existenz bedroht hat?
Daniel. Am Anfang hatte ich schon ziemlich Bammel, keiner wusste, wohin uns diese Pandemie führen wird.
Marcel: Die ersten zwei Monate waren wirtschaftlich sehr kritisch, gerade weil die Konzerte weggebrochen sind und keine Platten verkauft werden konnten. Aber die Leute hatten auch mehr Geld zur Verfügung, weil man zum Nichtstun verdammt war. Die Plattenverkäufe gingen also wieder schnell nach oben.
Was mir bei der Recherche zum Interview aufgefallen ist, es gibt kaum Berichte oder Interviews über euch. Und schon gar nicht aus Augsburg. Woran liegt es, dass ihr bisher so sträflich vernachlässigt wurdet?
Daniel: Wir sind kein Unternehmen, das die Aufmerksamkeit sucht, wir bewegen uns hauptsächlich innerhalb der Subkultur und unserer Bubble und fühlen uns da auch sehr wohl. Wir haben schon Interviews mit einigen Magazinen aus unserer Szene geführt, aber ihr seid jetzt tatsächlich das erste Medium aus Augsburg, das über uns berichtet.
Was hat man nach so langer Zeit noch für Visionen, Träume oder Wünsche? Oder anders gefragt: Was muss passieren, bevor ihr Old & Cold seid?
Marcel: Wir sind sehr zufrieden, wie es läuft und so kann es gerne weitergehen. Cool wäre mal Musik für Werbespots zu platzieren. Wir waren mit unserem russischen Act „Nürnberg“ schon sehr nah dran. Wir hatten schon einen unterschriftsreifen Vertrag auf unserem Tisch liegen, doch leider kam der Krieg in der Ukraine dazwischen und alles wurde gecancelt. Ein US-Jeanshersteller hat uns einen sechsstelligen Betrag für einen Spot angeboten, der in den USA landesweit in den Kinos gelaufen wäre.
Micha: Alles was wir mit unseren künstlerischen Partnern machen, läuft auf einer sehr fairen Basis, wir machen keine Knebelverträge. Unser Merchandising ist fair trade und wird in Deutschland produziert, viele Bands aus Amerika, Asien oder Europa werden von uns beliefert. Es ist also überall Potential da.
Daniel: Fairness ist unser Credo und damit sind wir immer sehr gut gefahren. (ws)
www.youngandcold.de
Foto: Walter Sianos






