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Zwischen Räterepublik und Permakultur passt immer noch ein Yogakurs
Am Donnerstag, 03.10., feierte "Mein Freund der Baum" Premiere auf der Brechtbühne. Die Performance über "Geschichte und Gegenwart von Protestkulturen" (Ankündigung) ist ein Gastspiel der beiden Theatermacher Mark Schröppel und Philipp Karau alias SKART aus Gießen (rechts im Bild). Vom Theater Augsburg kommen die Schauspieler Judith Bohle, Lea Sophie Salfeld und Sebastian Baumgart (v.l.).
Bisweilen würde man doch gerne in die Köpfe der Sitznachbarn blicken können. Was das eher bürgerliche Pärchen rechts von mir wohl denkt, wenn sich die Brechtbühne in einen ziemlich durchgeknallten Spielplatz verwandelt mit viel Haut, Musik, Video und all den anderen schönen Elementen, die sich im Performancewerkzeugkasten finden? Muss eine Collage ein stimmiges Bild sein? Ein Bild, das stimmt? Oder zumindest als Bild stimmen?
Man ertappt sich dabei, dass man auch gerne Judith Bohle, Lea Salfeld und Sebastian Baumgart länger zugehört hätte, wenn sie von der Münchner Räterepublik berichten. Dass man sie gerne einmal im Dialog erlebt hätte mit den beiden "Conferenciers", den SKART-Masterminds Philipp Karau und Mark Schröppel. Man wäre auch gerne bei den Proben dabei gewesen, denn Spaß hatten (und haben) die Beteiligten offensichtlich. Und vielleicht hätte man dann sogar die Anmerkung gewagt, dass "Mein Freund der Baum" doch die ein oder andere Länge hat.
Offensichtlich haben's die vom Theater auch nicht getan - und das ist sicherlich gut so. Einerseits. Andererseits denkt man sich auf dem Heimweg, dass vermutlich nie ein Mensch Freund eines Baumes war, dass Karl der Käfer auch auf noch so drängende Nachfrage geschwiegen hätte und dass Reden über Protest oft ähnlich unbefriedigend ist wie darauf zu tanzen. Zwischen Räterepublik und Permakultur passt immer noch ein Yogakurs.
Singende Black-Panther-Kinder sieht man selbst als Arte-3sat-Gucker viel zu selten. Viele Sachen sieht man viel zu selten - und dazu gehören Aktionen wie dieses Gastspiel auf jeden Fall. Dass ein gutes Team inklusive Livemusiker mit einer überbordenden Fantasie trotz aller "Anstößigkeit" eine etwas biedere Inszenierung hinlegt, passt wiederum sehr gut zur deutschen Revolutionsgeschichte. Doch es ist, wie all die geplatzten Revolutionsträume, irgendwie schade. Das aber sehr. (flo)
Weitere Termine: 15., 24., 27.10., 01., 07., 19., 24., 28.11., bis Januar. Und wie immer gilt: selber gucken!
Fotos: Nik Schölzel






