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"Die guten Dinge gehen weiter"
Am heutigen 01. Juni übergibt Ludwigstraßengastronom Richard Goerlich seine Clubs »Beim Weissen Lamm« und »Soho Stage« an Kantine-Mitbetreiber Sebastian Karner. Ein Gespräch über Konkurrenz, Kontinuität, die Augsburger Szene und die Sache mit dem Hut
Nein, gefreut hat er sich nicht, als im Jahr 2004 der Club »Beim weissen Lamm« eröffnete: »Das fanden wir gar nicht cool!« Sebastian Karner (rechts im Bild) hatte mit seinem Partner Jürgen Lupart zwei Jahre zuvor den Liveclub und Diskothek »Kantine« auf dem Gelände der ehemaligen Reese-Kaserne an den Start gebracht, als sich in der Ludwigstraße, also mitten in der Innenstadt, die noch sehr jungen Augen des Lamms auf ein sehr ähnliches Zielpublikum richteten, Stichwort: »Indie«. Den Betreiber Richard Goerlich (li.) kannte er so gut wie gar nicht - und mochte ihn noch viel weniger. »Und dann wird der Typ auch noch Popbeauftragter!«
Karner lacht, als er die Geschichte heute erzählt. Gute zehn Jahre später sitzt er genau neben diesem »Typ« und steckt mitten in den Vertragsverhandlungen, um die einstige Konkurrenz zu übernehmen. Der frühere Musiker und Radiomann Richard Goerlich war lange Gastronom mit bis zu 80 Angestellten, Veranstalter und Agenturleiter gleichzeitig, zwischendrin Augsburgs erster Popkulturbeauftragter und schließlich auch noch Herausgeber des Onlinemagazins »Der Ludwig«. Im Herbst 2014 hat er beschlossen, seine beiden verbliebenen Clubs »Beim weissen Lamm« und «Soho Stage« zu verkaufen. Demnächst beginnt er seinen neuen Job als persönlicher Referent des Oberbürgermeisters.
Die mittlerweile freundschaftliche Beziehung zwischen dem alten und dem künftigen Chef des Lamms hat sich im Laufe der Zeit nur sehr zögerlich entwickelt. »Es begann mit seiner fairen Art, auf uns zuzugehen«, erzählt Karner, »Rich hat uns in seiner Funktion als Popkulturbeauftragter immer wieder geholfen, was ich sehr korrekt fand, schließlich waren wir zu der Zeit noch Konkurrenten.« Im vergangenen Jahr wurde die Verbindung dann konkret, als die Kantine begonnen hat, in der Soho Stage, dem gegenüberliegenden Liveclub-Ableger des Lamms, Konzerte zu veranstalten. »Wir haben die Möglichkeiten dort sehr schnell liebgewonnen, um kleinere Sachen zu machen, die in der Kantine aufgrund des Aufwands nicht möglich sind«, so Karner. Und eines Tages war es dann so weit: »Ich habe nur mal den Satz fallen lassen, er möge im Falle eines Verkaufs bitte an mich denken...« Und Goerlich ergänzt: »Mir ist einfach die notwendige Leidenschaft für die Sache nach zehn Jahren flötengegangen und ich glaube, Sebastian hat das gespürt.«
Lamm Löwenbändiger
Das Lamm hat im vergangenen Jahrzehnt das komplette Quartier geprägt, nicht alleine, aber doch als Keimzelle. Wäre damals ein, sagen wir mal, Mainstream-Maxstraßenclub eingezogen, wäre die Ludwigstraße vermutlich nicht das, was sie heute ist. Lange Zeit gab es hier außer dem »Circus« nichts von Interesse für junge Leute. Aus der einstigen »Schlemmergasse« war eine heruntergekommene Passage mit Tabledancebar geworden, das Lamm selbst umfasste seinerzeit noch zwei Läden, die Pizzeria »Don Camillo & Peppone« und die Pilsstube »Beim Warsteiner« mit dem Verkaufsschlager »Ein Meter Bier«.
Wer heutzutage am Wochenende Richtung Heilig-Kreuz spaziert, ist umgeben von einem brodelnden Nachtleben, darunter die bereits verkauften Lamm-Gewächse »Alte Liebe« und »Schwarzes Schaf«, in der Passage riecht es nach Wasserpfeife aus der Shisha-Bar, es gibt einen Imbiss und im Sommer kann man sein Jever-Fun im vermutlich höchstgelegenen Biergarten der Stadt, dem »Sonnendeck«, im Liegestuhl trinken. Vergangenes Jahr wurde noch dazu der Innenhof des nahegelegenen Postgebäudes an der Grottenau befeiert und die Zusammenarbeit mit dem Theater läuft ebenfalls bestens.
Das Lamm ist einer der seltenen Fälle, in denen, etwas martialisch ausgedrückt, die Gaststätte gegen die Nachbarn obsiegt hat. Eine Entwicklung, die sich wahrlich nicht abzeichnete, bereits wenige Wochen nach Eröffnung musste das Lamm wieder schließen, um für mehrere zehntausend Euro eine Lärmschutzdecke einzuziehen, die großen Fenster blieben auch im Sommer geschlossen. Mittlerweile gibt es kaum mehr Anwohnerbeschwerden, auch dank der regelmäßigen Treffen zwischen den ansässigen Gastronomen, dem Ordnungsamt und der Polizei. Bei der Zusammenkunft dieses Kreises im Mai war Karner zum ersten Mal dabei, mit Oliver Brunner vom Theater hat er ebenfalls schon Kontakt aufgenommen. Und dann ist da ja noch das Mutterschiff, die Kantine im Kulturpark West, an der Karner weiterhin mit Herz und Seele beteiligt ist: »Es ist überhaupt kein Kantine-Exit für mich, die habe ich mitaufgebaut, das ist einfach ein Unterschied.« Angesichts der aktuellen Diskussion um den Umzug ins Gaswerk wurden immer wieder Vermutungen laut, der Gastronom würde seinen Ausstieg vorbereiten. Karner schüttelt vehement den Kopf: »Ich werde alles dafür tun, dass die Kantine weitergeht.«
Auf der Hut vor dem Hut
Eines weiß Karner aus eigener Erfahrung nur zu genau: Livemusik in Augsburg ist ein sehr ambivalentes Unterfangen, für welches das Wort Leidenschaft erfunden worden zu sein scheint. Nicht nur, dass sich hier selbst bekannte und hochwertige Acts schwertun, auch die zunehmende Kultur des Gratiskonzerts mit anschließender Spendensammlung sehen beide mit großer Skepsis. Die Musikinfrastruktur mit allen verbundenen »Gewerken«, wie Veranstalter, Promoagenturen, Plattenfirmen, Labels, Verlage, GEMA etc., kostet schlicht und einfach Geld und ein Geschäft aufzubauen auf den kaum kalkulierbaren Erträgen, die am Ende des Abends in einer Kopfbedeckung liegen, ist schlichtweg unmöglich.
»Wenn eine Augsburger Hobbyband auf Hut spielt, ist das kein Problem, aber wir nehmen uns schon raus, eine gewisse Qualität und Bandbreite anzubieten«, sagt Karner, wobei man ihm anmerkt, wie sehr ihn die Sache umtreibt. »Das gilt auch für heimische Künstler: Wenn eine Band im einen Laden auf Spendenbasis spielt und einen Monat später im nächsten zehn Euro Eintritt kostet, wundert sich der Gast erst mal. Auf der anderen Seite freut sich aber auch die Augsburger Band über eine Festgage«, beschreibt er das Dilemma. Karner hofft, das Thema beim Diskussionspanel »We Are The Night – Braucht Augsburg eine Clubkommission?« auf dem Modular anbringen zu können.
Für Freunde von Livemusik ist der Pächterwechsel auf jeden Fall eine gute Nachricht und selbstredend auch für die Gäste des Lamms. Sebastian Karner ist kein Haudrauf, der das perfekt geölte Rad partout neu bereifen will. »Das war mit ein Grund für mein Zögern, ich konnte mir nicht vorstellen, wer das Lamm in unserem Sinne weiterführen könnte«, erzählt der scheidende Chef. »Nachdem meine Abschiedspläne bekannt wurden, kamen sehr viele Anfragen«, Goerlich rollt die Augen, »ich bin über die jetzige Lösung wirklich extrem glücklich.«
Die Kontinuität gilt für das Angebot übrigens ebenso wie die Belegschaft, aufgrund des Wechsels muss niemand gehen. Verbesserungen gibt es freilich auch: Eine neue Sound- und Lichtanlage soll die ohnehin schon guten Voraussetzungen in der Soho Stage weiter optimieren, die Konzerte werden mehr, aber auch andere Veranstaltungen wie der »Philosophy Slam« sollen weiterhin ihren Platz haben. »Die guten Dinge gehen weiter«, erklärt Karner, wobei er die nicht so guten Dinge gentlemanlike unerwähnt lässt.
Augsburger Geschichten
Und gegen Ende bekommt die Geschichte noch einen schönen Augsburger Dreh. Ganz neu im Ludwigstraßenteam ist der Musiker Markus Mehr, der vor Kurzem seinen Booker-Job im Ostwerk aufgegeben hat und nun hauptsächlich für die Soho Stage mitverantwortlich ist. Denn auch Mehr war als damaliger Mitbetreiber des Clubs »Pavian« bei Eröffnung des Lamms kein großer Freund des tierischen Konkurrenten, ganz im Gegenteil. »Ich kann das mittlerweile sehr gut verstehen«, kommentiert Goerlich die einstige Rivalität. »Wir kennen das ja auch: Natürlich will zum Beispiel der City Club keine Konkurrenz sein, aber natürlich ist er es. Ich sehe das positiv, Wettbewerb hält wach und kreativ.«
Der Abschied vom Lamm, oder »das Auslaufen«, wie der Schalke-Fan es nennt, hat für Richard Goerlich längst begonnen. In der Nacht zum 01. Mai hat er mit seinem langjährigen Freund und Musikerkollegen Michael Dannhauer ein letztes DJ-Set hingelegt und es wird mindestens eine interne Abschiedsfeier geben. Im Juni übernimmt Sebastian Karner mit den beiden Läden auch die Büroräume über der Alten Liebe und feiert seinen Einstand am Vorfeiertag, dem 03. Juni.
Nach einer guten Stunde mit dem alten und dem neuen Chef des Lamms wurde erstaunlich wenig über die Vergangenheit geredet und viel über die Zukunft sowie die aktuelle Situation in Augsburg. Ein gutes Zeichen, wie wir finden. Ganz so, wie es Sebastian Karner bereits in der ersten Viertelstunde unseres Treffens formuliert hat: »Die guten Dinge gehen weiter!« (flo)
Fotos: Christian Menkel






