Magazin
Die Schlager-Sphinx
Da sind wir mal ganz bescheiden und behaupten: Es war das Konzert des Monats! Während sich die Augsburger Fans am Mittwoch von Campino anschreien oder beim Scorpions-Gedächtnis-Abend im Spectrum einlullen ließen, standen rund fünfzig Besucher mit offenen Mündern in der Werkstattgalerie Krüggling im Bismarckviertel und bestaunten ein Popphänomen, das, mal abgesehen von einer kleinen schwäbischen Stadt, die ganze Republik polarisiert. Der seit Jochen Distelmeyer beste deutschsprachige Schlagersänger Dagobert war zu Gast und bewies ganz nebenher die relative Hype-Unfähigkeit der Fuggerstädter. "Buback-Fake" wurde da teilweise schon gemutmaßt, lieber erstmal nicht hingehen.
Verpasst haben die Musikfreunde eine Kunstfigur zwischen Buster Keaton, Karl Valentin und Roland Kaiser, deren Künstlichkeit durchaus diskutiert werden kann. Vermutlich funktioniert das Ganze auch nur deshalb so gut, weil der Mann Schweizer ist. Während wir die Kavallerie über die Berge schicken wollen, haben die Eidgenossen eine neue Spielart des Indiegenres in die Bundeshauptstadt geschmuggelt, die Kitsch und Tragik mit Stil und Augenzwinkern verbindet wie man es hierzulande nur selten erlebt. Wirkt alles ganz einfach, ist aber große (Unterhaltungs-)Kunst, Tränen im Augenwinkel inklusive, weil's so schön ist und so witzig.
Und verdammt mutig, größtenteils nur mit Playbackmucke aus dem I-Pod, dafür bestens gekleidet, mit dramatischen Gesten und bohrendem Blick, über Einsamkeit, Familienglück und sonstigen Schmalz zu singen, dazu gehört schon was. Zum Beispiel so Sätze wie "Trostlos, alleine, so dass ich sing wie Klaus Meine". Ob man die Lebensgeschichte des jungen Herrn im Frack nun glaubt oder nicht, es passt wunderbar zusammen und Songs wie "Ich mag deine Freunde nicht" sind einfach Hits. Des Weiteren gilt wie immer: Never let the truth get in the way of a good story.
Das nicht ganz so perfekte Foto unten hat Horst Thieme mit dem Handy geknipst - und irgendwie passt es ganz gut, zu einem Abend wie diesem...






