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Geschichte zu Gast
Irgendwo muss noch die alte Slime-Kassette rumfliegen. Als ich die von einem Kumpel bekam, gab es die Band schon ein paar Jahre nicht mehr. Mittlerweile ist fast ein Vierteljahrhundert vergangen und die Deutschpunklegende spielt wieder. Und beim Konzert am Donnerstag in der Kantine beschleicht mich schnell das Gefühl, dass ich nicht der einzige bin, der sich Gedanken macht über das Leben an sich und den Verbleib einer ganz bestimmten Kassette.
Punk zu konservieren, ist so ziemlich das unmöglichste Vorhaben der Welt. Leider erinnert in der Kantine vor allem die Soundqualität an ein Berliner Juze Anfang der 80er. Von der Slime-Originalbesetzung sind immerhin noch drei Mitglieder übrig und Sänger Dirk – man kann es kaum vermeiden – ähnelt mit seiner blondgefärbten Stand-up-Frise irgendwie dann doch Campino. Dabei waren Slime das genaue Gegenteil, die Toten Hosen waren Party und später nur noch lächerlich. Slime waren politisch, extrem, eine Kampfansage – und ziemlich schnell tot.
Zur Konzerteröffnung in der gutgefüllten Kantine erklingt die Begründung der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, die 1982 den Slime-Song "Polizei SA/SS" zensierte und dessen Aufführung verbot. Seinerzeit, so will es die Legende, waren Slime-Auftritte regelmäßig von Straßenschlachten und handfesten Auseinandersetzungen begleitet, zunächst zwischen Publikum und Polizei, später auch zwischen Musikern und Publikum. Heute Abend beschränkt sich die "Revolte" auf ein paar wenige ziellos fliegende Bierbecher.
Die Band selbst ist erstaunlich tight, vor allem Schlagzeuger Alex merkt man an, dass er einen Großteil seiner Miete damit bestreitet, bei altgedienten deutschen Punkbands zu trommeln. Neben ihm ist Bassistin Nici seit 2010 dabei, und sie hat mit ihren Gitarristen sichtlich Spaß, das Punkuhrwerk tickt präzise wie eh und je. Die ärmste Sau ist Sänger Dirk. Songs wie "Alle gegen alle" oder "Legal, illegal, scheißegal" schreien förmlich danach, mit großen Gesten gesungen werden. Also hoch die Hände, Arme ausgestreckt, den Stinkefinger raus, die Faust - es sieht nicht wirklich nach Aufruhr aus, während vorne die Jungpunks relativ zahm toben und sich hinten die Familienväter bei "Deutschland muss sterben, damit wir leben können" selig in den tätowierten Armen liegen.
Ansagen wie "Das könnt ihr euch hinter die Ohren schreiben" wirken zwar reichlich autoritär für den Rahmen, aber die Idee, beim aktuellen Album "Sich fügen heißt lügen" Texte des Dichters und Aktivisten Erich Mühsam zu vertonen, ist auf jeden Fall clever. Es entbindet einerseits von der Aufgabe, selbst welche zu schreiben, andererseits hat es was von Traditionspflege. Und wie Dirk nicht müde wird zu betonen, sind die Themen auch hundert Jahre später noch aktuell. Bleibt zu hoffen, dass wenigstens ein kleiner Teil der Message den Weg durch den bierseligen Konzertsaal schafft.
Allzu viel Hoffnung darf man sich aber wohl nicht machen. Getränke gibt es heute nur in Plastikbechern, der flaschengesprenkelte Parkplatz beweist warum. Was Punk damit zu tun haben soll, seinen Müll überall rumliegen zu lassen? Nichts. Auf dem Flyer zum diesjährigen Ruhrpott-Rodeo, einem der größten Punk-Openairs Europas, wird die "einzige Deutschlandshow" von der (klar!) Legende Black Flag angekündigt – neben Bad Brains und UK Subs. Jetzt wird es aber wirklich Zeit, den Karton mit den alten Kassetten zu suchen...
Foto: Slime






