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Neoliberale Kackscheiße!
Das Dr. Drexler Project aus Augsburg switcht zwischen Punk, Elektro, Dada und Politik
Der Protestsong ist wieder da, vorgetragen vom Dr. Drexler Project, welches sich in Form und Inhalt einem neuen, modernisierten Post-Punk-Sound verschrieben hat. Rhythmen für den Tanzboden. Ein knurrender Bass, kantige Beats, eine nervös schneidende Gitarre und ein grimmiger Gesang zeugen von Unmut. Musik zu ungemütlichen Zeiten. Walter Sianos traf Mastermind David Jahnke.
David, du bist Mitinhaber des Vinyl- und Mastering-Studios Duophonic und ihr habt mit Paulapaulplatten auch ein eigenes Label an den Start gebracht. Nach „Das Format“ und „Kalte Hand“ ist das jetzt auch Dr. Drexlers musikalische Heimat. Warum gründet man heute noch eine eigene Plattenfirma?
Wir hatten früher ja schon mit „In guten Händen“ ein Label. Inzwischen gibt es in Augsburg gerade im subkulturellen Bereich wieder so viele gute Bands und die Idee war es, das Ganze zu bündeln, ein Netzwerk zu schaffen, sich gegenseitig zu supporten und letztendlich physikalische Tonträger herzustellen, die von Leuten gekauft und wertgeschätzt werden.
Mit „Neoliberale Kackscheiße“ erscheint Anfang August dein zweites Album. Darauf tummeln sich 17 Songs, die mit dem Zeitgeist scharf ins Gericht gehen. Würdest du dich selbst als Punk bezeichnen?
Ich komme aus dem Punk und habe von 1995-2002 in der Deutschpunkband „Wertlos“ gespielt. Im Geiste und im Gedankengut bin ich noch Punk, auch wenn ich nicht mehr so aussehe wie in den 90ern.
Für Punk gibt es ja jede Menge Definitionen, was bedeutet es für dich persönlich?
Für mich ist dieses DIY-Ding elementar. Wenn dir etwas nicht passt, dann verändere es, schaffe dir Strukturen, in denen du dich wohlfühlst. Punk ist auch eine Anti-Haltung, gegen den Strom und das Angesagte zu schwimmen. Für mich gibt es auch keinen unpolitischen Punk.
Würdest du dich als Protestsänger/Künstler bezeichnen?
(lacht) Ich bin im permanenten Protest gegen viele Missstände auf diesem Planeten, aber ob ich jetzt ein Protestsänger bin, das müssen andere entscheiden.
Du bist jemand, der Dinge anprangert und seine Wut herausschreit. Kommt man sich in dieser Rolle manchmal auch wie Don Quichotte vor?
Gute Frage… Nein, eigentlich nicht, denn es gibt genügend Leute, die ähnlich denken und eine ähnliche Wut im Bauch haben. Der Begriff Wut ist ja heute negativ behaftet, „Wutbürger“ ist ein echtes Unwort. Wut ist aber auch ein Antrieb, um kreativ zu sein, um Veränderungen zu schaffen. Wut schafft Emotionen und wenn sie unterdrückt werden, passiert meist nichts Gutes.
2019 erschien das Debut-Album „Kapitalakkumulation“. Es sind also sechs lange Jahre bis zum neuen Werk verstrichen.
Ein Grund war natürlich die Pandemie, die alles erst einmal ausgebremst hat. Viele Auftritte mussten gecancelt werden und alles lag irgendwie erst einmal auf Eis. Und dann kam der Aufbau unseres Schallplattenpresswerks Duophonic dazwischen, was mich kreativ ausgeboxt hat, weil wir da viel Zeit und Energie investiert haben. 2023 hat dann wieder alles Fahrt aufgenommen, ich habe mich mit Bruno Tenschert und Maxi Wörle getroffen und wir haben uns im Übungsraum oft die Nächte um die Ohren geschlagen und meistens ist dabei ein Song pro Tag herausgesprungen.
Bei eurer letzten Show vor Corona stand eine fünfköpfige Band auf der Bühne.
Dr. Drexler ist als ein offenes Kollektiv gedacht und die Band war in erster Linie dazu da, um alles live zu realisieren. Aber je mehr Leute dabei sind, desto schwieriger wird es auch, denn jeder ist mit Job und Familie gefordert, als Duo oder als Trio funktioniert es doch besser. Der Stamm besteht aber aus Bruno, Maxi, Moritz Illner und mir.
„Neoliberale Kackscheiße“ fordert erneut die Hörer.
Ich finde, dass die Platte sehr schöne Hooklines hat. Immer wenn unsere Musik zu schön wird, müssen wir sie kaputt hauen. Letztendlich muss es knallen, es ist kein Soundtrack zum Geschirr spülen. Man muss sich hinsetzen, zuhören und bestenfalls die Texte auch noch mitlesen.
Ende Mai gab es nach langer Zeit wieder ein Konzert im City Club. Wie war es, mal wieder auf der Bühne zu stehen?
Ungewohnt. Aber es ging noch. Ich bin ja auch keine 20 mehr (lacht).
Als wir uns letztens begegnet sind, haben wir uns über die neue Platte von Team Scheisse unterhalten, die mir persönlich sehr gut gefällt. Das Album wird von vielen Feuilleton-Redakteuren hofiert und selbst „Titel Thesen Temperamente“ hat sie im TV gefeatured und es als „Punkrock mit Haltung und Humor“ bezeichnet.
Ist das Punkrock?
Hört sich jedenfalls so an…
Ich habe es immer wieder mal versucht, aber ich mag dieses pseudo-ironische Ding nicht. Das haben Bands wie Knochenfabrik oder Wohlstandskinder in den 90ern besser gemacht. Da bleibe ich lieber bei den Goldenen Zitronen.
Sie haben aus Protest gegen den Einfluss von Tech-Milliardären ihren Insta-Account mit über 50.000 Followern gelöscht. Macht sie das glaubwürdig oder ist das nur eine PR-Show?
Ich kann nicht in deren Köpfe gucken und habe keine Ahnung, was ihre Intuition war, aber alleine dass wir uns darüber unterhalten, ist schon ein Indiz dafür, dass diese Aktion funktioniert hat.
Darf Punkmusik nicht unterhalten?
Wenn es zur Unterhaltungsindustrie wird nein, ansonsten darf Punk alles, außer rechtsoffen sein.
Ich war überrascht, dass deine Songs auch beim vermeintlichen Klassenfeind Spotify zu hören sind…
Das alte Album ist dort zu hören, das wird aber beim neuen Album nicht mehr der Fall sein.
Alle schimpfen über den Streaminggiganten, die meisten stellen aber ihre Musik trotzdem rein.
Genau das ist das Problem. Spotify funktioniert ja nur, weil es so viel Content gibt. Alle, die dabei sind, tragen Mitschuld, wenn sie es nicht täten, dann hätte dieser Konzern auch keine Relevanz mehr. Ich kann dieses Gejammere nicht mehr hören, denn es gibt ja durchaus Alternativen wie Deezer, Tidal oder Bandcamp.
Dr. Drexler wirkt als Figur mysteriös, unnahbar und auch unheimlich. Wie fühlt sich diese zweite Haut so an?
Ich wollte ursprünglich meine Identität geheim halten, hat allerdings nicht lange geklappt. Ich mag es nicht, als Musiker mein Gesicht hinzuhalten, ich bin kein Narzisst. Ich schlüpfe dadurch in eine andere Rolle und genieße eine größere, künstlerische Freiheit und das fühlt sich gut an. Das war ja auch schon bei Fräulein Brecheisen so, damals noch in Frauenkleidern.
Ich finde deine Fotos super. Sie haben etwas Faszinierendes, man muss sie ständig anstarren.
Ja, das funktioniert wirklich gut, gerade in einem dunklen Raum mit Projektion auf dem Körper. Ich mag es, dieses No-Future-Ding zu zelebrieren, ich will keine Männer auf der Bühne sehen, die ihre Gitarren spielen. Gerade in der heutigen Zeit ist eine Bildästhetik oft wichtiger als Text, weil die Leute kaum noch etwas lesen.
Eine neue Platte steht auch für neue Ziele. Was sind deine, welche Intuition hast du? Platte, Tour…
Die Platte musste einfach raus, weil sie mit einem Backdrop-Kanzler auch den Zeitgeist trifft, mehr neoliberale Kackscheiße geht nicht. Es wird sicherlich vereinzelt Konzerte geben, auch eine Release-Show in Augsburg ist geplant. Eine längere Tour wird es aber nicht geben, wir sind ja nicht Team Scheisse! (ws)
Foto: Bruno Tenschert






