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Die 10-Euro-Reportage: Von wegen Fitnesscenter

Zwischen den Jahren hat sich bei uns der Druckteufel ausgetobt und die aktuelle 10-Euro-Reportage böse verstümmelt. Deshalb hier nochmal das ganze Abenteuer...

Zwischen den Jahren hat sich bei uns der Druckteufel ausgetobt und die aktuelle 10-Euro-Reportage im Januarheft böse verstümmelt. Deshalb hier nochmal das ganze Abenteuer:


Die 10-Euro-Reportage: Von wegen Fitnesscenter
von Marcus Ertle

Die letzte 10-Euro-Reportage war ja ein verdienter Exzess. Endlich, endlich habe ich sie zu einem Zweck genutzt, der sinnvoll und gut ist: Dem eigenen Genuss. Eis essen. Wie lange ist das her. Es war Sommer. Die Menschen waren beschwingt, die Sonne warm, das Eis, ja. Natürlich, kalt. Nach diesem Genuss bot es sich an, nein, drängte es sich auf, bei der nächsten Reportage ein wenig Buße im Fitnesscenter zu tun, auch um den eigenen und fremden Augen ein Wohlgefallen zu sein. Das war meine lautere Absicht. Und dann....

Kein Sport

Und dann das. Ich stand schon vor dem Fitnesscenter und schaute andächtig auf das sexy durchtrainierte Paar auf dem riesigen Plakat über mir und dann klingelt das Handy. Die Pressesprecherin der Fitnesscenterkette. Extra ruft sie mich an. Obwohl sie gerade Urlaub macht. Auf Hawaii! Sie ruft mich also an, während sie wahrscheinlich gerade am Strand liegt und eine Kokosnuss ausschlürft und sagt mir: "Das mit der Reportage finden wir suu-per, suu-per su-per-toll, aber leider, leider, leiii-der geht das nicht. Wir bauen unsere Studios gerade um und leiiiiider, ist das in Augsburg noch nicht dran, das geht also so gaaar nicht. Nächstes Jahr aber dann super-super gerne."

So musste sich Saulus fühlen, bei der Nachricht, dass das mit dem Paulus-Status aus Termingründen erst nächstes Jahr gehen wird, leider, leider. Ich bin natürlich sehr enttäuscht, denn ich wollte ja ein neuer Mensch werden, vor allem ein Mensch, der ein wenig so aussieht, wie der stramme Herr auf dem Werbeplakat. Nicht von jetzt auf gleich. So realistisch bin ich wohl. Aber jedem Anfang wohnt doch die Vision des Ziels inne, anders würde man ja kaum anfangen, anders ginge es nicht. Und so war es eben auch bei mir. Ich stand, als kleiner staunender Junge, vor den Göttern der Gegenwart: zwei schönen Körpern. Aber mir wurde der Zugang verwehrt.

Aber das ist doch gar kein Problem. Sagte ich zu mir. Überhaupt kein Problem. Unsere Vorfahren waren schließlich auch fit und sind nie ins Fitnesscenter gegangen. Sie bestellten Felder, holzten Wälder, klopften Steine und am Ende des Tages, um diese sehr beliebte Redewendung zu benutzen, waren sie fit und starben mit Anfang 30 nach einem auszehrenden Leben. Harte Arbeit bietet sich also nicht als Fitnessprogramm an, schließlich wird man ja Reporter um gerade dieser Arbeit aus dem Weg zu gehen. Da stand ich nun also mit meiner Jogginghose im Rucksack da, zehn Euro in der Tasche und ohne echte Perspektive. Auf den Schrecken musste ich erst mal was essen.

Openair für Bürokaufleute

Der Christkindlesmarkt. Wie schön. Wie wunderbar. Seelenvoll treffen sich Jung und Alt, um das Weihnachtsfest zu genießen. Fröhlich singt man Lieder. Andächtig lauscht man dem Engelsspiel, dem Glockenschlag. Freundlich nickt man dem Nachbarn am Marktstand zu. Hier und da isst man einen Schokoapfel, da und dort verdrückt man ein Bratwürstchen, ab und an nippt man am Glühweinchen, das die Wangen rötlich färbt. Hach. Ja.

Was für ein verkitschter Unsinn. Die Wahrheit ist natürlich ganz anders. Der Christkindlesmarkt, zutreffenderweise häufig Glühmarkt genannt, ist für die Bürokaufleute und Rentner der Stadt das, was für Heavy-Metal-Fans das Wacken-Openair ist. Dagegen ist eigentlich nichts einzuwenden, jeder feiert eben anders. Wer bin ich, das zu verurteilen? Wer bin ich, da außen vor zu bleiben? Wo es doch so schöne Dinge zu entdecken gibt. Nehmen wir die Dampfnudeln, oder auch Germknödel, ich weiß bis heute nicht, was da der genaue Unterschied ist, aber sie schmecken sehr gut. Wäre ich PR-Frau in einer bekannten Fitnesskette, würde ich sagen: Sie schmecken suupi-suupi-gut. Hier fünf Euro zu investieren ist eine gute Tat. Ich stelle mich an den Tresen und esse brav meinen Germknödel. Neben mir steht ein Pärchen, das möglicherweise gerade aus dem Büro kommt, oder einfach zwei Büroangestellte von denen einer der beiden will, dass sie ein Pärchen werden.Es gibt Menschen, die eine seltsame Angewohnheit haben: die Worte des Gegenübers in Frageform zu wiederholen. Das ist für einen dritten Zuhörer eine unterhaltsame, für den Betroffenen aber eine eher nervige Angelegenheit und sollte man vorhaben, jemanden zu becircen, sollte man es nicht zwingend so machen:

Sie: Die sind gut, die Germknödel.
Er: Sind gut die Germknödel, oder?
Sie: Ja, sind echt gut.
Er: Ja, lecker.
Sie: Total.
Er: Total, oder?
Sie (zögernd): Ja, schon. Der Glühwein war aber auch nicht schlecht.
Er: War nicht schlecht der Glühwein, oder?

So ging es immer weiter. Wie in einer Endlosschleife. Wer weiß, ob die beiden, falls sie zusammenkommen sollten, sich überhaupt je trennen werden. Nicht aus Liebe. Sondern wegen der Anschlusswiederholung.

Sie: Ich will mich trennen.
Er: Willst dich trennen, oder?
Sie: Ja.
Er: Ja, oder?
Sie: Ja.
etc. etc.

Ich erzähle das mit der Milde eines Menschen, der einen passablen Germknödel in seinem Magen hat. Es ist wirklich unglaublich was los hier. Diese Menschenmassen. Was wollen eigentlich alle hier? Das frage ich mich bei jeder Menschenmasse, auch wenn ich selbst Teil davon bin und mir selbst die Frage beantworten könnte, aber mir fällt meistens keine Antwort ein. Ich lasse mich also einfach treiben. Vorbei an gestrickten Socken, Kerzen, Lebkuchenherzen, Glühweinständen, an dem ganzen Kram und langsam wird mir ganz besinnlich zumute, oder fast schon melancholisch. Zwischendrin habe ich Trauben in Schokoguss (2,50) gegessen, das hat aber auch nichts geholfen. Ich brauche, glaube ich, Ruhe, ein stilles Eckchen mit lieben Menschen. Ich gehe zur „Brezn“.

Dreams are my reality

Die "Brezn" hat ja einen etwas zweifelhaften Ruf. Diesen Ruf kennen inzwischen sogar die Inhaber und sorgen mit Kerzen auf den Tischen für eine liebliche Stimmung. Ich trete ein, setze mich an den Tresen. Die vollbusige Barkeeperin, ein einzelner schlafender Gast, der den Kopf sanft neben seinem Bierglas ruhen lässt. Wir drei sind also die Insassen dieses kleinen gemütlichen Schiffchens, das unbeeindruckt von den Stürmen der wilden Stadt vor sich hin tuckert.

"Wo kommst denn Du her?", will sie von mir wissen. "Aus dem Chaos!", antworte ich pathetisch und bestelle mir ein Helles. Der bisher schlafende Gast ist zwischenzeitlich erwacht. Er sieht überraschend fit aus. Wie ein Altrocker, der gerade keine Rockerkluft im Schrank hatte, stattdessen Sportjacke aus Ballonseide, ausgewaschene Jeans und rote Turnschuhe, er sieht ein wenig aus wie Klaus Meine von den Scorpions, nur lebendiger. Er schaut mich an, schaut die Barkeeperin an, hebt lauschend den Kopf und singt bewegt den Song mit, der gerade aus den Boxen schallt.

Dreams are my reality
the only kind of real fantasy
Illusions are a common thing
I try to live in dreams
It seems as if it's meant to be

Dreams are my reality
a different kind of reality
I dream of loving in the night
And loving seems alright
Although it's only fantasy.

Wir alle sind gerührt. Als erstes berappelt sich die Barkeeperin und sagt:

Sag mal, wieso schläfst du eigentlich hier und nicht daheim?
Klaus Meine erwidert nachdenklich: Daheim ist es auch nicht schöner als hier, weißt du?
Barkeeperin: Aber seit wann bist du denn jetzt schon da?
Klaus Meine: Seit sechs in der Früh.
Barkeeperin: Und jetzt ist es sieben abends.
Klaus Meine: Das ist schon lang.
Barkeeperin: Ja, das ist nicht kurz.
Klaus Meine (nach einer Kunstpause): Du erinnerst mich an meine große Liebe, das ist jetzt 25 Jahre her.
Barkeeperin: Die würdest du doch gar nicht mehr wiedererkennen heute.
Klaus Meine (versonnen): Das Luder würde ich immer wiedererkennen.

Danach schweigen wir wieder. Klaus Meine schaut mich an, ich schaue ihn aufmunternd an, die Barkeeperin geht an den Spielautomaten und versucht ihr Glück. Das bringt mich auf die Idee mit dem Glück. Wieso, frage ich mich, wieso wundern wir uns eigentlich immer, dass wir nicht im Lotto gewinnen? Natürlich, wir wissen, dass die Chancen wirklich viel zu gewinnen verschwindend gering sind, aber wir sehen uns eben nicht als Teil der Masse, wir fühlen uns auserkoren, vom Glück und Gott insgeheim begünstigt, wenn auch bislang nicht reichlich beschenkt, dennoch auserwählt, einfach weil wir wir sind. Ich überlege gerade, ob ich Klaus Meine fragen soll, was er dazu denkt, aber er ist gerade aus der Tür gerannt und raucht draußen eine Zigarette, und die Barkeeperin sitzt selig vor dem Spielautomaten und versucht es immer, immer wieder, ich will sie nicht dabei stören, sie nicht mit unausgegorenen Gedanken behelligen. Stattdessen lege ich meine restlichen drei Euro Spesen auf den Tresen, winke zum Abschied, gehe durch die dunklen Gassen der Stadt und summe ein Weihnachtslied.

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