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Politik

Über die Großrazzia im City Club

Wenn Sichtbarkeit zur Machtdemonstration wird. Im Gespräch mit Svenja Tietze vom City Club Kollektiv

Die Razzia im City Club wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet hat – über Verhältnismäßigkeit, Transparenz und den Umgang mit Kulturorten in Augsburg.

Von Tanja Moosrainer

Mehr als 200 Einsatzkräfte, abgesperrte Straßen, stundenlang festgehaltene Gäste, entwürdigende Durchsuchungen – und bis heute kaum belastbare öffentliche Informationen zu Anlass und Ergebnis. Die Razzia im City Club am Augsburger Königsplatz wirft eine Frage auf, die über diesen einzelnen Abend hinausgeht: Diente dieser Einsatz der Strafverfolgung – oder der Demonstration staatlicher Macht?

Seit dreizehn Jahren ist der City Club ein fester Bestandteil der Augsburger Kulturlandschaft: Raum für elektronische Musik, selbstorganisierte Kultur, politische Diskussion, queeres Leben. Ein Ort, der bewusst offen ist und genau deshalb für viele Menschen so wichtig ist. Wer hier eingreift, greift nicht nur in einen laufenden Betrieb ein, sondern in ein gewachsenes soziales Gefüge.

Selbstverständlich gilt: Auch Kulturorte sind keine rechtsfreien Räume. Wenn es einen konkreten, begründeten Verdacht gibt, muss er verfolgt werden. Doch Verhältnismäßigkeit ist kein optionales Extra des Rechtsstaats – sie ist sein Fundament. Ein Einsatz, bei dem rund 150 Gäste über Stunden festgehalten und offenbar zu erniedrigenden Durchsuchungen gezwungen werden, ohne dass bis heute transparente Ergebnisse kommuniziert wurden, untergräbt Vertrauen. Nicht nur in die Polizei, sondern in staatliches Handeln insgesamt.

Besonders irritierend ist die Symbolik dieses Abends. Zelte, Kameras, massive Präsenz – das alles erzeugt Bilder. Bilder, die hängen bleiben und Fragen aufwerfen: Warum dieses Aufgebot? Warum diese Öffentlichkeit? Warum an einem Ort, der seit Jahren friedlich Kulturarbeit leistet? Dass der Einsatz kurz vor der Kommunalwahl stattfand und ausgerechnet einen klar politisch und gesellschaftlich verorteten Raum traf, macht diese Fragen nicht kleiner.

Die spontane Demonstration vor dem Club und die enorme Solidarität – sichtbar etwa durch die hohe Spendensumme binnen weniger Stunden – zeigen: Der City Club ist vielen Menschen nicht egal. Er ist Teil der städtischen Identität. Wer solche Orte beschädigt, beschädigt mehr als eine Immobilie oder einen Betrieb. Er beschädigt das fragile Ökosystem urbaner Kultur.
Die Stadt und die Staatsanwaltschaft schulden der Öffentlichkeit eine Erklärung – nicht nur juristisch, sondern gesellschaftlich. Denn Kulturorte sind keine Kulissen, die man beliebig betreten und verwüsten kann. Sie sind Räume des Vertrauens.

Augsburg steht für eine vielfältige Kulturszene. Doch diese Vielfalt existiert nicht von selbst. Sie braucht Schutz. Der Rechtsstaat verliert nichts, wenn er erklärt, begründet und reflektiert. Er verliert viel, wenn er lediglich auftritt.

Fünf Fragen an Svenja Tietze, Teil des Kollektivs und stellvertretend für den City Club:

1. 200 Einsatzkräfte für einen Club: Wie habt ihr die Stunden der Razzia persönlich erlebt?
Es war natürlich erst mal ein riesiger Schock. Es haben hauptsächlich Männer, viele maskiert, den Club gestürmt und alle Räume mit mehr Einsatzkräften gefüllt. Am Anfang war es dunkel und laut, es wurden Durchsagen gemacht, die kaum zu verstehen sind. Es war nicht klar: Was wollen die Polizist*innen? Warum sind sie hier? Was ist überhaupt los?
Die Gäste und Mitarbeitenden wurden mit Taschenlampen angeleuchtet und gefilmt. Dann wurde die Musik abgedreht und die Abluftanlage und alle anwesenden Personen für mehrere Stunden an Ort und Stelle festgehalten. Unser Team empfand die Situation als sehr angespannt und über Stunden wurde niemandem gesagt, was eigentlich der Grund für dieses Aufgebot ist. Einige Gäste standen sichtlich unter Schock, eine Frau wurde gewaltsam von drei Beamten fixiert und gefilmt – auch als sie sich übergeben hat. Es war wirklich eine schlimme und beängstigende Situation.

2. Linker, queerer Kulturort: Ist der City Club auch wegen seiner politischen und kulturellen Haltung so behandelt worden?
Ja. Der City Club ist vor allem ein Ort für die linke und queere Szene und steht damit im Widerspruch zur konservativen Stadtpolitik, was aus unserer Sicht eine Rolle gespielt hat. Während rechtsextreme Straftaten deutlich häufiger und gewaltvoller sind, richtet sich der politische Druck zunehmend gegen linke Menschen und alternative Kulturorte. Im Kontext mit anderen Razzien dieser Art, wie etwa der Roten Sonne in München, verstehen wir das Vorgehen nicht als Einzelfall, sondern als Teil einer politischen Kampagne. Ein Polizist sagte bei der Razzia: „Den Club gibt es bald nicht mehr.“

3. Stundenlang festgehaltene Gäste: Wo endet legitime Polizeiarbeit, wo beginnt Einschüchterung?
Legitime Polizeiarbeit endet dort, wo Verhältnismäßigkeit aufgegeben wird. Das stundenlange Festhalten von Gäst*innen, unnötige Gewalt und ein massiv überzogenes Polizeiaufgebot wirkten nicht deeskalierend, sondern wie eine gezielte Machtdemonstration. In diesem Moment geht es nicht mehr um Sicherheit, sondern um Einschüchterung.

4. Kurz vor der Kommunalwahl: Zufall oder bewusstes Signal?
Auch wenn Polizei und Staatsanwaltschaft formal unabhängig sein sollten, halten wir es nicht für Zufall, sondern für wahrscheinlich, dass hier politische Interessen insbesondere aus dem CSU-nahen Umfeld eine Rolle gespielt haben. Wir würden gerne wissen, was Eva Weber hierzu zu sagen hat!

5. Nach dem Einsatz: Was müsste jetzt konkret passieren, damit Vertrauen in Polizei und Stadtpolitik nicht dauerhaft beschädigt wird?
Das Vertrauen in Polizei und Stadtregierung ist ohnehin schon massiv beschädigt. Wir fordern eine lückenlose, unabhängige Aufklärung des Falls, sind uns aber nicht sicher, inwieweit von Seiten der Staatsanwaltschaft und Polizei mit Transparenz und Verantwortungsübernahme zu rechnen ist.

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