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Politik

Auf der Couch mit „Claudia“

2012 war kein sehr gutes Jahr für Claudia Roth. Bei der von ihr mitinitiierten Urabstimmung über die Spitzenkandidaten der Grünen für die Bundestagswahl landete sie abgeschlagen auf dem letzten Platz.

Nach der herben Niederlage tauchte Roth erst einmal ab. Man munkelte bereits, sie werde nicht mehr als Parteivorsitzende antreten. Doch Roth warf nicht hin und die Partei dankte es ihr: Sie wurde mit großer Mehrheit als Vorsitzende wiedergewählt und als Nr. 1 der bayerischen Liste für die Bundestagswahl aufgestellt. Ein kurzer Besuch bei einer, die es noch mal geschafft hat.

Augsburg im Dezember. Parteitage haben eine ganz eigene Atmosphäre, wie eine Mischung aus Klassentreffen, Notenkonferenz und Beliebtheitswettbewerb. Es geht um die Listenplätze zur Bundestagswahl, das heißt: Es geht um Karrieren, um solche, die beginnen und solche, die enden. Es gibt die jungen Wilden, die bei den Grünen allerdings nur ein bisschen wild wirken, wie Söhne und Töchter von Eltern, die selbst einmal wild waren. Und es gibt die alten Hasen, die wissen, dass es auch für sie keine wirklich sicheren Plätze gibt.
Für Claudia Roth ist es ein guter Tag, sie wird mit über achtzig Prozent auf Platz eins der Landesliste gewählt, ein sicheres Ticket in den nächsten Bundestag. Hier steht man hinter ihr, hier nennt man sie einfach nur die Claudia. Man sieht Roth ganz vorne sitzen, sehr blonde Haare, farbige Kleidung, charakteristische Eisenherzfrisur. Nach links mit einem Parteifreund redend, nach rechts grüßend, dann steht sie auf, geht in die Menschentrauben hinein und hindurch, gratuliert Gewinnern, drückt, lächelt, umarmt. So kennt man sie: Die herzliche Claudia, die auch mal weint, auch wenn sie ungern auf ihren Ruf als gefühlige Weinkönigin angesprochen wird.

Die Reden der Bewerber für die Listenplätze gehen weiter, gerade hat sich ein altgedienter Bundestagsabgeordneter mutmaßlich um sein Mandat geredet. Aus fünf Minuten Redezeit hat er elf Minuten gemacht, so etwas hassen die Delegierten und es schlägt schonungslos auf seine Wahlergebnisse durch. Wen man nicht gern hat, wählt man nicht, bei aller Sachpolitik, deswegen ist es auch gut, wenn die Leute die Claudia sagen und nicht die Roth. Am Ende landet der alte Hase auf Platz sechzehn der Liste, sichere Plätze sehen anders aus. Roth redet weiter, der Abgestrafte sitzt jetzt sehr alleine im Plenum, so fühlt sich Niederlage an, Roth kennt das.

Jetzt ist sie bereit für ein Interview. Sie lächelt das zurückhaltende Lächeln der Politiker, das auf der Hut ist und sehr schnell ungnädig werden kann. Der Pressesprecher tritt zu uns, kurzer Dialog zwischen Roth und ihm, am Ende wird die Interviewzeit auf fünfzehn Minuten halbiert. Roth setzt sich auf die orangefarbene Couch. Sie hat braune Augen, kleine Pupillen, ihr Blick ist auf den Teppichboden gerichtet, grüner Schal, grüne Halskette in der Hand eine grüne Quietschente (Name: Claudi).

Wieso reden eigentlich alle von einer schwarz-grünen Koalition nach der Bundestagswahl?
Alle? Also wir reden davon bestimmt nicht, wir wollen den Politikwechsel und da muss man sich nur anschauen, wofür die CDU steht, das passt inhaltlich überhaupt nicht, dann kommt noch der bayerische Bruder hinzu, der gar nicht mehr Löwe, sondern schnurrendes Kätzchen sein will. Da frag ich mich, wie realitätstüchtig die sind, die uns eine Schwarz-Grün-Debatte aufhängen wollen. Nein, wir wollen mit Rot-Grün das Land verändern!
Wie realitätstüchtig ist denn Rot-Grün als Ziel?
Wenn wir die Landtagswahl in Niedersachsen gewinnen, haben wir gute Chancen. Dann werden schon über fünfzig Millionen Menschen in Deutschland grün-rot oder rot-grün regiert. Wir haben alle Chancen, aber das wird eine heftige Arbeit.

Wie wäre es mit SPD, Grüne und FDP?
Wir sind doch keine Reha für eine dahinsiechende FDP.

Na ja, das geht doch schnell: heute siechend, morgen Sieger.
Die FDP siecht schon seit vielen Monaten und verliert eine Wahl nach der anderen und steht mit ganz wenigen Ausnahmen für das Gegenteil von grün.

Sie sagten mal: Bürgerlich und Rebellion, das ist kein Widerspruch.
Ich war immer schon bürgerlich, nicht kleinbürgerlich und nicht spießig.

Was ist denn spießig?
Wenn man ausgrenzt, wie ich es auch als Kind in Bayern erlebt habe. Heimat hat immer bedeutet, dass man so sein musste wie die Mehrheit, sonst hat man nicht dazugehört. Dieses Enge, nach innen gerichtete, ausgrenzende, in einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft nicht anzukommen, nicht zu wollen, dass gleichgeschlechtliche Liebe gleiche Rechte bekommt, dieses Frauenbild, Kinder, Küche, Kirche, das ist für mich eng und spießig. Bürgerlich ist für mich Anstand, Umgangsformen, Weltoffenheit und, mit Verlaub, anständig finde ich die, die immer von sich behaupten, sie seien bürgerlich, zur Zeit überhaupt nicht.

Aber Sie haben doch auch grade behauptet, Sie seien bürgerlich.
Ich komme aus einer bürgerlichen, weltoffenen Familie. Aber wenn der Generalsekretär der CSU sagt, seine Partei sei bürgerlich und er mit neochauvinistischen Sprüchen Hetze gegen die Griechen macht, wo ist denn da der Anstand?

Etwa Macho-Chauvi Sprüche?
Nein, nein, nein, ich meine geschichtsvergessene Griechenlandhetze. Natürlich muss und kann man kritisieren, wenn Länder Reformen nicht durchgesetzt haben, oder reiche Griechen keine Steuern zahlen. Aber dieser Chauvinismus hat total vergessen, dass die Nazis in Griechenland fürchterliche Verbrechen begangen haben. Da muss man sich nicht wundern, wenn es zu Verletzung führt, wenn man sagt: Der Grieche ist faul, der Grieche will nicht arbeiten. Das geht nicht.

Dann dürften die Deutschen aber in Europa kaum ein Land kritisieren.
Das ist doch Blödsinn, es geht ja nicht um die Kritik als solche, sondern um die Art und Weise der Kritik. Auch wo es Nazi-Vergangenheit gibt, ist Kritik berechtigt. Aber man darf nicht vergessen, was für Bilder in den Köpfen der Menschen entstehen.

Angela Merkel mit Hakenkreuzbinde und Peitsche.
Das ist nicht akzeptabel, aber was hat denn die Bild-Zeitung monatelang für eine Hetze gegen die Griechen getrieben?

Wie sieht’s eigentlich mit deutschen Panzern für die Saudis aus?
Auf keinen Fall!

Wieso nicht ? Wir kaufen doch auch ihr Öl.

Es gibt so was wie Rüstungsexportrichtlinien, die müssten eigentlich für jede Regierung bindend sein. Das heißt, dass man in kein Land, in dem die Menschenrechte verletzt werden, deutsche Rüstungsgüter liefern darf, das Gleiche gilt für Länder in Krisenregionen und das alles trifft definitiv auf Saudi-Arabien zu. Ich glaube nicht, dass sie irgendwo auf der Welt jemanden finden, der sagt: In Saudi-Arabien werden die Menschenrechte geachtet, auch Frauenrechte gibt es nicht.

Warum verhängen wir dann nicht gleich Sanktionen gegen Saudi-Arabien?
Das frage ich mich auch, es wird ja behauptet, Saudi-Arabien sei ein Stabilitätsfaktor, das ist reiner Zynismus. Saudi-Arabien ist kein Stabilitätsfaktor, sondern Exportland Nummer eins, was fanatischen Islamismus angeht.

Dummerweise auch, was Öl angeht.
Deswegen müssen wir weg von der Ölabhängigkeit, wir müssen ohnehin von den fossilen Ressourcen weg, aber auch, um unabhängig von Regimes zu werden, die nicht demokratisch sind. Das war ja auch das Problem, als man Libyens Diktator Gaddafi unterstützt hat um das Öl zu bekommen, zum Dank hat man dann Waffen geschickt und zum Dank hat Gaddafi die Flüchtlinge aufgehalten, die nach Europa wollten.

Der erste deutsche Kanzler, der Gaddafi besucht hat, stand an der Spitze einer rot-grünen Regierung, es war Gerhard Schröder.
Das macht es ja nicht besser, entschuldigen Sie mal, das habe ich auch immer kritisiert. Wenn uns der Arabische Frühling etwas lehrt, dann, dass es ohne Demokratie keine Stabilität gibt.

Was machen wir eigentlich in der Zeit, bis wir unabhängig vom Öl sind? Geschäfte nur mit Demokraten?
Wenn wir eine werteorientierte Außenpolitik machen wollen, dann sollte sich das auch in der Außen- und Wirtschaftspolitik niederschlagen. Dann können auch Wirtschaftsunternehmen in die Pflicht genommen werden, dass sie in Ländern, in denen sie produzieren, auf die Menschenrechtslage positiv Einfluss nehmen.

Also Öl und Gas nur von Demokraten.
(schaut unwillig vom Teppich hoch) Wir müssen weg vom Öl. Aber Sie sagen ja, wenn wir Öl kaufen, können wir denen auch Panzer schicken!

Das sage ich nicht.
Doch!

Ich sage, es ist moralisch inkonsequent.
Ist es nicht.

Wir geben euch keine Panzer, aber wir nehmen euer Öl. Das ist moralisch inkonsequent.
Das ist nicht inkonsequent, es ist ein Unterschied, ob ich Öl beziehe oder Waffen liefere. Ich will weg von der Abhängigkeit von solchen Ländern, die Öl fördern, um nicht in Situationen zu kommen, in denen ich nicht glaubwürdig Menschenrechte einklagen kann.

Sonst machen wir uns zu Kumpanen von Menschenrechtsverletzern. Das haben Sie Angela Merkel vorgeworfen.
(wird lauter) Rot-Grün hat keine Waffen geliefert an Länder wie Saudi-Arabien, wer an die Waffen liefert, kann die ganze Welt mit Waffen beliefern! Verstehen Sie? Wenn Deutschland jetzt nach Saudi-Arabien Panzer liefert, dann gibt es kein Land mehr, an das man nicht liefern kann. Angela Merkel hat sich schon zur Kumpanin gemacht, wenn sie ernsthaft behauptet Rüstungsexporte sind Friedenspolitik.

Nordkorea vielleicht noch.
Das stimmt, ja, aber ob Nordkorea so viel schlimmer als Saudi-Arabien ist?

Lieber katholische Provinz oder multikulti Kreuzberg?
Das ist doch kein Widerspruch.

Eigentlich schon.
Die katholische Provinz ist inzwischen auch multikulti. Es gibt keine katholische Provinz, die nicht multikulti wäre. In Augsburg haben vierzig Prozent aller Menschen einen Migrationshintergrund und sechzig Prozent aller Kinder.

Wieso macht Politik einsam?
Es gibt Momente von Einsamkeit, wenn man von der großen Öffentlichkeit in ein Hotelzimmer kommst, dann spürt man die Einsamkeit massiv, aber Politik an sich macht nicht einsam.

Erträgt man veröffentlichte Einsamkeit leichter, wenn die Menschen wahrnehmen, dass man einsam ist?
Es interessiert Leute, oder interessiert Leute nicht, wenn ich gefragt werde, wie jetzt von Ihnen, gebe ich eine Antwort.

Was machen Sie, wenn Ihnen langweilig ist?
(überlegt) Das ist selten...

Keine langweiligen Momente?
Das ist eine gute Frage. Dann spiele ich ein Spiel, bei dem ich nie zum Ende komme, oder zappe in der Gegend rum, aber das ist eigentlich keine Langeweile, sondern eher eine Form von Runterkommen.

Sie sind ein Workaholic.
Das weiß ich nicht, aber wenn jemand sagt: Arbeit macht nicht glücklich. Das stimmt bei mir definitiv nicht.

Angst davor, vergessen zu werden?
Nein.

Weil man sie nicht vergessen wird?
Ich sorge schon dafür, dass ich Freunde und einen Anker habe, dass ich nicht abhebe, das hatte ich von Anfang an. Ich habe schon ein sehr ruhiges und bestimmendes und vernünftiges Umfeld.

Wie passt Weinen und knallharte Politik zusammen?
Sehr gut.

Weil man viel weinen muss?
Nein, manche weinen schneller, manche gar nicht. Ich denke, Emotion und Mitgefühl gehören zu einer glaubwürdigen Politik und bei manchen drückt sich das durch Freudentränen, Tränen der Enttäuschung oder der Verzweiflung aus. Dieses Klischee von meinen Tränen, das ist so abgenudelt wie nix, aber für mich ist es eher bedenklich, wenn die Menschen angesichts dessen, was in der Welt los ist, glauben, sie sind die guten Politiker, wenn sie keine Gefühle zeigen.

Ex-Bundespräsident Wulff haben Sie allerdings Weinerlichkeit vorgeworfen.
Das ist aber was anderes! Weinerlichkeit ist Selbstmitleid, weil man nicht gut genug behandelt wird. Ob ich weine, wenn zwei Menschen zum Tod verurteilt werden, ohne dass sie jemals ein faires Verfahren hatten, da fing das Klischee von der weinenden Roth an, oder ob jemand sich beklagt, weil man ihn kritisiert.

Haben Sie nach Ihrer verlorenen Urwahl geweint?
Klar, ganz privat, wäre ja komisch, wenn nicht.

Ach, man könnte ja auch nur tapfer sagen: Leute, das ist Demokratie.
Ich habe geweint und habe gesagt: Das ist Demokratie. Das ist kein Widerspruch.

Fotos: Neue Szene - Markus Ertle

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