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Die Welt ist nirgends eitel Sonnenschein
Neue Szene: Den Grünen geht’s schlecht.
Von Mutius: Wieso geht’s uns schlecht?
Das frag ich dich.
Finde ich nicht, in Augsburg haben wir unser Ergebnis, was die absolute Stimmenanzahl angeht, verbessert. Was die Bundestagswahl betrifft, haben wir bestimmte Sachen nicht richtig vermittelt, wir haben da zum Teil zu technisch formuliert.
Ist es nicht einfach so, dass viele Leute nur solange die Grünen wählen, bis es ihrem Geldbeutel schadet?
Das glaube ich nicht, die Gesellschaft hat schon verstanden, dass ein Wandel vollzogen werden muss, der unsere Ressourcen schont. Dem Spruch "Wir haben die Erde nur von unseren Kindern geborgt“ stimmen viele Menschen zu.
Deswegen wählen sie aber nicht unbedingt die Grünen.
An absoluten Stimmen haben wir fast überall in Deutschland einen Zugewinn. Es ist nur prozentual weniger, weil die Wahlbeteiligung gestiegen ist.
Dann wünscht ihr euch mehr Nichtwähler, dann hättet ihr am Ende wieder mehr Prozente.
Nein, ich bin ja Demokratin. Es ist die oberste Pflicht eines Politikers, den Leuten zu sagen: Geht zur Wahl und wählt eine demokratische Partei.
Lokalpolitik: Wie ist die Lage am Theater Augsburg?
Die Sanierung des Großen Hauses und der Werkstätten hat Priorität. Die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten in den Werkstätten sind miserabel.
Ist die Intendantin Juliane Votteler eine unausstehliche Chefin?
Das kann ich nicht beurteilen, ich habe sie nicht als Chefin.
Aber im Kulturausschuss hört man manches.
Wir müssen uns immer wieder bewusst machen, dass das Stadttheater ein behäbiger Tanker ist. Ich würde bei den Themen interkulturelle Öffnung und kulturelle Bildung noch einen stärkeren Schwerpunkt setzen, aber dann müssten wir das auch mehrheitlich im Stadtrat so festlegen und die Konsequenzen tragen, wie zwei Produktionen weniger im Jahr. Darüber haben sich viele Stadträte noch keine Gedanken gemacht. Frau Votteler hat künstlerisch viel bewegt, die Themen kulturelle Bildung und interkulturelle Öffnung angepackt und eine politische Auseinandersetzung am Theater angestoßen.
Dafür verdient sie auch mehr als der Oberbürgermeister. Ist das Verhältnis zwischen Betriebsrat und Intendantin wirklich schwer gestört ?
In großen Betrieben ist es normal, dass es Konflikte gibt. Die Welt ist nirgends eitel Sonnenschein.
Frau Votteler laufen alle Abteilungsleiter davon...
Das Stadttheater hat traditionell eine berufliche Sprungbrettfunktion.
Auch wenn man ins Leere springt, weil man gar kein neues Jobangebot hat?
Bestimmte Leute haben sich ja schon geäußert und inhaltliche Differenzen als Grund genannt.
Hat sich der Kulturreferent darüber schon Gedanken gemacht?
Das ist bei ihm immer schwer ersichtlich.
Im Kulturausschuss muss es doch einen Austausch zwischen den Stadträten und dem Referenten geben.
Von ihm kommen keine konkreten Vorschläge. Eine Zusammenarbeit mit Peter Grab gibt es im Endeffekt nicht, das ist nicht normal.
Woran liegt’s?
Grab hat nicht verstanden, dass nicht einer allein die Kulturpolitik macht, sondern der Referent zusammen mit dem Stadtrat und der Szene. Ihm fehlt eine kulturpolitische Richtung und es fehlen Richtlinien, nach welchen Kriterien Kulturförderung in Augsburg stattfinden soll.
Nach welchen denn?
Wir wollen, dass Kriterien wie kulturelle Bildung, soziale Teilhabe, Bedeutung für die Stadtteile, interkulturelle Öffnung beachtet werden. Wir brauchen mehr niedrigschwellige Angebote.
Wie öffnet man sich interkulturell?
Wichtig ist die Einbeziehung der Migranten, dazu muss man ihre Orte aufsuchen und ein Theaterstück in Oberhausen aufführen.
Wer soll noch stärker gefördert werden: Die sogenannte freie Szene oder Institutionen wie das Theater?
Das muss man auch mit den Akteuren der verschiedenen Szenen besprechen und Kriterien festlegen. Ich will nicht alleine entscheiden, wer mehr und wer weniger bekommen soll. Dabei müssen die genannten Kriterien herangezogen und regelmäßig überprüft werden.
Du willst es dir mit niemandem verscherzen.
Nein, wichtig ist die regelmäßige Überprüfung des öffentlichen Auftrags.
Bei welchen Institutionen?
Wir wollen wissen, welche Funktion die Kresslesmühle nach ihrem eigentlichen Auftrag noch wahrnimmt, welche Funktionen man eventuell im interkulturellen Bereich bündeln kann. Das kommerzielle Kabarett ist so im Auftrag eigentlich nicht vorgesehen.
Wie viel Euro sind überhaupt im städtischen Fördertopf für die freie Szene?
18.000 Euro, da fehlt es Peter Grab auch an einer klaren Linie. Bluespots Productions zum Beispiel machen viele gute Sachen, wenn er sie aber noch mehr fördern will....
Ist der Topf eh leer.
Es ist wichtig, dass Politiker keine Abhängigkeiten schaffen.
Aber das ist doch die Regel. Die Künstler sitzen devot zu Füßen der Fördertöpfe und hoffen, dass die Entscheider ihnen was abgeben.
Früher war der Projekttopf größer und ein Fachmann, Herr Weitzel vom Kulturamt, hat das beurteilt.
Jetzt nicht mehr? Wurde Weitzel von Peter Grab kaltgestellt?
Das würde ich jetzt so nicht sagen.
Sag einfach ja oder nein.
Sein finanzieller Handlungsspielraum ist jedenfalls wesentlich kleiner geworden.
Willst du Kulturreferentin werden?
Es ist eine reizvolle Aufgabe, aber ich möchte erst meinen Beruf ausüben, vorher will ich nicht hauptamtlich in die Politik.
Drei Dinge, die du als OB machen würdest.
Für mich wären dies die Sanierung der Augsburger Schulen, die nicht nur energetisch in einem miserablen Zustand sind. Dann würde ich auf jeden Fall endlich unsere Ideen zur Jugendbeteiligung umsetzen und den Umbau des Theatersd anfangen und darauf achten, die zukünftige Ausrichtung des Theaters im Auge zu haben.
Wieso ist Raphael Brandmiller eigentlich bei der Bewerbung für die OB-Kandidatur so grandios gescheitert?
Verschiedene Gründe, jeder kann sich bei uns in den Ring werfen.
Aber nicht mit selbstmörderischen Absichten.
Musst du ihn fragen.
Wäre er ein guter OB-Kandidat gewesen?
Wir haben eine Urwahl gemacht und die Entscheidung ist gefallen.
Wäre er ein guter OB-Kandidat gewesen?
Alle drei Kandidaten wären gut gewesen, die Debatte ist abgeschlossen und das ist gut.
Zufrieden damit?
Es ist allgemein bekannt, dass ich Brandmiller unterstützt habe, aber es geht bei uns nicht so stark um Personen.
Es geht immer um Personen.
Mir geht’s um Inhalte, das Thema ist erledigt. Wir haben für die Wahl ein gutes Team mit jungen Leuten, Migrantinnen und Migranten, Frauen und Männern
Auch Behinderte?
Momentan nicht, glaube ich.
Bist du für die Frauenquote?
Ja, ich bin überzeugt, dass diese Quote den Grünen gut tut. Sie ermöglicht Frauen politische Teilhabe in unserer Partei und als Mandatsträgerinnen in den Parlamenten.
Gibt es eine Migrantenquote?
Bei der Stadtratsliste hatten wir eine solche Quote, unter den ersten zehn Kandidaten mussten zwei Migranten sein.
Ideal wäre eine Kombination, eine lesbische, behinderte Migrantin aus prekären Verhältnissen.
Es gibt eine unterschiedliche Herangehensweise an Politik, Frauen sind da anders als Männer, deswegen ist die Frauenquote sinnvoll.
Aber Politik ist doch Politik, Behindertenpolitik muss ja auch nicht von Politikern im Rollstuhl gemacht werden.
Eine Frau macht ja auch nicht nur Frauenpolitik.
Eben, weil sie nicht in erster Linie Frau ist, sondern Politikerin.
Frauen sind in den Parlamenten unterrepräsentiert, das muss sich ändern.
Weil sie Frauen sind?
Weil sie oft keine Chance haben und Frauen bestimmte Auseinandersetzungen auf dem Weg dorthin nicht so dringend brauchen, ihnen ist Familie an manchen Stellen wichtiger.
Vielleicht sind Männer einfach machtgeiler.
Ich würde es den Männern nicht von Natur aus unterstellen. Unsere Gesellschaft formuliert leider immer noch, dass die Achtung eines Mannes auch mit seinen Erfolgen in politischer oder wirtschaftlichen Hinsicht zusammenhängen.
Aber man kann doch nicht für jede Minderheit eine Quote einführen: Arme, Behinderte, Homosexuelle, Transsexuelle, Migranten, Frauen, Schöne, Hässliche, Intellektuelle.
Man darf natürlich auch nicht überquotisieren, aber zur Veränderung von gesellschaftlichen Realitäten sind sie sinnvoll.
Konsequent wäre: Quote für alle Minderheiten oder für keine.
Schau dir mal den Augsburger Stadtrat an, da sind nur 22 Frauen und keine weibliche Bürgermeisterin. Ist das nur Zufall?
Vielleicht sind anteilsmäßig auch Linkshänder und Brillenträger unterrepräsentiert.
(lacht) Auf die Debatte will ich mich nicht einlassen.
In welcher Stadtratsfraktion gibt’s die meisten Machos?
Es gibt sie in allen anderen Fraktionen, da wurde schon versucht, mich auf das kleine Mädchen zu reduzieren, aber ich habe gezeigt, dass ich das nicht bin.
Was für Sprüche gab es?
„Du trägst aber einen kurzen Rock, Mädle.“ Das kam aus der SPD. Aber Schlimmeres kam aus der CSU, bei der Debatte über Prostitution habe ich die Arbeitssituation der Frauen beschrieben, dann kam der Zwischenruf: „Ja, wo treibsch du dich denn rum!?“
Wer hat das gesagt?
Herr Göttling.
Der gute Altherrenhumor, nicht totzukriegen.
Ich glaube, dass manche alte Herren erstaunt waren, dass ich meinen Mund aufmache statt brav in der Ecke zu sitzen.
Macho oder Gentleman, da sind die Unterschiede manchmal fließend.
Die sind überhaupt nicht fließend.
Vielleicht meinen manche Machos, sie wären keine, sondern Gentlemen und irren ein Leben lang.
Ein Gentleman ist einer, weil es sein Naturell ist, ein Macho gibt sich gentlemanlike, weil er damit beeindrucken will.
Bist du Vegetarierin?
Nein, aber den Veggie Day finde ich gut. Es ist sinnvoll, wenn wir Deutschen darüber nachdenken, was unser erhöhter Fleischkonsum in der Welt verursacht.
Wir paar Deutschen fallen bei sieben Milliarden Erdbewohnern doch nicht ins Gewicht.
Man muss anfangen. Man darf nicht sagen, dass man nicht ins Gewicht fällt, sonst muss man ja mit gar nichts anfangen. Es geht darum, dass wir alle ein Teil des großen Ganzen sind und eine Nation, die viel konsumiert.
Ich will von einem Grünen mal den Satz hören: Ich konsumiere gern!
Ich versuche schon, meinen Konsum einzuschränken.
Einfach shoppen, die Kohle raushauen, Lustkauf, Frustkauf!
Jein, ich kaufe mir hauptsächlich das, was ich brauche, aber einen Frustkauf gibt es bei mir auch, zum Beispiel unnötige Klamotten.
Satzvervollständigung: Die alten Machosäcke im Stadtrat, die denken, ich bin ein harmloses Mädchen....
...haben inzwischen gemerkt, dass ich für Inhalte streiten kann.
Bernd Kränzle ist so ein toller Gentleman, weil...
(überlegt) Er ist keiner.
(me)
Verena von Mutius, seit 2008 für die Grünen im Augsburger Stadtrat. Sie ist mit 25 die jüngste Stadträtin und gilt bei nicht wenigen als kommende Kulturreferentin.






