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Generation Abwärts?

Die Arbeitslosigkeit sinkt, Deutschland gilt als wirtschaftliches Vorzeigeland. Eigentlich müssten wir rundum zufrieden sein. Aber warum ist uns die Gewissheit verloren gegangen, dass wir es mal besser haben werden als unsere Eltern?

Ich bin ein Kind der 80er und frühen 90er Jahre. Ich gehöre damit zu einer Generation, die noch ganz selbstverständlich in relativem Wohlstand aufwuchs. Wir kannten nur Helmut Kohl als Kanzler, bis Anfang der Neunziger war für uns die Angst vor einem Atomkrieg größer als die Angst vor Arbeitslosigkeit. Natürlich gab es auch in den 80ern und 90ern Armut, aber sie war eingrenzbar. Es gab die Obdachlosen, es gab die Ausländer, es gab die Kohlekumpel aus dem Ruhrgebiet, deren Streiks man im Fernsehen sah. Armut war ein wenig wie Umweltverschmutzung, ein Problem, das man bewältigen konnte. Die Angst war noch nicht größer als die Zuversicht. Wir sahen Filme wie "Wall Street" und hielten Figuren wie den skrupellosen Broker Gordon Gecko für ähnlich realistisch wie James Bond – noch.
Der Besuch der Hauptschule war noch kein anderes Wort für Prekariat. Wer damals auf die Hauptschule ging, arbeitete später meistens als Handwerker, in der Fabrik, vielleicht als Verkäuferin, wenn man sehr gut war im Büro. Man konnte auch als Hauptschüler zum bescheidenen Bürgertum gehören.

Dann, nachdem die Mauer fiel, geschah etwas. Meine Generation lernte Begriffe wie Globalisierung, Jugendarbeitslosigkeit und Vollkaskosmentalität näher kennen. Man erklärte uns, dass es uns in der Vergangenheit zu gut gegangen sei, dass Deutschland kein kollektiver Freizeitpark wäre, dass andere fleißigere Völker mit viel weniger Urlaub und viel mehr Arbeitszeit viel wettbewerbsfähiger wäre als wir. In den Ehrgeiz unserer Eltern schlich sich etwas ein: die Angst davor, dass es uns später nicht besser gehen würde als ihnen. Wenn die Achtzigerjahre ein wirtschaftlicher Sommer waren, dann spürte man in den Neunzigern den Herbst.
Plötzlich hieß es auch, dass es schwer wäre, geeignete Bewerber zu finden, Lesen, Rechnen, Schreiben - aus dem Land der Dichter und Denker schien über Nacht ein Land der Faulen und Analphabeten geworden zu sein.
Nun löste die Arbeitslosigkeit den Atomkrieg ab. Der real existierende Sozialismus war besiegt, es trat auf die Bühne: der real existierende Kapitalismus. Ich erinnere mich an einen arbeitslosen Freund, der sagte: Am besten wir machen alles, was die Arbeitgeber wollen, wenn danach immer noch so viele arbeitslos sind, machen wir Revolution. Die Revolution blieb aus. Aber noch gab es den Gedanken, dass soziale Gerechtigkeit und sinkende Arbeitslosigkeit einander nicht ausschließen müssen.

Die Geburt der “Generation Praktikum”

Helmut Kohl wurde abgewählt. Die Neunziger gingen zu Ende.Die Arbeitslosigkeit nahm zu, die Ansprüche der Arbeitssuchenden nahmen ab. Der Begriff der "Generation Praktikum" wurde geboren. Worauf bereiteten uns die Praktika, die alarmierenden Pegelstände der Arbeitslosigkeit, die Klagen über unser überzogenes Anspruchsdenken vor? Vielleicht machte uns die Angst kleiner, bescheidener. Der Satz, dass wir es besser haben sollten als unsere Eltern, war jetzt schon kein Versprechen mehr, eher eine Herausforderung. Dann, als die Arbeitslosigkeit nicht sinken wollte und der Sozialstaat als Hemmschuh der wirtschaftlichen Dynamik benannt wurde, kam die Agenda 2010, dann kam Hartz IV.

Armut war jetzt kein Schicksal bedauernswerter Minderheiten mehr, sondern eine staatlich verordnete Maßnahme. Mit ihr sollten die Kinder des bundesrepublikanischen Wohlfahrtsstaates willig gemacht werden. Unsere Väter hatten für die 35-Stunden-Woche gekämpft, uns erzählte man, dass die New Economy keine Gewerkschaften mehr brauchte, wir hielten Shareholder-Value für eine Zauberformel für Reichtum an der Börse. Money for nothing and the chicks for free. Es war ein Rausch und es folgte irgendwann ein Kater. Das Ungerechte war: Die, die den Rausch hatten, waren nicht die, die danach den Kater ertragen mussten.
Es wurde liberalisiert. Leiharbeit war keine Ausnahme mehr, befristete, unsichere Arbeitsverhältnisse nahmen zu - aber die Arbeitslosigkeit sank. Die Arbeitslosenstatistik, das Maß aller Dinge. Wenn sie sinkt, dann, weil wir flexibel und bescheiden sind. Wenn sie steigt, dann, weil wir nicht flexibel genug waren, nicht motiviert genug. Irgendwann lernten wir das Wort Geringverdiener kennen - aber die Arbeitslosigkeit sank, auch weil für viele die Angst vor Armut durch Hartz IV größer war als der Widerstand dagegen, jede Arbeit anzunehmen.
Dann kam die Wirtschaftskrise. Um uns herum herrschte der Untergang. Doch Deutschland ging es gut, das sagen bis heute alle Statistiken. Wir sind Exportmeister, wir haben eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten in Europa, wir sind die wirtschaftliche Lokomotive. Aber wieso haben wir nicht das Gefühl, dass es uns besser gehen wird als unseren Eltern? Vielleicht wegen den Rentnern, die wir im Müll nach Pfandflaschen suchen sehen? Vielleicht wegen den Menschen, die von ehrenamtlichen Tafeln mit Essen versorgt werden? Vielleicht wegen den sogenannten Aufstockern, die Vollzeit arbeiten und trotzdem Hartz-IV-Leistungen beziehen müssen? Oder weil die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht, auch wenn die Regierung die amtlichen Berichte darüber zensiert? Weil Aufschwung und Wachstum der Wirtschaft nicht mehr zwingend Wohlstand für die Mehrheit versprechen?

Wir sehen Statistiken, lesen Meldungen, die uns versichern, dass es uns besser geht, aber wir wissen: Unsere Generation kann, anders als die unserer Eltern, arm trotz Arbeit sein.

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