Kulturpolitik: frei, urban - eingespart

Vorsicht: Kommentar!

Ist Politik an sich schon ein hartes Geschäft, ist Sparpolitik die Steigerung davon. Wer die darwinistische Theorie in der Praxis erleben will, der muss im Grunde nur die Vorgänge einer beliebigen Kommune beobachten, die aufgrund eines Haushaltsloches Einsparungen vornehmen muss. Wie es der Zufall will, ist Augsburg eine solche Kommune. Dass jedes Referat schmerzhaft sparen muss, war seit Längerem klar, unklar war, wie viel und wo genau die Einsparungen vorgenommen werden würden.

Kulturbürgermeister Grab zeigte in den letzten Monaten, dass er die Mechanismen des politischen Kampfes hinreichend beherrscht. Zunächst verschwieg er den Umfang der nötigen Einsparungen im Kulturbereich - es war allgemein von 1,3 Millionen die Rede, eine Summe, die von Grab nicht kommentiert wurde -, stattdessen bestätigte er im Februar lediglich, dass die Summe zwischen 40.000 und 1,3 Millionen Euro liegen würde. Diese Woche wurde er dann konkreter und man kann ihm zumindest nicht vorwerfen, dass er gelogen hätte. Zwischen 2013 und 2016 sollen die Einsparungen 546.000 Euro betragen. Peter Grab wäre allerdings nicht Peter Grab, wenn er nicht noch ein paar Überraschungen parat hätte.

Es gab da ein Lieblingskind des Kulturbürgermeisters namens Biennale, das außerhalb des Kulturreferats eine ziemlich überschaubare Fangemeinde fand, was Grab nicht hinderte, daran festzuhalten, wissend, dass spätere Sparzwänge durchaus noch zum Erfolg des Konzepts führen könnten. Im Grunde ist Biennale ja nur ein schöner Name für ein hässliches Kind, denn letztlich bedeutet das Konzept, dass Festivals nicht mehr jedes Jahr stattfinden, sondern nur noch alle zwei Jahre. Die Vorzüge liegen auf der Hand - die Stadt spart dadurch schlichtweg Geld. All das könnte man noch mit der Gleichung Sparzwang = Sachzwang rechtfertigen, die Details der Sparpolitik zeigen aber, dass es Zwänge gibt, die nicht nur der Sache geschuldet sein dürften.

Dass vor allem die freie Szene und ihre Festivals von Grabs Sparplänen betroffen sind, ist natürlich kein Zufall und zeigt, wie das Spiel der Kräfte im lokalen Kulturbereich funktioniert. Grab, der in der freien, urbanen Kulturszene ohnehin wenig Freunde hat, schlug ausschließlich in diesem Bereich mit der Biennale-Keule zu. Das umstrittene Brecht-Festival - findet weiterhin jährlich statt, Mozartfest, Friedensfest - dito, das hochsubventionierte Theater Augsburg - bleibt unangetastet. All diese Dachmarken haben eines gemeinsam: Sie sind städtisch und ihre Befürworter sind vergleichsweise mächtig.

Machtpolitisch hat Grab also folgerichtig gehandelt, in der freien Kunstszene zu sparen tut den Mächtigeren unter den lokalen Kulturplayern nicht weh und diszipliniert die Angehörigen der sogenannten freien Szene möglicherweise zusätzlich. Denn die Freiheit dieser Szene ist in Wahrheit keine Freiheit. Sie ist eher frei schwebend, ohne Auffangnetz und abhängig von Zuschüssen, deren Höhe einen Bruchteil der unangetasteten Zuschüsse ausmachen, die andere etablierte Kulturinstitutionen der Stadt erhalten. Politisch hat Grab gewonnen, kulturell hat Augsburg verloren.

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