Magazin
Man kann auch mal rebellieren
Politische Gruppierungen haben es schwer an der Uni, 1968 ging es um den Muff von tausend Jahren, danach um den Klassenkampf, in den 80ern gegen Atomkraft und NATO-Doppelbeschluss und heute? Ja, um was geht es eigentlich heute? Ein Gespräch mit Maximilian Deisenhofer von der Grünen Hochschulgruppe Augsburg.
Fangen wir mal mit einer nackten Zahl an. Wie viele Mitglieder habt Ihr an der Uni?
Deisenhofer: Wir haben so acht bis zehn aktive Mitglieder, das wechselt immer ein wenig von Semester zu Semester.
Nun hat die Uni ja fast zwanzigtausend Studenten, sind acht bis zehn Aktive da nicht deprimierend wenig?
Ich glaube, das Problem haben alle politischen Gruppierungen an der Uni, es wollen sich wenige Leute politisch engagieren, das setzt sich außerhalb der Uni ja so fort. Aber es könnten natürlich mehr sein, Demokratie lebt ja von der Beteiligung.
Woran liegt's?
Das hat viele Gründe, für viele ist Politik zu kompliziert und es erfordert zu viel Zeit, es gibt für unsere Generation vielleicht auch nicht diesen riesigen Leidensdruck, dass man unbedingt etwas verändern muss.
Was ist dein Leidensdruck?
Studiengebühren, Zivilklausel, Verquickung von Wirtschaft und Forschung. Und ganz allgemein Bildungspolitik, Außenpolitik, die ungerechte Verteilung von Vermögen.
Interessiert das so wenige andere Studenten?
Ich glaube, dass unsere Generation sehr individuell ist, bei den 68ern waren die Leute solidarischer.
Da gab es natürlich auch noch Überfluss und man konnte leichter solidarisch sein.
Das stimmt, heute stehen viele unter Leistungsdruck, haben den Kopf voll eigenem Kram und wollen oder können sich nicht engagieren.
Man könnte den Individualismus auch ehrlicherweise schlicht Egoismus nennen.
Die Grenze ist sicher fließend, das sieht man bei der Diskussion über Studiengebühren, da sagen viele, dass sie es aus irgendwelchen Gründen nicht zahlen müssen, oder dass die Eltern es zahlen. Viele haben das Gesamtgesellschaftliche nicht mehr so auf dem Schirm.
Kommen wir mal zu konkreten Themen: Ökonomisierung des Uni-Betriebs, was ist dagegen einzuwenden, wenn sich die Wirtschaft finanziell an der Uni engagiert?
Das Problem ist, dass dann natürlich nur die Studiengänge besonders gefördert werden, die der Wirtschaft nutzen, Geisteswissenschaften sind da eher außen vor, dabei sind sie für eine Gesellschaft extrem wichtig. Ich glaube, dass die Uni als staatliche Bildungseinrichtung vom Staat finanziert werden soll, dass der Staat die Leute zu demokratischen Bürgern erzieht und wenn sie nach dem Studium in den Dienst der Wirtschaft treten wollen, ist es ihre freie Entscheidung, aber das bitte erst nach dem Studium. Dann richtet sich die Forschung wieder mehr nach dem Allgemeinwohl.
Thema Zivilklausel, wieso soll es an der Uni keine Forschung geben, die auch für militärische Zwecke verwertbar ist?
Die Bundeswehr hat ja eigene Universitäten, die für so was geeignet sind.
Aber da wird keine Rüstungsforschung betrieben.
Wahrscheinlich nicht, aber das könnte man da ja einbauen.
Das wäre dann eine Verlagerung nach dem Motto: Forscht ihr mal schön, wir machen uns die Hände nicht schmutzig.
Das Problem bei uns ist, dass man als Student gar nicht unbedingt weiß, ob die Forschung, an der man arbeitet, für militärische Zwecke verwendet wird, man kann also keine moralische Entscheidung treffen. Bei der Zivilklausel hätten die Forschenden die Sicherheit, dass ihre Ergebnisse nicht für militärische Zwecke verwendet werden. Man kann Carbon für Windräder verwenden, aber auch für Kampfflugzeuge.
Aber nehmen wir mal an, die Studenten wüssten von Anfang an, dass z.B. Carbon für ein Kampfflugzeug verwendet wird und nicht für ein Windrad. Was wäre das Problem?
Dass der Staat der Rüstungsindustrie, die wir kritisch sehen, eine bessere Ausgangsposition verschafft und damit Leid und Tod in der Welt durch Rüstungsexporte fördert, dass die Universität dazu einen Beitrag leistet, ist abzulehnen.
Dann müsstet ihr in letzter Konsequenz aber auch gegen die Bundeswehr sein, denn die braucht nun mal Waffen und Technologie.
Da muss man schon noch mal einen Unterschied machen, ob man in einem demokratischen Staat parlamentarisch entscheiden kann, wo die Bundeswehr ihre Waffen einsetzt. Oder ob die Waffen an irgendein autoritäres Regime gehen, das damit ihre eigenen Bürger unterdrückt. Aktuelles Beispiel Saudi-Arabien, die Bundesregierung will an dieses Regime Panzer liefern, ein Regime, das im Nachbarstaat Bahrain dabei geholfen hat, gewaltsam einen Volksaufstand niederzuschlagen.
Und wenn die Waffen nur an die Bundeswehr gehen?
Das ist eine theoretische Frage, denn letztlich weiß man nie, wo die Waffen am Ende landen, die Rüstungsindustrie versucht, ihr Zeug zu verkaufen.
Aber die Uni gehört doch zu diesem Staat, dessen verantwortliches Handeln ihr letztlich infrage stellt.
In einem aufgeklärten demokratischen Staat kann sich die untere Ebene auch mal gegen eine obere Ebene stellen, man kann auch mal rebellieren.
Also Schwerter zu Pflugscharen.
Ja, im Endeffekt ist es eine moralische Frage, was wir mit unserem Wissen unterstützen wollen.






