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Söder wandelt in Luthers Fußstapfen
Wenn man sich mit der Geschichte der bayerischen "Volkspartei" befasst (zum Beispiel anhand des Buchs "Macht und Missbrauch" von Wilhelm Schlötterer) könnte man gewisse Zweifel bekommen, ob die Christsozialen selbst mit jahrelangem Rosenkranzbeten noch vor der ewigen Verdammnis zu bewahren sind. Aber weil das im Freistaat noch nie jemanden gestört hat, bittet hierzulande sogar die evangelische Kirche einen Nachfolger und bekennenden Verehrer von Franz Josef Strauß nicht etwa auf die Büßerbank - sondern auf die Kanzel.
Zum Reformationstag hat das Dekanat Augsburg den bayerischen CSU-Finanzminister Markus Söder eingeladen, die sogenannte "Kanzelrede" bei der Feier in der Kirche St. Anna zu halten. Söder ist Mitglied der evangelischen Landessynode und nicht zuletzt bekannt für Sätze wie "Für die CSU steht fest: In Klassenzimmer gehören Kruzifixe und keine Kopftücher" oder das nur mit viel gutem Willen als unglückliche Formulierung zu bezeichnende "Seit heute Morgen um neun Uhr wird geklagt" bei der Einreichung der Klage gegen den Länderfinanzausgleich im vergangenen Jahr.
In Augsburg wird Söder zum Thema "Reformation und Politik" sprechen. "Wir haben einen Redner eingeladen, der die Themen Reformation, Evangelischsein und Politik gut verbinden kann", so Dekan Stefan Blumtritt in einer schriftlichen Antwort auf die Anfrage der Neuen Szene. Eine halbe Stunde lang soll Söders Rede dauern, die übrigens keine Predigt ist. "Zum Reformationsfest lädt das Dekanat Augsburg jedes Jahr eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens ein", schreibt Blumtritt. Und nicht immer sind es Politiker, wie er betont: "Die Evangelische Kirche ist parteipolitisch neutral. Sie ist aber an politischen Positionen und gesellschaftlichen Fragen sehr interessiert. Das Dekanat lädt daher zu diversen Gelegenheiten Politiker unterschiedlichster demokratischer Parteien und andere Personen ein, die vielfältige Meinungen zu gesellschaftlichen oder kulturellen Fragen vertreten."
Der öffentliche Festakt mit Markus Söder am 31.10. in St. Anna beginnt um 19.30 Uhr. Zwei Stunden später steigt der Jugendgottesdienst unter dem Motto "re-fresh, re-form, re-volt". Als einen Programmpunkt können Besucher dabei "ihre Forderungen an die Gesellschaft" an eine Holztür anschlagen, so die Ankündigung. Vielleicht macht der Finanzminister ja mit beim Anschlagen.
Und jetzt noch was für die Kopftuchträger unter euch: Der Reformationstag erinnert an den 31. Oktober 1517, als der Mönch Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche angeschlagen haben soll, was historisch allerdings ziemlich umstritten ist - aber das ist man ja als Anhänger einer jeden Religion gewöhnt... (flo)
Foto: Bayerisches Staatsministerium der Finanzen, für Landesentwicklung und Heimat






