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Die 100 Sekunden Story
Die Regeln sind klar: Hundert Sekunden Zeit für eine Geschichte. Diese hundert Sekunden aus dem wirklichen Leben müssen reichen. Auf der Facebookseite "Die 100 Sekunden Story" könnt ihr vorschlagen, wo die nächste Geschichte stattfinden soll. Der Ort diesmal: Vor dem Bahnhof.
Augsburg
20.07.2013
17:25 Uhr
27°C
Treppe vor dem Hauptbahnhof
Links von mir eine Österreicherin, aber Hippie, sommersprossig überall, wahrscheinlich überall. Sie verabschiedet sich von zwei Freundinnen. Sie ist aufgedreht, sie kommen von einem Afrikafestival und sind begeistert. Nie verstanden, wieso die Hippies so scharf auf Afrika sind. Oder doch, Mutmaßung: exotisch, lässig, fremd, farbig und die trommelnde Trommeln. Ein Sakrileg, wenn man Ethno nicht geil findet? Wahrscheinlich ja, die Kinder der früheren Kolonialmächte tragen Dreads. Nein, kann nicht sein, Österreich hatte keine afrikanische Kolonie. Das Össi-Sommersprossen-Mädchen hat einen langhaarigen Jungen entdeckt, der sich eine Zigarette dreht.
Seawus, wo foasdn du hi?
München.
Schausd a bisal aläin aus, hobima docht obsd a Zigaredn mit mia rauchn mogsd.
Ja.
Der Junge nickt freundlich, ein wenig schüchtern, er beginnt, eine Zigarette für das Sommersprossenmädchen zu drehen. Sie setzt sich zu ihm, Schneidersitz, und beginnt zu erzählen
I woa in Südamerika, also davoa, loka do.
Neben den beiden setzt sich ein alter Mann mit Plastikschildmütze auf die Stufen, eine Flasche Bier in der Hand, vorsichtig, als wäre es jetzt gerade sein wertvollster Besitz, vielleicht ist er es. Er hebt die Flasche, schaut nach links und rechts, als wüsste er, dass er ein Publikum hat, das eine rituelle Handlung von ihm erwartet. Es stört ihn nicht, dass keine Andächtigkeit aufkommt.
Das Mädchen fährt fort:
Owa nadialich Drogen, hoda mi gfrogt, da oana, wos i rauchn dua. Hobi gsogd: grad nix, bin eh guad drauf.
Der alte Mann hebt die Flasche an, betrachtet sie von unten, sie fällt ihm aus der Hand, gerade Linie auf die Treppe. Dumpfes Klirren. Das Bier fließt, Er schaut enttäuscht, aber nicht überrascht auf die Scherben. Er schaut wieder nach links und rechts zum Publikum, er braucht kein Mitleid, will nur sichergehen, dass die Leute die neueste Entwicklung mitbekommen haben. Dann sammelt er ruhig die Scherben auf.
Das Mädchen sagt:
Woasd schomoi in Südamerika?
In Afrika?
Inda Karibik?
I frog die richtig aus göj? Ja is mei Job, i meags scho goa nima.
Der alte Mann erhebt sich mit den Scherben der Bierflasche und geht würdevoll zum Mülleimer, dort wirft er Scherbe für Scherbe weg. Eine Frau Anfang vierzig, schwarzgefärbte Haare, grauer Ansatz am Scheitel, steht daneben und schaut ihn in einer Mischung aus Missbilligung und Wissen an. Sie setzt sich dicht neben die Bierlache auf die Treppe. Sie zieht eine Breze aus ihrer Tasche und pflückt sie auseinander.
Das Mädchen mit den Sommersprossen spricht immer eindringlicher auf den Jungen ein.
Gons oarme Leid, oba lochn duans oft!
Die Frau wirft Brezenstücke auf den Boden, Spatzen kommen, die Stücke sind zu dick für ihre Schnäbel, sie nehmen sie trotzdem, zerren daran, aber die Brezenstücke sind zäh. Stimmt es, dass man Spatzen keinen Mehlspeisen geben soll, weil sie in ihren Mägen aufgehen, weil sie damit das Spatzenleben gefährden?
Die Frau ruft:
Jeeeesus ist der Hee-heer, Jeesuss ist der Hee-heeer, Aaaaamen hehehhe!
Das Mädchen mit den Sommersprossen schaut irritiert auf, ihr Redefluss ist unterbrochen worden, der Junge lächelt gutmütig, perfekter Zuhörer. Die Frau ist zufrieden und beginnt trotzig, neue Brezenstücke unter die Spatzen zu bringen, die versuchen ihr Bestes, picken auf die Stücke ein, heben sie hoch, versuchen sie zu schlucken. Können sich Spatzen verschlucken? Immer diese Eile.
Immer diese Angst davor, dass die Tauben kommen könnten und die Spatzen müssen weichen. Wind kommt auf und spielt mit dem Haar vom Sommersprossenmädchen und mit dem vom langhaarigen Jungen und mit dem der Brezenfrau, sie schauen alle in die Richtung des Windes, sie sehen nichts und schauen wieder zurück.
Die Spatzen fliegen flink davon, Tauben kommen und landen wie Hubschrauber, die sich in die Kurve legen. Die Frau mit der Breze murmelt:
Ich hab keine Angst, hab keine Angst, vor keinem, hab einfach keine Angst.
Das Mädchen und der Junge stehen auf, sie sagt, das erste mal mit sachtem Ton:
I muas ja a nach München, kema zam foan.
Der Junge nickt, sie gehen, die Tauben sind mit Essen fertig, tapsen gurrend weiter.
Die Spatzen warten.






