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Walther Seinsch als FCA-Präsident zurückgetreten
Mittwoch, 03.12.2014, Jahreshauptversammlung beim FC Augsburg. Die Nachricht zündete wie eine Bombe: Walther Seinsch, Baumeister und Konstrukteur des neuen FC Augsburg, geht von Bord. Nach vierzehnjähriger Tätigkeit als FCA-Präsident legt er mit sofortiger Wirkung sein Amt nieder. Nachfolger wird der stellvertretende Vorstandsvorsitzende Klaus Hofmann. Die Neue Szene präsentiert als erstes Augsburger Medium ein Exklusivinterview mit dem neuen Kapitän des Bundesligisten.
Gratulation! Wie fühlt man sich so als frischgebackener Präsident eines Bundesligisten?
Danke. Wie ich mich fühle? Im Moment sehr relaxed, aber natürlich wird jetzt das Medienaufkommen steigen. Ich bin seit über 15 Jahren Vorstandsvorsitzender der Minimax Viking AG, also durchaus mit der Materie vertraut, die so ein Job mit sich bringt.
Sie haben es bereits angesprochen. Sie sind Vorstandsvorsitzender eines Global Players mit 8.000 Beschäftigten. Lässt sich das Präsidentenamt denn zeitlich überhaupt bewerkstelligen?
Da sehe ich kein Problem, ganz im Gegenteil. Grundsätzlich finde ich es schlimm, wenn Präsidenten eines Fußballclubs nichts anderes zu tun haben, als den ganzen Tag in der Geschäftsstelle Unruhe zu stiften. Wir sind im Verein, was die wirtschaftlichen und sportlichen Personalien angeht, bestens aufgestellt. Da sehe ich also überhaupt keine Probleme.
Sie sind ein bisschen der große Unbekannte. Woher rührt Ihre Liebe zum FCA?
Mein Vater hat mich schon als Kind immer mit in die Rosenau genommen. Das war noch zu Zeiten, als Helmut Haller über den Brenner wieder zurück nach Augsburg kam. Ich kann mich heute noch an jedes Spiel der Aufstiegsrunde 73/74 erinnern, an die lila Trikots von Tennis Borussia Berlin beim 2:2 oder an das dramatische 4:4 zu Hause gegen den FC St. Pauli. Leider hat uns letztendlich ein Pünktchen zum Aufstieg gefehlt. Das hat sich in mein Gedächtnis regelrecht eingemeißelt. Und diese Liebe hat mich ein Leben lang nicht mehr losgelassen.
Sie stammen aus Buchloe.
Genauer gesagt aus Lamerdingen, also unweit von Augsburg. Auch wenn es mich beruflich schnell in den Norden verschlagen hat, war ich immer, sofern es mein Zeitplan zuließ, im Stadion, auch schon in der Bayern- und der Regionalliga. Und egal in welchen Winkel der Welt es mich verschlug, ich wusste spätestens fünf Minuten nach Abpfiff immer, wie der FCA gespielt hat.
Wenn man Sie so im Stadion sieht: Es gibt wohl nur wenige Zuschauer, die so mitfiebern wie Sie...
Ja, das stimmt, ich bin schon ein echter Fußballbekloppter. Sobald ich im Stadion bin, vergesse ich alles, was sich drum herum so abspielt. Ich bin ein sehr abergläubischer Mensch, bei den letzten Spielen hatte ich exakt dieselben Klamotten an, bis hin zur Unterhose. Gegen den FC Bayern werde ich mal ein Spiel aussetzen, ich will das Glück nicht allzu sehr strapazieren. (lacht)
Sie verlieren nur sehr ungern...
Allerdings, das war schon so, als ich noch aktiv Tennis gespielt habe, der Gang zum Netz nach einer Niederlage war für mich immer wie ein Spießroutenlauf. Wenn der FCA verliert, bin ich lange nicht wirklich ansprechbar.
Die Nachricht vom Rücktritt von Walther Seinsch hat in Augsburg natürlich wie eine Bombe eingeschlagen. Wann wurden Sie damit konfrontiert?
Es ist für viele im Moment überraschend, intern hat sich dieser Prozess aber schon seit Längerem angebahnt. Wir hatten zwar nie ein konkretes Datum anvisiert, aber ich hatte dennoch genügend Zeit, mich darauf einzustellen.
Sie sind ein echter Shootingstar beim FCA. Ihr Aufstieg ging rasant, erst Aufsichtsratsmitglied, vor Kurzem noch stellvertretender Vorstandsvorsitzender, jetzt die Nummer eins. Wird einem bei diesem Tempo nicht schwindelig?
Ich bin jetzt genau zwei Jahre im Verein in verantwortlicher Funktion, da kennt man die Mechanismen. Als ich im Dezember 2012 zum FC Augsburg kam, waren wir Letzter, jetzt sind wir Vierter. (lacht)
Was sind Ihre Stärken?
Ich verfalle nicht in Hektik und bin auch jemand, der Fehler verzeiht. Generell ist es immer gut, erst mal eine Nacht über ein Problem zu schlafen, am nächsten Tag sieht die Welt meist besser aus.
Was sind Ihre Schwächen?
Ketchup zum Essen, Haribo-Gummibärchen und meine Flugangst. Klingt verrückt, weil ich doch so viel Zeit im Flieger unterwegs bin. Und meine Disziplinlosigkeit während des Spiels. Ich weiß, dass ich mich da in Zukunft mehr in den Griff bekommen muss.
Sie haben schon in den letzten Monat bei der Personalpolitik mitgemischt, sind immer im Trainingslager dabei gewesen. Sie sind sehr nah am Team.
Ohne mich jetzt groß in der Vordergrund spielen zu wollen, ich kenne mich sehr gut in allen europäischen Ligen aus und da nicht nur in den ersten. Ich befasse mich intensiv mit solchen Dingen und unterstütze unseren Chefscout Stefan Schwarz.
Wie sind Sie eigentlich zum FCA gekommen?
Ich bin ein paar Mal Walther Seinsch begegnet und wir haben schnell gemerkt, dass wir ziemlich ähnlich ticken. Im Laufe der Zeit wurde der Kontakt immer intensiver. Walther Seinsch hat mich daraufhin einmal angerufen und gefragt, ob ich mir ein Engagement beim FCA vorstellen könnte. Das war auf einem Parkplatz in Austin/Texas. Ich musste nicht lange überlegen.
Die Fußstapfen, die Walther Seinsch hinterlässt, sind sehr groß. Mit welchem Gefühl gehen Sie ins Rennen?
Wir werden diese Philosophie weiterführen. Wir sind nicht Hoffenheim, Leverkusen oder Wolfsburg, wo man in einer sportlichen Krise schnell mal ein paar Millionen Euro in neue Spieler investiert. Der FCA lebt von seinem Zusammenhalt und von der Solidarität. Ich sage das jetzt nicht aus Populismus, aber der FCA hat überragende Fans, die die Mannschaft nach vorne tragen. Ich behaupte, dass wir einige Spiele ohne unser Publikum nicht gewonnen hätten, wie beispielsweise letzte Woche gegen den HSV.
Auffällig sind einige Parallelen zwischen Ihnen und Walther Seinsch. Sie sind beide erfolgreiche Unternehmer und bodenständige Typen. Sie kleiden sich auch gerne wie Ihr Vorgänger: Sportklamotten mit FCA-Emblem und Sneaker. Und Sie haben wie Seinsch mehrere Wohnsitze und essen lieber Bratwurst als Lachshäppchen.
Das ist richtig, das ist wohl auch ein Grund, warum wir uns von Anfang an so gut verstanden haben. Wir dinieren beide lieber an einer Imbissbude als in einem Dreisterne-Restaurant.
Und auch Sie mischen sich gerne unter die Fans im Stehplatzbereich. Werden Sie erkannt?
Im M- und im N-Block kennen mich inzwischen schon einige, aber ansonsten konnte ich mich bisher immer unbeschwert im Stadion bewegen. Das wird sich wohl jetzt ändern.
Walther Seinsch war ein Präsident mit großen Visionen, er war sehr zielstrebig und vorausschauend. Aber er war auch sehr konservativ, wenn es um Finanzen und Investitionen ging. Welche Philosophie werden Sie beim FCA einschlagen?
Wir werden in Zukunft wesentlich mehr Geld in den Nachwuchs investieren. Unser primäres Ziel muss es sein, mindestens jedes Jahr einen Spieler aus dem Nachwuchsbereich in den Profikader zu bringen.
Sie treten Ihr Amt zu einem Zeitpunkt an, an dem der FCA am Gipfel des Erreichbaren steht. Was ist denn überhaupt noch machbar mit dem FCA?
Einen wichtigen Schritt haben wir mit dem Bau des Nachwuchsleistungszentrums gemacht. Wir werden auch sportlich einiges umbauen müssen, aber mehr will ich im Moment dazu nicht verraten.
Sie sind ein sportbesessener Mensch, geschäftlich oft in den USA und besitzen Dauerkarten für alle möglichen Teams.
Neben Fußball schaue ich mich sehr gerne Baseball und American Football an. Ich bin oft in den USA und meine Partner sind alles Sportverrückte. Die Kombination aus Business und Sport mag ich.
Und was macht Klaus Hofmann am liebsten privat?
Das mag jetzt vielleicht den einen oder anderen überraschen, aber ich mag Literatur sehr gerne. Dadurch, dass ich viel Zeit im Flieger verbringe, lese ich viel. Ich schätze mal, dass ich zu Hause an die 10.000 Bücher gebunkert habe, 7.000 habe ich davon mit Sicherheit schon gelesen.
Vorlieben?
Querbeet: Romane, Biografien, Krimis, mit einer Vorliebe für amerikanische Autoren. Ich habe so ziemlich alle Bücher der Pulitzerpreisträger der letzten zehn Jahre gelesen. Eines meiner Lieblingsbücher ist aber „Roman eines Schicksalslosen“ von Imre Kertész.
Wir bedanken uns für das Gespräch und wünschen Ihnen viel Glück in Ihrem neuen Amt! (ws)
Zur Person:
Klaus Hofmann, 47 Jahre alt, verheiratet, Vorsitzender der Minimax Viking AG mit weltweit über 8.000 Mitarbeitern. Spielte einige Jahre für den Tennisclub Kempten in der 1. und 2. Bundesliga. Seit Dezember 2012 Aufsichtsrat beim FCA, dann stellvertretender Vorstandsvorsitzender. Seit 03.12.2014 Präsident des FC Augsburg.






