Zum Spiel gegen Wolfsburg - Interview mit Heiko Herrlich

„Ich fordere von meinen Spielern ihr Herz und ihre Leidenschaft!“

Interview mit dem neuen FCA-Trainer Heiko Herrlich

Der 48 Jahre alte Heiko Herrlich hat im März die Nachfolge von Martin Schmidt als FCA-Coach angetreten. Nur wenige Tage danach wurde er mit der Corona-Krise konfrontiert und befindet sich in einer außergewöhnlichen Situation. Eigentlich möchte man als neuer Trainer viele Dinge anschieben, Feuer und Leidenschaft im Training und natürlich in den Spielen entfachen. Im Interview erfahren wir sehr viel Interessantes über Werte und Haltung im Profifußball. Von Markus Krapf

Herzlich Willkommen in Augsburg, schön dass sie gerade in diesen Tagen Zeit für uns gefunden haben. Haben sie schon eine Bleibe in Augsburg gefunden?
Ich habe gerade meine Wohnung hier in Augsburg bezogen. Für mich sind die kurzen Wege entscheidend, obwohl ich natürlich auch gerne einmal zum Essen in der Stadt bin, wenn das wieder möglich ist. Aber zuhause brauche ich vor allem die nötige Ruhe, weil ich nicht nur hier in der Arena arbeite, sondern eben auch daheim.

Haben sie auch schon was von Augsburg gesehen?
Ehrlich gesagt noch fast gar nicht. Aber ich weiß noch von früheren Besuchen, privat und mit dem Fußball, dass Augsburg eine sehr schöne und geschichtsträchtige Stadt ist. Mit Leverkusen hatten wir ein Hotel in der Innenstadt und weil ich gerne spazieren gehe, um nicht nur die Stadien einer Stadt gesehen zu haben, weiß ich, wie schön es hier ist. Außerdem habe ich den historischen Roman „Die Puppenspieler“ gelesen, der nicht nur in Rom und Florenz, sondern auch in Augsburg spielt, und mir einiges über die Zeit von Jakob Fugger in Augsburg näher gebracht hat.

Sie haben stets betont, die Stimmung in der WWK ARENA sei etwas Besonderes. Erinnern sie sich hier konkret an Spiele mit ihnen als Trainer des Gegners?
Tatsächlich an ein 0:0 mit Bayer Leverkusen in der WWK ARENA. Ich weiß noch, dass es ein hart umkämpfter und erzitterter Punkt war. Beide Mannschaften hatten gute Chancen und die Atmosphäre war so, dass man als Gästemannschaft von der tollen Stimmung fast erdrückt wurde. Das kommt auch von den steilen Rängen, die mich ein bisschen an den alten Bökelberg in Mönchengladbach erinnern. Damals als Spieler der Borussia hatte ich, auch wenn wir 20 Minuten vor dem Ende 0:2 zurücklagen, immer das Gefühl, das Spiel noch drehen zu können. Dieses Gefühl habe ich auch in Augsburg. Der Funke der Leidenschaft soll von unten nach oben überspringen, denn für die Stimmung sind am Ende in allererster Linie die Spieler mit ihren Leistungen zuständig.

Spielt so ein Faktor tatsächlich eine Rolle bei der Auswahl eines neuen Clubs?
Na klar. Ich kenne ja auch die Geschichte des FCA, fand es unglaublich beeindruckend, was Markus Weinzierl mit der Qualifikation und den Auftritten in der Europa League geleistet hat. Es ist eigentlich unglaublich, was man in Augsburg in den letzten 20 Jahren aus seinen Möglichkeiten gemacht hat. Viele sprechen nicht zu Unrecht von der „Klein-Anfield Road“, wenn es um die WWK-ARENA geht.

Eine ähnliche Entwicklung nahm ja auch der SC Freiburg, aus dessen Jugend sie als Spieler stammen.
Das stimmt. Als großer Fan dieses Sports ich bin schon mit 13 oder 14 aus meiner Heimat Waldkirch mit dem Fahrrad in das alte Dreisamstadion mit 2.500 Zuschauern gefahren. Da stand ich oft als einziger mit meiner Fahne hinter dem Tor. Auch die Freiburger Entwicklung später unter Volker Finke ist sensationell. Ansonsten war ich auch immer ein großer Fan des FC Liverpool und Atmosphären wie in Liverpool haben mich besonders fasziniert. Deswegen mag ich diesen Vergleich mit der Anfield Road sehr.

Vor der Saison waren sie unter anderem auch zu Gast beim FCA-Sommertrainingslager.
Wenn man selber Trainer ist, fokussiert man sich nur auf die eigenen Leute und Abläufe. Man hat kaum Zeit, über den Tellerrand hinauszuschauen. Deswegen habe ich, wenn ich Zeit hatte, immer gerne andere Clubs besucht und war u.a. in Köln, Madrid oder Barcelona zu Gast. Dort war ich beispielsweise als DFB-Nachwuchstrainer, Frank Rijkaard war damals der Cheftrainer. Aber ich habe auch Pep Guardiola bei seiner ersten Trainerstation gesehen, als er noch Coach der zweiten Mannschaft war. Das war beeindruckend, weil man gesehen hat, dass seine Arbeit nicht nur von der Qualität des Kaders abhängt. Auch die Einheiten von Martin Schmid im Sommer beim FCA-Trainingslager haben mir gut gefallen, ich habe ihn schon immer als sehr sympathischen Kollegen eingeschätzt.

Was erwarten sie von ihren Spielern, um erfolgreich arbeiten zu können?
Neben den vier Faktoren für eine erfolgreiche Arbeit, nämlich Technik, Taktik, Athletik und Persönlichkeit, ist die Identifikation mit der Sache das Wichtigste. Das Vereinswappen, das vorne auf dem Trikot steht, ist viel wichtiger, als der eigene Name hinten drauf, um konstant Leistung bringen zu können. Ich erwarte ein absolutes Verheiratetsein mit der Aufgabe, der Nebenmann ist der wichtigste Spieler. Ich erwarte von meinen Spielern, dass sie Diener unserer Sache sind, nur so können sie ihre Aufgabe erfüllen. Es kann ein Spieler noch so gut sein, wenn er dazu nicht bereit ist, ist auch keine dauerhaft erfolgreiche Arbeit möglich. Das wird auch der wichtigste Hebel hier in Augsburg sein. Dass diese Mannschaft Fußball spielen kann, hat sie unter anderem in der Zeit vor der Winterpause bewiesen. Aber man muss dieses Potential dauerhaft abrufen und genau dafür ist es nötig, Werte und Haltung zu vermitteln und zu stärken.

Wie setzen sie das konkret um?
In all meinen bisherigen Mannschaften war der „Teamplayer-Gedanke“ am wichtigsten. Auch in Augsburg fordere ich genau das ein, denn ich will alles von den Spielern. Ich will ihr Herz, ihre Leidenschaft und ich stärke diejenigen, die diese Faktoren und Werte und Haltung stabil machen. Aber ich kann das nicht alleine machen, ich werde diese Türe mit meinem Trainerteam aufsperren, durchgehen muss die Mannschaft dann selber. Schade ist nur, dass man aktuell nicht sehen kann, wie das konkret, beispielsweise in 11 gegen 11-Trainingseinheiten oder in Testspielen, von der Mannschaft umgesetzt wird.

Sie sagen es und haben durch die Corona-Krise in ihrer täglichen Arbeit mit Umständen umzugehen, für die es keine Erfahrungswerte oder Schablonen gibt.
Ich versuche einfach, das Beste aus dieser Situation zu machen und keine Kraft zu verlieren, denn ändern kann ich es nicht. Konkret hätten wir regulär gegen eine Wolfsburger Mannschaft gespielt, die müde aus der Europa League gekommen wäre. Mit mehreren verletzten Spielern, die jetzt alle wieder fit sind. Aber es bringt rein gar nichts, auch nur darüber nachzudenken. Man muss die Situation so hinnehmen, wie sie eben ist. Alle anderen Teams müssen mit den gleichen Voraussetzungen klarkommen.

Durch ihre eigene Gehirntumor-Erkrankung aus dem Jahr 2000 gehören sie selbst zur Risikogruppe. Wie gehen sie damit um?
Ich gehöre vielleicht nicht zur Hochrisikogruppe, aber bei mir ist das Risiko sicher etwas größer als bei anderen. Die Frage stellt sich bei mir aber dennoch genau wie bei allen anderen auch. Es ist ein Risikomanagement, das jeder für sich selber abwägen muss. Ich freue mich auf diese Aufgabe und bin absolut bereit dafür.

Hätten sie den Job in Augsburg auch mit dem Wissensstand von heute angetreten?
Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Ich hatte meinerseits eher ein schlechtes Gewissen, die Erwartungen wegen Corona aktuell nicht so umsetzen zu können, wie das im Normalfall möglich gewesen wäre. Aber die Vereinsführung und ich sind sich sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Viele Menschen hoffen, dass in der Zeit nach Corona vielleicht Oberflächlichkeit, Leistungsgedanke oder auch das Miteinander auf einer anderen, menschlicheren Ebene stattfinden werden. Was glauben sie?
Ich hoffe vor allem, dass alle Menschen verstehen werden, dass man spätestens jetzt nicht mehr nur auf sich selbst schauen, sondern das „Große Ganze“ in den Mittelpunkt rücken sollte. Es werden in Zukunft viele Menschen ohne Job dastehen, alles wird eine Nummer kleiner sein. Deswegen sollte man sich gegenseitig helfen und manchmal habe ich das Gefühl, dass Worte lügen können, Taten aber nicht. (max)

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