Wie sag ich's meinem Kind?

Verfasst am: 01.05.2016 | Autor: Florian Kapfer

Ich werde das Gefühl nicht los, dass wir uns dieses Theater wünschen, wie man sich bisweilen in eine (glückliche) Kindheit zurückwünscht...

Liebe Leser, mal ganz naiv gefragt: Wie erklären Sie eigentlich ihren Kindern den Zoff ums Theater? Wenn Sie zum Beispiel in der Fußgängerzone Krokodil und Schildbürger begegnen, oder erleben, wie sich »Befürworter« vor einem Tisch der Sanierungskritiker zusammenrotten, oder wenn am Laden des netten Buchhändlers ein komisches Plakat hängt?

Okay, man kann vermutlich die halbe Welt einem halbwegs normalen Kind nicht wirklich erklären, da muss schon viel Gehirnwaschmittel zum Einsatz kommen, bis man den ganzen Irrsinn erträgt und für normal hält. Doch mal angenommen, es gäbe aktuell nur diesen einen Aufreger – und das Gefühl hatte man im April in Augsburg durchaus, dass außer Böhmermann und Theaterkrampf eigentlich nichts passiert – wie erklären Sie’s, meinetwegen auch einem Auswärtigen, einem komplett Unbeteiligten?
Lionel Messi zum Beispiel. Der würde vermutlich etwas verwundert gucken, dann einen Blick auf seinen Lohnzettel werfen und sich denken: »Wow, ganz schön viel Kohle für so ne alte Hütte, dafür müsste ich ja gut und gerne drei Jahre lang arbeiten!«

Zurück in Augsburg könnten wir uns dann entweder eine Kugel in den Kopf jagen, weil die (unsere!) Welt so beschissen unfair und idiotisch ist, oder wir werfen einen Blick in den Haushalt der Stadt Augsburg und geben zu, dass das Projekt, für das wir über 200 Millionen Euro ausgeben, erst noch geschaffen werden muss. Es gibt, und da kommt man ganz milchmädchenlike zum Anfang zurück, nur eine Sache, die eine solche Investition rechtfertigt: Bildung.

Der Rest ist alles nur Beiwerk. Selbstverständlich gehen Kids heutzutage auch ins Theater und wahrscheinlich sogar gerne, aber vermutlich würde sich ein Großteil der Kleinen über einen Ausflug zum FCA oder ins Legoland wesentlich mehr freuen als über Karten fürs Kindersymphoniekonzert. Insofern haben die Sanierungskritiker alle Berechtigung, diese unerfüllbare Forderung in den Raum zu stellen: Keine Öre Neuverschuldung für die Theatersanierung. Nichts geht ohne Neuverschuldung, heißt es dann immer. Das mag ja sein, aber entlässt das automatisch aus der Verantwortung, diese Schulden möglichst niedrig zu halten und zumindest halbwegs ehrlich auf die Kostennutzenrechnung zu gucken?

Verdammt, das böse Wort: Nutzen. Bei der Kultur! Eines meiner Lieblingszitate ist der berühmte Satz des Dichters Gottfried Benn »Wir sind der Schmerz, nicht die Ärzte.« Nun kann Schmerz ja vieles sein, das Ende des Stadttheaters wie wir es kennen, wäre für viele von uns sicher äußerst schmerzhaft. Aber wie viel Schmerz kann eine städtische Bühne heutzutage noch zum Ausdruck bringen und wie viele Herzen erreicht sie – in Konkurrenz zu den vielen anderen Schmerzfabriken? Das Theater ist im Idealfall ein Hort der künstlerischen Freiheit, bei dem natürlich auch ein paar Regeln eingehalten werden müssen. Alte wie neue Ideen und Utopien, Entwürfe und Erklärungsversuche, Theorien und Daseinsweisen werden gestaltet und ausprobiert. Dazu kommen Unterhaltung, Austausch und reichlich allzu Menschliches. Außerdem ist es eine Arena der kalkulierten Niederlagen und Triumphe.

Das klingt für mich ehrlich gesagt wie meine Zeit am Gymnasium. Im Nachhinein eine herrliche Zeit – und wie die meisten war ich todfroh, den verhassten Betonbunker in Neusäß hinter mir zu lassen, um mir meinen Schmerz ab sofort woanders zu holen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass wir uns dieses Theater wünschen, wie man sich manchmal in eine (glückliche) Kindheit zurückwünscht.

Eigentlich bin ich ganz froh, keine Kinder zu haben. Auch wenn ich mit ihnen sicher eher ins Theater gehen würde als zum FCA. Am liebsten aber würde ich Töchterchen und/oder Sohnemann aufs Modular mitnehmen. Ist einfach, neben vielen anderen darbenden Kulturprojekten, das schönste Anschauungsmaterial. Denn dass in dieser Rechnung etwas nicht stimmen kann - wenn dem Stadtjugendring mal kurzerhand der Zuschuss halbiert wird und der städtische (!) Popreis nur dank der Stadtsparkasse mit Witzbeträgen zwischen tausend und null Euro ausgestattet werden kann - das verstehen wohl auch die Kleinsten sofort. Den Kindergarten, den die großen Augsburger gerade in Sache Theater abziehen, den sollen andere erklären.