„Seht, wie würdevoll!“

Zwischen Aufklärung und Traum – Zeitlos rebellisch: Goya und Dalí im Schaezlerpalais

Von Schatten, Spiegeln und Zeiten, die sich nicht ändern
Im Schaezlerpalais hängt aktuell die Zeit wie in einem dieser trägen, glänzenden Dalí-Spiegel: verflüssigt, doch unzerstörbar. Zwischen barockem Stuck und gedämpftem Licht stehen zwei Spanier einander gegenüber, die mehr verbindet, als zwei Jahrhunderte trennen. Francisco de Goya, der Moralist mit dem Grabstichel, und Salvador Dalí, der Visionär des Traums. Beide blicken – jeder auf seine Weise – in denselben Abgrund: den Menschen.

Goya – der Ätzende
In Feuchtwangers Ton könnte man sagen: Goya war ein Aufklärer, der an der Finsternis seiner Zeit verzweifelte.
Seine „Caprichos“ – 80 Radierungen, zwischen 1793 und 1799 entstanden – waren ein künstlerischer Aufschrei. Sie zeigen Gier, Torheit, Laster, Heuchelei. Und sie zeigen sie so, dass die Zeitgenossen sich selbst erkannten. Vielleicht zu deutlich. Denn die Inquisition sah mit.
Er stach seine Figuren mit der Präzision eines Chirurgen und der Wut eines Aufklärers. Menschen werden zu Eseln, Richter zu Fratzen, Frauen zu Symbolen für Macht und Versuchung. Nichts ist eindeutig – und gerade das machte die Serie gefährlich. Ein Versteckspiel im Zeichen des Zylinders: jenes Goya-Porträts, das ihn mit Hut zeigt, rebellisch und modern, fast linksliberal avant la lettre.
Goya schuf die „Caprichos“ für den freien Markt, doch leisten konnten sie sich nur jene, denen er den Spiegel vorhielt. Ein Widerspruch, der den moralischen Schmerz seiner Kunst noch vertieft.

Dalí – der Spiegelnde
Fast zwei Jahrhunderte später, zwischen 1973 und 1977, greift Salvador Dalí diesen Schmerz auf – und übermalt ihn. In Paris entstehen Heliogravüren, in denen Goyas Linien plötzlich fließen, sich auflösen, verwandeln. Aus den ätzenden Kupferstichen werden Traumlandschaften.
Dalí, der sich selbst als Nachfahre aller Rebellen sah, nimmt Goyas Figuren und steigert sie ins Surreale: Eine Sphinx erscheint über dem Zylinderträger, Spiegel beginnen zu schmelzen, die Zeit selbst wird zum Motiv.
Wo Goya verurteilte, spielt Dalí. Wo der eine die Gesellschaft zerschnitt, macht der andere sie zu einem Spiegelkabinett. Doch beide sprechen dieselbe Sprache – die der Verwandlung, des Aufbegehrens gegen die Endgültigkeit, des nie endenden Tanzes zwischen Vernunft und Wahn.

Der Dialog im Schaezlerpalais
39 Bildpaare – Goya und Dalí Blatt an Blatt – lassen im Schaezlerpalais diesen Dialog neu entstehen. Die Auswahl folgt den Dalí-Bearbeitungen, und so betrachtet man die Originale stets durch die Linse ihrer Transformation. Rokoko trifft Surrealismus, Gravur trifft Heliogravüre.
Die Ausstellung, kuratiert in Kooperation mit der nordspanischen Fundación Museo de Artes do Gravado á Estampa Dixital, macht sichtbar, was Zeit eigentlich ist: ein Raum der Wiederholung. Die Themen, die Goya verhandelte – Macht, Heuchelei, Gewalt, Frauenfeindlichkeit, das Aufbegehren gegen den Tod – sind heute ebenso gegenwärtig wie damals.
Die Grafiken sind figürlich, doch ohne Ort, ohne Landschaft, ohne Zeit. Damit öffnet sich ein Fenster zur Abstraktion, die erst ein Jahrhundert später zur Moderne werden sollte.

Zeitenumbruch – damals wie heute
Goyas und Dalís Welten markieren Epochenwenden: Aufklärung gegen Inquisition, Traum gegen Rationalität, Ordnung gegen Chaos. Sie sind Kinder des Umbruchs, und genau deshalb passt ihre Gegenüberstellung in diese Gegenwart, in der Gewissheiten wieder brüchig werden.
In ihren „verkehrten Welten“ erkennt man uns selbst.
Die Themen – gesellschaftliche Doppelmoral, Macht, Angst, Körper, Traum – sind universell. Und so wirkt Goyas Aufschrei über die Jahrhunderte fort, verstärkt durch Dalís groteske Spiegelung.

„Seht wie würdevoll!“
Der Ausstellungstitel spielt auf Goyas ironisches „Miren que grabes!“ an – „Seht, wie ernst (oder würdevoll)!“ Es ist ein doppelter Imperativ: Seht hin – und erkennt euch selbst.
Wer die Ausstellung besucht, betritt nicht nur ein Museum, sondern auch ein Gespräch. Zwischen zwei Spaniern, die wussten, dass Kunst keine Zeit kennt. Und zwischen uns, die im Glanz der Räume unsere eigenen Schatten betrachten.

Mehr Infos und Führungen: kunstsammlungen-museen.augsburg.de

Text und Foto: Thomas Krones

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