Magazin
Theater durch die VR-Brille
Aus einer Krisenlösung wurde ein bundesweit beachtetes Erfolgsmodell: Das Digitaltheater am Staatstheater Augsburg verbindet Virtual Reality, interaktive Technologien und klassische Theaterkunst. Teamleiter Benjamin Seuffert spricht über neue Formen des Erzählens, kreative Experimente und die Frage, warum die Zukunft des Theaters weder rein digital noch rein analog sein wird.
Von Tanja Moosrainer
Heute gilt das Augsburger Digitaltheater als Vorreiter in Deutschland. War diese Entwicklung von Anfang an geplant?
Eigentlich nicht. Der entscheidende Auslöser war eher eine Verkettung glücklicher Umstände. Schon vor der Pandemie gab es die Idee, für eine große Opernproduktion Virtual Reality einzusetzen. Dafür wurden mehrere hundert VR-Brillen angeschafft. Die Premiere war für April 2020 geplant, die Produktion befand sich bereits in den Endproben – und dann kam der Lockdown. Plötzlich konnte das Stück nicht gezeigt werden, das Theater saß aber auf einer enormen Menge an Technik. Im Nachhinein war genau das unser Vorteil. Während viele Häuser zunächst versuchten, bestehende Produktionen ins Internet zu übertragen, konnten wir direkt überlegen, was man mit dieser Technik Neues machen kann.
War die Pandemie damit der eigentliche Motor für das Digitaltheater?
Definitiv. Ohne die Pandemie gäbe es das Digitaltheater wahrscheinlich trotzdem, aber längst nicht in der Form, die wir heute kennen. Die Entwicklung wäre deutlich langsamer verlaufen. Wir hätten vermutlich eine große VR-Produktion gemacht und danach erst einmal geschaut, wie es weitergeht. Stattdessen entstand plötzlich die Notwendigkeit, neue Formate zu entwickeln. Gleichzeitig standen Zeit, Personal und Ressourcen zur Verfügung, weil der normale Spielbetrieb nicht stattfinden konnte. Dadurch konnten wir innerhalb weniger Monate mehrere Produktionen realisieren. Rückblickend war das eine enorme Beschleunigung. Das, wofür wir sechs Jahre gebraucht haben, hätte unter normalen Bedingungen vermutlich ein Jahrzehnt oder länger gedauert.
Viele Theater haben ihre digitalen Experimente später wieder beendet. Warum hat Augsburg weitergemacht?
Weil wir relativ früh gemerkt haben, dass Digitaltheater mehr sein kann als ein Ersatz für eine Aufführung. Ein abgefilmtes Bühnenstück ist selten so spannend wie die echte Vorstellung. Wenn man aber beginnt, die Möglichkeiten von Virtual Reality oder interaktiven Formaten ernst zu nehmen, entsteht eine völlig eigene Kunstform. Genau das hat uns interessiert. Wir wollten nicht einfach Theater digital übertragen, sondern herausfinden, wie Geschichten erzählt werden können, wenn neue Technologien dazukommen. Das Publikum hat darauf erstaunlich positiv reagiert. Dadurch wurde klar, dass hier Potenzial für eine dauerhafte Sparte steckt.
Viele Menschen denken bei Virtual Reality zuerst an Computerspiele oder ein junges Publikum. Entspricht das deinen Erfahrungen?
Nur teilweise. Natürlich erreichen wir über den digitalen Aspekt Menschen, die vielleicht sonst nicht ins Theater gegangen wären. Das freut uns sehr. Gleichzeitig sehen wir aber, dass der Großteil unseres Publikums nach wie vor aus klassischen Theaterbesuchenden besteht. Unser Ziel war nie, eine Technik-Nische aufzubauen. Wir verstehen uns als Teil des Theaters und nicht als Konkurrenz dazu. Wenn jemand wegen einer VR-Produktion zum ersten Mal ins Haus kommt und später auch eine Oper oder ein Schauspiel besucht, dann haben wir eigentlich genau das erreicht, was wir wollten.
Gibt es dennoch Berührungsängste?
Natürlich gibt es die. Gerade am Anfang hatten wir Sorge, dass Menschen sich von der Technik abschrecken lassen könnten. Die Realität war überraschend anders. Theaterpublikum ist oft viel neugieriger, als man denkt. Besonders Opernbesuchende haben uns überrascht. Viele von ihnen kennen bestimmte Werke seit Jahrzehnten und haben zahlreiche Inszenierungen gesehen. Wenn sie einen bekannten Stoff plötzlich in einer völlig neuen Form erleben können, wird das oft als Bereicherung wahrgenommen. Die Neugier ist meist größer als die Skepsis.
Wenn du auf die vergangenen Jahre zurückblickst: Welche Produktionen waren besonders wichtig?
Ein großer Meilenstein war sicher unsere VR-Oper „Orfeo ed Euridice“. Allein die Vorstellung, dass fast 600 Menschen gleichzeitig eine VR-Brille aufsetzen, ist beeindruckend. Das war technisch und organisatorisch ein riesiges Projekt. Persönlich liegt mir „Ekklesia“ besonders am Herzen. Dort haben wir uns intensiv mit der Frage beschäftigt, wie Theater und Videospiele voneinander lernen können. Das Publikum musste nicht nur zuschauen, sondern aktiv Entscheidungen treffen und Teil der Erzählung werden. Die Resonanz war überwältigend positiv.
Theater und Gaming gelten oft als Gegensätze. Warum funktioniert die Verbindung so gut?
Weil beide Medien letztlich Geschichten erzählen. Videospiele haben in den vergangenen Jahrzehnten viele spannende Methoden entwickelt, um Menschen emotional einzubinden. Entscheidungen, Interaktionen oder das Gefühl, selbst Teil einer Welt zu sein, spielen dort eine große Rolle. Uns interessiert, wie solche Mechanismen im Theater funktionieren können. Dabei geht es nicht darum, Theater zu einem Computerspiel zu machen. Es geht darum, neue Ausdrucksmöglichkeiten zu entdecken.
Was kann Digitaltheater, was klassisches Theater nicht bietet?
Es eröffnet andere Perspektiven. In einer VR-Produktion sitzt man nicht nur in der ersten Reihe – manchmal befindet man sich mitten im Geschehen. Außerdem können wir Orte erschaffen, die auf einer Bühne gar nicht existieren könnten. Gleichzeitig erlaubt uns die Technik, Produktionen flexibler zu zeigen, etwa in Schulen oder bei Gastspielen. Das bedeutet aber nicht, dass klassisches Theater ersetzt werden soll. Es geht eher um eine Erweiterung des Werkzeugkastens.
Wie viel Risiko ist in einem öffentlich geförderten Digitaltheater realistisch möglich?
Erstaunlich viel. Dass wir öffentlich finanziert werden, ist dabei ein großer Vorteil. Neue Formate entstehen nicht dadurch, dass man alles sofort perfekt beherrscht. Man muss ausprobieren, Fehler machen und daraus lernen. In der freien Szene ist dieses Risiko oft existenziell. Wir haben das Privileg, langfristig denken zu können. Natürlich müssen wir verantwortungsvoll mit Ressourcen umgehen. Aber genau diese Freiheit ermöglicht Innovation.
Worauf dürfen sich Theaterfreund:innen in der kommenden Spielzeit freuen?
Auf vier Produktionen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Es wird eine KI-gesteuerte Begegnung mit Franz Kafka geben, eine Virtual-Reality-Adaption von „Metropolis“, eine Mixed-Reality-Mission auf einer Forschungsstation im All und eine Augmented-Reality-Tour durch Augsburg zur Erinnerungskultur. Jede dieser Arbeiten nutzt Technik auf eine andere Weise.
Und wo steht das Digitaltheater in zehn Jahren?
Die Technik wird sich weiterentwickeln, daran besteht kein Zweifel. Die spannendere Frage lautet aber: Was machen wir künstlerisch damit? Wir stehen noch immer am Anfang. Uns interessiert nicht die Technologie als Selbstzweck. Uns interessiert, wie wir damit Geschichten erzählen, Menschen berühren und neue Perspektiven eröffnen können. Wenn uns das gelingt, dann hat das Digitaltheater eine sehr spannende Zukunft vor sich. (tm)
Fotos: Jan-Pieter Fuhr, Tanja Moosrainer






