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Eintagsfliege

Arbeitsagentur - Bitte nicht lächeln!

Würde ist nicht unantastbar, sie ist berechenbar...

Als ich vor Monaten einen Interviewtermin beim Chef der Arbeitsagentur hatte, war alles sehr heimelig. Handschlag, Kaffee mit Milch, Plätzchen auf dem Teller. Auf dem Weg zum Büro waren mir an den Türen Schilder mit einem bemerkenswerten Spruch aufgefallen: "Wir begrüßen Sie zwar nicht mit einem Handschlag, dafür mit einem Lächeln."

Ich wollte wissen, wieso den Arbeitssuchenden, wenn auch vorgeblich lächelnd, der Handschlag verweigert wird. Der beredte Agenturchef erklärte das mit einer rein medizinischen Vorsichtsmaßnahme: die Grippewelle, Ansteckungsgefahr. Ich habe ihm geglaubt. Lange nach der Grippewelle waren die Schilder immer noch an den Türen, vielleicht sind sie es noch heute.

Ich würde der Arbeitsagentur ungern unterstellen, dass sie den Menschen, die zu ihr kommen, den Handschlag aus einem ganz anderen Grund verweigert. Weil man Arbeitslosen den Handschlag vielleicht deswegen verweigert, weil man es kann. Wer das anders sieht, der soll sich fragen, ob jemals ein Banker seinen vermögenden Kunden die Hand verweigern würde. Der soll sich auch fragen, ob ihm jemals ein Arzt nicht die Hand gab, selbst wenn er eine grippebedingte Virenschleuder war.

Nein, das Schild mit dem verweigerten Handschlag passt ins Bild. Würde ist nicht unantastbar, sie ist berechenbar. Wer nichts hat, dem wird auch die Würde schnell genommen. Der muss es sich als Arbeitslosengeldbezieher auch gefallen lassen, dass die schulpflichtigen Kinder ins Jobcenter bestellt werden. Dort werden dann die Noten kontrolliert und der freundliche Berater fragt, ob es denn unbedingt das Abitur sein muss oder man nicht lieber eine Lehrstelle suchen will, um damit auch die Familie zu unterstützen. Erscheinen die Kinder nicht, wird die Leistung gekürzt.

Woher sich die Agentur das Recht dazu nimmt? Sie nimmt es sich, weil sie es kann, ebenso wie sie den Handschlag verweigert. Weil die Arbeitslosen macht- und mittellos sind. Weil die Kinder von Hartz-IV-Empfängern sich dafür rechtfertigen müssen, wenn sie auf die Uni statt in die Fabrik oder zu Aldi an die Kasse wollen.

In diesem Sinne: Bitte nicht lächeln! (me)

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