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Bundesjugendspiele – Der Abgrund des Grauens
Ich muss gestehen, ich hatte bisher einen blinden Fleck. Ich hielt die Bundesjugendspiele für harmlos. Seit ich weiß, dass es Christine Fink gibt, sehe ich das etwas anders. Fink, dreifache Mutter, Journalistin und Stadträtin in Konstanz, fordert die Abschaffung der Bundesjugendspiele und hat zu dem Zweck eine Online-Petition gestartet.
Man könnte es sich jetzt einfach machen und abwinken, aber es lohnt sich, die Argumente Finks zu würdigen. Finke kritisiert in erster Linie den demütigenden Charakter des Pflichtwettkampfs bei den Bundesjugendspielen. Ganz abwegig ist das nicht.
Schauen wir uns doch einmal den Titel an. Bundesjugendspiele. Das klingt harmlos. Bundesweit spielen Jugendliche. Das ist allerdings eine Beschönigung. Denn die Bundesjugendspiele sind, anders als es das Wort „Spiele“ nahelegt, eben keine freiwilligen Spiele, sondern eine Pflichtveranstaltung. Das ist der Sportunterricht zwar auch, aber den nennt man deswegen auch Sportunterricht und nicht Sportspiel. Ein Wettkampf sind die Bundesjugendspiele auch deswegen viel mehr als ein Spiel, weil die Leistungen der Schüler festgehalten werden.
Bundesjugendsportwettbewerb wäre also der passendere Name, ein Wettbewerb ist aber in der Regel freiwillig, das sind die Bundesjugendspiele nicht, man müsste sie also, wenn man ganz nah an der Wahrheit bleiben will, Bundesjugendpflichtsportwettbewerb nennen. Das wäre natürlich ein etwas sperriger Titel, unangenehmer für seine Verfechter wäre aber die Offenlegung der Natur der Veranstaltung.
Es geht darum, bundesweit auf einer vergleichbaren Messebene sportliche Talente auszusieben. Dass viele Kinder, so wie ich damals, vor allem froh sind, dass sie statt Unterricht einen Vormittag irgendwelchen Sportkram absolvieren dürfen, macht die ganze Veranstaltung noch nicht zu einer lässigen Sache, zumindest nicht, was ihren wahren Zweck betrifft. Dass die eher schwachen Leistungen mancher Schüler zu öffentlicher Demütigung taugen mag zutreffen.
Aber an dem Punkt wird es kitzlig. Denn letztlich ist ja die ganze Einrichtung namens Schule, neben dem Zweck Wissen zu vermitteln, dazu da, um Leute und Leistungen auszusieben und während dieses Prozesses werden viele Schüler unzählige Male gedemütigt und das auf viel schlimmere und umfassendere Art als wenn jeder weiß, dass man beim Weitwurf oder beim 100-Meter-Lauf versagt hat.
Wer die Schüler vor Demütigung in der Schule schützen will, müsste also eine unendlich weitreichendere Petition als die gegen die sogenannten Bundesjugendspiele starten. Aber was soll man darin fordern? Humanere, besser ausgebildete Lehrer? Weniger Leistungsdruck? Kleinere Klassen? Mehr Förderung der Leistungsschwachen? Ja, vielleicht. Wenn es irgendeine Mutter schafft, diese Forderungen in eine realistische Petition zu packen, werde ich einer der ersten Unterzeichner sein. (me)






