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Eintagsfliege

Auf dem Balkon, mit Bella und dem Taubenjäger

Wie es der Zufall und meine kluge Kunst der Einfädelung wollen, darf ich zwei Wochen lang die Wohnung meines Bruders in H. hüten.

Herrlich! Allein schon der spätmorgendliche Kaffee gegen 12 Uhr auf dem Balkon ist wie Urlaub + Völkerkunde + Amusement. Dass ich mir keinen Italienurlaub geleistet habe, macht gar nichts. Denn in der Wohnung im Stockwerk über mir lebt eine Italienerin. Ich sehe sie nicht, aber ich höre sie. Wobei das schlichte Wort "hören" nur im Ansatz ausdrückt, was mir die südlaendische Nachbarin bietet. Man könnte eher sagen: Sie lässt mich an ihrem fröhlichen Leben teilhaben. Gerade vorhin telefonierte sie mit grossen Teilen ihrer Verwandschaft via Skype. Ihren Verwandten muss es fantastisch gehen. Ein einziges begeistertes "Bella" und "Bravo" und Kuss, Kuss und Ricardo, Claudia, Macho, Manuela, Cicara, Carla rief sie vom Balkon in die Welt hinaus.

Ein Deutscher würde vielleicht halb so euphorisch klingen, wenn er im Lotto gewonnen, gerade eben die Nabelschnur seines gesunden neugeborenen Stammhalters durchschnitten hätte und zeitgleich Fussballweltmeister geworden wäre. Aber dafuer lieben wir die Italiener ja so. Ihre Sprache und ihr Naturell eignen sich nicht für Schwermut. Selbst die traurigste Klage eines Italieners klingt in unsere Ohren bestenfalls wie leicht operettenhafte Theatralik. Jetzt hat sich die Senora über mir von Ricardo, Claudia, Macho, Manuela, Cicara und Carla in einem bezaubernden Singsang verabschiedet. Ich glaube ich hätte ihr noch Stunden lang versonnen lauschen können.

Aber schon wartet auf mich die nächste akustische Attraktion. Es knallt. Nicht direkt wie ein Pistolenschuß, eher wie ein sachtes Luftgewehr oder eine Spielzeugpistole mit der man an Fasching schießt. Ich schaue in die Richtung des Knalls und sehe inmitten eines gepflegten Gartens einen kahlköpfigen älteren Herren auf einer Hollywoodschaukel sitzen. Um ihn herum fliegen aufgescheuchtre Tauben in die Luft, er blickt stoisch ins Nichts. Stille. Eine Minute, zwei Minuten. Wieder ein Knall. Der Herr auf der Hollywoodschaukel hat tatsächlich eine Luftpistole in der Hand und schießt damit in Richtung der Tauben, die ihr Spiel des flatternden Aufschreckens wiederholen. Diese Szene wiederholt sich im Folgenden unzählige Male. Stoischer Blick. Tauben sitzen vor Hollywoodschaukel. Peng. Fliegen weg. Stoischer Blick. Ruhe. Tauben kehren zurück und es geht von vorne los.

Was für ein tapferer Sysyphos der Gegenwart. Ganz der einen Aufgabe verschrieben und immer wieder von neu beginnend. Jeder Triumph wird binnen einer Minute von nicht minder tapferen Tauben vernichtet. Womöglich sitzt er ganze Tage, Nächte und Wochen auf seinen Platz und wurde darüber alt und grau. Vielleicht war er einmal ein hoffnungsvoller junger Mann mit Elan und dann verfing er sich plötzlich in einem Käfig aus Wut und Pflicht und feuert sich seitdem hartnäckig durchs dumpfe Taubenjägerleben. Aber wenigstens schießt er nicht auf die Italienerin. (me)

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