Magazin
Kurt Gribls Perlen der Rhetorik
Wer gedacht hatte, dass die Augsburger Politik ohne Peter Grab in führender Rolle irgendwie langweilig und arm an Stilblüten werden würde: Entwarnung. Die Lücke, die Grab hinterlässt, wurde schnell und originell gefüllt. OB Kurt Gribl beherrscht die Disziplin der rhetorischen Brillanz mindestens so gut wie sein unglücklicher Ex-Referent.
Gefragt, was er denn zu Stefan Kiefers Ablehnung einer Großen Koalition vor der Wahl sage, meinte Gribl: "Das war eine situationsgebundene Aussage von Herrn Kiefer, jetzt reden wir über die Lebenswirklichkeit."
Diese Erklärung ist nicht nur sehr intelligent, sie ist auch sehr lebensnah. Wer kennt das nicht? Man ist in einer Situation und sagt situationsbedingt irgendetwas, und dann nach der Situation, wenn die Lebenswirklichkeit eintritt, sagt und tut man etwas ganz anderes.
Was unterscheidet eine Situation von einer Lebenswirklichkeit? Könnte man jetzt schlaubergerisch fragen. Die Antwort darauf ist denkbar einfach. Vor dem Traualtar trifft man ja auch eine situationsgebundene Aussage, was man dann aber später in der Lebenswirklichkeit sagt und tut, ist etwas völlig anderes. Und wer wäre denn so engstirnig, so dumm, so albern, zu erwarten, dass die Situationsbedingtheit von gestern irgendetwas mit der Lebenswirklichkeit von heute zu tun haben müsse? Kein Ehepartner würde das ernsthaft erwägen. Und was ein Ehepartner nicht hoffen darf, darf ein Wähler schon gar nicht erwarten.
Denn Wahlkampf, Eheversprechen und sonstige Notlügensituationen sind immer situationsbedingt und man fiebert innerlich schon dem Moment entgegen, in dem die Lebenswirklichkeit endlich beginnt. Dummerweise kann man den Mitmenschen nicht immer sagen, ob das, was man gerade sagt noch situationsbedingt ist, oder ob man sich bereits in der Lebenswirklichkeit befindet.
Aber das gehört auch irgendwie zur Lebenswirklichkeit dazu und wir können heilfroh sein, dass wir einen Oberbürgermeister haben, der diesen diffizilen, aber entscheidenden Unterschied kennt und der begriffsstutzigen Öffentlichkeit erklären kann. Danke, Kurt! (me)






