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Eintagsfliege

Lebkuchenhass und Buchliebe

Romane statt Rosinen! Ein Plädoyer...

Heute fühle ich mich wie ein richtiger Konsument. Das bin ich zwar fast jeden Tag, aber eben nicht so bewusst wie jetzt gerade. Woran liegts? Zwei Dinge. Eben habe ich wieder die genervten Appelle und Klagen in Sachen Lebkuchen vernommen. Der Skandal, dass die ausbeuterisch-skrupellose Lebkuchenindustrie ihr Produkt bereits im goldenen Oktober feilbietet, empört die Menschen jedes Jahr.

Das müsste man mal untersuchen, wieso das so viele Leute dermaßen ergrimmt, dass ein Produkt, das normalerweise im Dezember verkauft wird, etwas früher in den Regalen steht. Was steckt da tiefenpsychologisch dahinter? Ich glaube, es geht um die Unschuld der Kindheit. Lebkuchen, das bedeutet Weihnachten, Naschwerk, Christkind, klingelingeling, etwas besinnlich Heiliges also. Diese Heiligkeit wird nun durch das Angebot der Lebkuchen in unheiliger Zeit angetastet. Der Lebkuchen als Opfer kapitalistischer Geldgier. Faszinierend an dem Protest ist, dass sich sehr oft Menschen über dieses Missbrauch erregen, die mit Glaube, Kirche und Weihnachten eigentlich gar nichts mehr am Hut haben. Was juckt es die überhaupt? Sind sie latent vielleicht immer noch gläubig?

Jedenfalls würde ich mir soviel Idealismus in Sachen Konsum von den Buchkäufern wünschen. Denn da wäre bewusstes Einkaufen wirklich wichtig und effektiv, wie gestern eine Reportage über den Buchmarkt auf Arte gezeigt hat. Dagegen ist das mit den Lebkuchen ein Hühnerschiss.

Wir kaufen unsere Bücher bei einem Weltkonzern, Amazon, der dabei ist, den kleineren Buchhändlern und Verlagen das Totenglöckchen zu läuten. Wir tun es aus Bequemlichkeit, aber gleichzeitig verlieren wir dabei viel. Zum einen verraten wir, was wir lesen und damit zu einem Gutteil, was wir denken, bei E-Books geht das so weit, dass Amazon und diverse automatisierte Geheimdienstsoftware ziemlich gut im Bilde darüber ist, was wir besonders interessant finden.

Aber das ist es nicht alleine, wir verraten auch die kleinen Buchhändler. Damit meine ich nicht die großen Ketten mit Überwachungskameras im Verkaufsraum, sondern die ganz kleinen Buchläden, neben den Bibliotheken die letzten wirklichen Bastionen der Bücherliebe. Jedes Buch, das wir bei Amazon bestellen oder bei einer großen Kette kaufen, fehlt den kleinen unabhängigen Händlern, die, das wage ich so allgemein zu sagen, alle Literatur lieben, die ihre Kunden oft mit Namen kennen und für die Bücher eben nicht ein auswechselbares Produkt sind.

Deswegen: Denkt weniger über Lebkuchen im Herbst nach und mehr über die Liebe zum Buchladen. (me)

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