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Shades of Marketing
"Shades of Grey" bringt den Kinos Rekordbesucherzahlen und das ist nur ein Teil der SM-Welle. Angeblich horten Baumärkte bundesweit gewaltige Mengen von Kabelbindern und extrastarken Klebebändern, weil sie, logisch, damit rechnen, dass Millionen erregter Kinobesucher ihre Filialen stürmen und endlich, endlich mal ausprobieren wollen, was schon immer in ihnen schlummerte, aber jetzt endlich ausgelebt werden will. Wie konnte es nur so lange unbemerkt bleiben, dass wir alle so geil auf Sadomaso sind?
Wie öde war unser Sexleben bisher, erst durch "Shades of Grey" und die dazugehörige PR- und Medienmaschine wurde uns kleinen Sexdummerchen bewusst, dass Frauen sich auspeitschen lassen wollen, am besten von einem unglaublich sexy-geheimnisvollen, dominanten Multimillionär. Und dass wir Männer tief drinnen eigentlich auch wie ein unglaublich sexy-geheimnisvoller und sehr dominanter Multimillionär sind, nur: Wir kamen eben nie dazu.
Aber das ist jetzt vorbei, sogar die Augsburger Allgemeine hat jetzt "heiße Tipps für geilen S/M-Sex" veröffentlicht. Das ist sehr nützlich, für die Klickzahlen der AZ. Denn als fixer Medienmensch weiß man, dass es kaum etwas gibt, was so zieht wie dreckiger Sex und der neueste schlimme Verkehrsunfall auf der B17, am besten eine Kombination daraus.
Das einzige Problem könnte sein, dass Werbe-, Film- und Medienindustrie immer neue Superlative und scheinbare Tabus finden müssen. Jetzt ist es S/M, aber was soll danach kommen? Analverkehr und Achselhaarfrisuren sind seit Charlotte Roches "Feuchtgebiete" ausgelutscht. Inzest hat vielleicht doch noch nicht die nötige gesellschaftliche Akzeptanz, man kann es schlecht öffentlich propagieren, es bleibt ja in der Familie.
Das ist also alles gar nicht so einfach. Man hat sowieso manchmal den Eindruck, als ginge es darum, eine hippe und fordernde Sportart zu bewerben. Wer etwas Besonderes aus sich und seinem Liebesleben machen will, der muss mehr als den furchtbaren, unerträglichen Blümchensex bieten. (Auch, wenn man davon ausgehen kann, dass die überwältigende Mehrheit der Menschen eben diesen Blümchensex praktiziert.)
Aber wem soll man eigentlich etwas bieten? Wessen Erwartungen sollen wir im Bett erfüllen? Unsere eigenen und die unserer Partner, könnte man meinen, aber die Wahrheit ist eben ein wenig komplexer. Denn neben dem real existierenden Sex gibt es auch den propagierten, beworbenen, gehypten Sex. Ein Teil der Werbewirtschaft quasi und deren Aufgabe ist es, Bedürfnisse zu schaffen. Und wenn es ein Bedürfnis ist, von dem die Bedürftigen bisher gar nicht wussten, dass sie es haben, dann liegt es nicht daran, dass sie es nicht brauchen, sondern daran, dass sie einfach insgeheim geil darauf sind. Ganz die Sexakrobaten, die wir ja eigentlich sind. Aber jetzt wissen wir es. Danke, Mr Grey. (me)






