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Eintagsfliege

Wo sind all die Vettern hin?

Das Problem ist, wie immer in der Wirtschaft, so auch bei der Vetternwirtschaft, die Knappheit der Ressourcen...

Gerade bin ich über ein Goethe-Zitat gestolpert, das mir zu denken gibt. Nicht, dass ich oft über Goethe stolpern würde, ich konnte nie verstehen, wenn Leute unter 60, manchmal sogar Teenager, behaupten, "Werther" sei ihr Lieblingsbuch. Wahrscheinlicher ist, dass man in Gedanken an den Deutsch-Grundkurs ein bisschen angeben will, was ja noch kein Betrug ist, aber zum Thema führt. Das Zitat um das es geht lautet:

"Denn zu Zeiten der Not bedarf man seiner Verwandten."

Das ist schlicht wahr, wobei damit noch nicht gesagt ist, dass die Verwandten in der Not auch helfen. Die Familienbande werden ja immer loser, eigentlich sollten wir froh sein über jeden verwandtschaftlichen Solidaritäts- und Gunstbeweis, schließlich zeigt er, dass der warme Schoß der Familie noch nicht ganz erkaltet ist. Vor diesem Hintergrund muss man auch den Begriff der Vetternwirtschaft neu denken. Er ist leider verpönt.

Aber wieso eigentlich? Was soll an Verwandtschaften falsch sein, seien es auch nur Wahlverwandschaften? Das Problem ist, wie immer in der Wirtschaft, so auch bei der Vetternwirtschaft, die Knappheit der Ressourcen. In diesem Fall der Mangel an geeigneten Vettern, mit denen man die dazugehörige Wirtschaft betreiben könnte. Deswegen ist diese Art der Wahlverwandtschaft ja so unbeliebt, weil nicht jeder einen gut plazierten Vetter haben kann. Würde jeder einen solchen Vetter (oder gendertechnisch korrrekt eine Vetterin) haben, könnten scheinbar alle zufrieden sein, aber eben nicht lange. Denn der Wert einer Ressource ergibt sich dummerweise aus ihrer Knappheit. Zu viele Vettern verderben das Geschäft, denn bereichern kann sich immer nur eine Minderheit und diese muss sich ihre Ressource eben von irgendwoher nehmen, nämlich von der Mehrheit.

Nehmen wir mal den öffentlichen Sektor. Dort gibt es zwar sehr viel Geld in allen möglichen Töpfen und Töpfchen, aber es gibt nur eine kleine Anzahl von Pöstchen und Aufträgen, die man sich zuvettern kann. Eine Schule kann man nicht jede Woche vom Malerbetrieb des Schwiegersohns neu streichen lassen. Und weil die Ressource so wertvoll und selten ist, muss man gut auf sie achtgeben, man muss sie schützen. Wovor? Vor dem natürlichen Feind jeder gesunden Vetternwirtschaft: dem Neid!

Aber wie schützt man diese sehr wertvolle Ressource? Es gibt nur ein nachhaltiges Mittel: Heuchelei. Was viele Moralisten nicht begreifen wollen, ist, dass die Heuchelei der Vetternwirtschaftsbetreiber nicht charakterlos ist. Nein, die Heuchelei ist einfach der notwendige Schutz eines wertvollen Gutes. Denn betriebe man ganz ungeniert Vetternwirtschaft, würden sich die Menschen dagegen auflehnen und der Wirtschaft wäre ihre Grundlage entzogen. Deswegen muss man ihre Existenz im Brustton der empörten Rechtschaffenheit leugnen, oder noch besser: Vorwürfe mit einem kopfschüttelnden Lächeln abtun. Auch wenn man damit die Masse der Neider für dumm verkaufen muss - Es gibt keine andere Möglichkeit und Verwandtschaft geht vor. (me)

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