Liebe und Verrat – Das steckt hinter den tanzenden Buchstaben am Rathausplatz

Die Legende um den von der Ehefrau betrogenen Handwerker sorgte schon vor 200 Jahren für Heiterkeit

„Sherlock Holmes und die tanzenden Männchen“, so heißt einer der bekanntesten Fälle des Londoner Meisterdetektivs. Darin enträtselt der vermutlich bekannteste Ermittler der Welt Geheimbotschaften, die in tanzenden Strichmännchen verschlüsselt sind. Auch in Augsburg gibt es einen Ort, der ein ähnliches Rätsel beinhaltet. Die an der Südseite des Rathauses angebrachten „tanzenden Buchstaben“ sind zwar nicht so schwer zu knacken wie diese verschlüsselten Nachrichten aus dem Fall des Meisterdetektivs, dafür stecken hinter ihnen gleich zwei kuriose Geschichten.

Die Buchstaben hängen auf einer unscheinbaren Steintafel am Eisenberg, direkt beim Abstieg zum Elias-Holl-Platz. Bringt man die Lettern in die richtige Reihenfolge, ergibt sich das Sprichwort „Also geht’s in der Welt“. Außerdem wird die Zahl 1694 angegeben – ein Hinweis auf das Jahr, in dem der Schriftzug der Legende nach entstanden sein soll.

Betrogener Zunftmeister als Urheber der tanzenden Buchstaben
Der Urheber soll ein unbekannter Zunftmeister gewesen sein, dem das Schicksal im besagtem Jahr sehr übel mitgespielt hatte. Angeblich nahm der Handwerker mehrere Soldaten in seinem Haus auf, woraufhin sich seine Ehefrau prompt in einen von ihnen verguckte. Zusammen mit der Zunftkasse brannte sie schließlich mit ihrem Liebhaber durch, doch das Geld war schnell verbraucht. Reumütig kehrte sie schon bald zu ihrem gutmütigen Ehemann zurück, der ihr verzieh und sie wiederaufnahm.

Die untreue Gattin dachte jedoch gar nicht daran, sich wieder in ihr altes Leben einzufügen. Stattdessen ersann sie eine heimtückische List, um ihren nachsichtigen Ehemann loszuwerden. Durch die Kontakte eines neuen Verehrers engagierte sie einen Werber der herzoglich-bayerischen Armee, den sie sogleich in eine nahegelegene Wirtschaft schickte, in welcher der Zunftmeister regelmäßig verkehrte. Nichts ahnend wurde der Handwerker dort von dem Werber auf ein Glas Wein eingeladen. Als der Soldatenanwerber ihn daraufhin bat, seinen Helm aufzusetzen, kam der Zunftmeister auch dieser Aufforderung nach – ein schwerwiegender Fehler wie sich kurz darauf herausstellte. Das Aufsetzen des Helms und die Annahme eines Freigetränks waren damals gleichbedeutend mit einer Verpflichtung für den Soldatendienst.

Noch am selben Abend transportierte man den Zunftmeister ins benachbarte Friedberg ab. Auf der Lechbrücke gelang ihm jedoch die Flucht. In einem unbeobachteten Moment riss sich der Betrogene vom Soldatenwerber los und sprang in den Fluss. Als der Handwerker kurz darauf wohlbehalten nach Hause kam, warf er seine Frau aus dem Haus und fasste einen Entschluss: Seine Mitbürger sollten von der Unberechenbarkeit der Liebe gewarnt werden, um einem ähnlichen Schicksal wie dem seinen zu entgehen. Daher gab er die Steintafel mit den tanzenden Buchstaben in Auftrag, die fortan als Mahnung an seinem Haus prangte: „Also geht’s in der Welt.“

Legende um die Steintafel wurde touristisch vermarktet
Ob es den betrogenen Zunftmeister tatsächlich gab, ist bis heute ungeklärt. Fest steht aber, dass die Legende um den von der Ehefrau betrogenen Handwerker schon vor 200 Jahren für Heiterkeit sorgte – und offenbar auch touristisch vermarktet wurde. So erwähnten bereits Stadtführer aus dem 19. Jahrhundert die Steintafel und ihre kuriose Geschichte.

Die tanzenden Buchstaben, die sich heute an der Fassade des Rathauses befinden, sind jedoch jüngeren Ursprungs, denn die originale Steinplatte ging im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs verloren. 1953 ließ der damalige Stadtbaurat Walther Schmidt eine Replikation anfertigen und an der Südseite des Rathauses befestigen. Zuvor waren die tanzenden Lettern am gegenüberliegenden Gebäude angebracht gewesen.
An dieser Stelle hätte die Geschichte um Augsburgs „tanzende Buchstaben“ eigentlich enden können, doch es gab noch ein Nachspiel. Das Haus, an dem die Tafel ursprünglich befestigt war, beherbergte ein Modegeschäft. Der damalige Besitzer Karl Haugg fühlte sich offenbar von der Stadt um seine Inschrift betrogen, sodass er 1954 kurzerhand selbst eine eigene Steintafel anbringen ließ. Seitdem stehen sich die „tanzenden Buchstaben“ am Eisenberg gegenüber und sorgen bei den Beobachtern nicht nur wegen ihres Inhalts, sondern auch wegen ihrer Dopplung häufig für Verwirrung.

Text: Moritz Winkler

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