Magazin
Stars, Stripes und Stadtgeschichte – wie Amerika Augsburg prägte
Teil 2: „Auf Spurensuche“ – was blieb vom amerikanischen Augsburg?
Eine dreiteilige Reportage über GIs, Kultur und die transatlantische Spurensuche in Augsburg
Von Thomas Krones
Die Jahre sind vergangen, doch ihre Spuren sind nicht verschwunden. Wer genau hinsieht, entdeckt sie noch: zwischen neuen Fassaden und alten Mauern, in Gesprächen, Gerüchen, Momenten. Ich wollte wissen, was vom Sound, dem Lebensgefühl und dem „Little America“ geblieben ist.
Vergleich damals und heute – Sheridan, Reese, Flak – Zeugnisse wandelnder Geschichte
Sheridan, Reese, Flak – die einst so klangvollen Namen amerikanischer Präsenz in Augsburg tragen inzwischen andere Geschichten in sich. Die Kasernen sind verschwunden oder fast vollständig verwandelt, doch manche Relikte lassen sich noch finden.
In der Sheridan-Kaserne wehten einst die Stars and Stripes. Basketballfelder, Bowlingbahnen, Fast Food und ein kleines Einkaufszentrum machten das Gelände zu einer Welt für sich. Die alten Gebäude sind zum Großteil verschwunden. Doch das denkmalgeschützte Offizierskasino steht noch immer zwischen Neubauten, so als wache es über die Vergangenheit. In der kleinen Kapelle wurde einst gebetet, gefeiert, auch getrauert. Nun spazieren Familien durch den Sheridanpark, wo früher Militärfahrzeuge standen.
Die Reese-Kaserne in Kriegshaber war ein beinahe schon heimeliger Ort – hier lebten viele Familien. Thanksgiving-Feste, mitgebrachte Dekorationen, Kinderfahrräder vor den Haustüren. Die Schule, das Theater, das Kino – sie alle machten das Quartier zu einer kleinen amerikanischen Vorstadt. Jetzt wächst das neue Reese-Areal, mit Wohnungen, Ateliers und natürlich dem Kulturhaus Abraxas. Manchmal ist das Echo des Reese-Theaters von damals noch da.
Die Flak-Kaserne war weniger sichtbar im Alltag der Stadt, doch umso zentraler für die Versorgung: Hier befand sich das amerikanische Militärhospital. Das weißgekachelte Gebäude in Kriegshaber war über Jahrzehnte eine medizinische Insel – ein eigener Mikrokosmos mit Arztpraxen, Zahnarzt, Notaufnahme, Laboren. Inzwischen sind auch dort die meisten Gebäude verschwunden oder umgewidmet, aber wer genau hinsieht, findet Überreste: ein Türrahmen hier, ein Fundament dort – Erinnerungen aus Beton.
Außerhalb der Stadt, in Gablingen, befand sich seit 1970 ein abgeschottetes Gelände mit Funkmasten und Antennen – betrieben vom USASA Field Station Augsburg. Von hier aus wurde das Weltgeschehen mitgehört, überwacht, mitgelesen: US-Spionage während des Kalten Krieges. Der Ort wirkt bis heute wie aus der Zeit gefallen. Michael erinnert sich:
„Nach Augsburg kam ich im Oktober 1967. Ich war 17 Jahre alt, jung und voller Eindrücke. Zuerst wurde ich in Gablingen stationiert. Ich war zu jung, um nach Vietnam geschickt zu werden, also blieb ich bei derselben Einheit. Rückblickend: ein Glück.“
Nicht alle hatten dieses Glück. Viele, die in Vietnam im Einsatz waren, kamen verändert zurück – auch nach Augsburg. Im Recreation Center auf dem Gelände der Sheridan-Kaserne, einst ein Ort der Begegnung und Zerstreuung, wurde das sichtbar. Hier trafen sich Familien, spielten Kinder, lief der Projektor im Kino. Aber hier kamen auch Veteranen an, viele von ihnen psychisch und körperlich gezeichnet. Und einige brachten neue Abhängigkeiten mit. Der Schatten des Krieges war auch in den Basketballhallen allgegenwärtig.
Wenn man über das Gelände läuft, sich auf eine Bank setzt, dann ist sie manchmal noch da, die Ahnung von damals. Die Areale haben sich verwandelt – sie tragen Erinnerung in sich – inmitten einer vollendeten Transformation. Augsburg ist weitergezogen. Aber vergessen hat es nicht.
Verborgene Relikte – Spuren des amerikanischen Alltags/die stillen Orte der Erinnerung
Wer heutzutage durch die Areale der ehemaligen Kasernen streift, entdeckt hier und da noch stille Zeugen der amerikanischen Zeit – oft unscheinbar, aber voller Geschichten.
Am Rande des heutigen Sheridan-Parks steht mit der Halle 116 ein Ort, der bewusst an diese Ära erinnert. Die Halle hat eine bewegte Geschichte: Ursprünglich Teil der Wehrmacht als sogenannte „Luftnachrichtenkaserne“, wurde sie ab 1944 als KZ-Außenlager genutzt. Nach dem Krieg übernahm die US-Armee das Gebäude, nutzte es als Fahrzeughalle, Werkstatt und Bibliothek. Seit 2023 beherbergt die Halle eine Dauerausstellung zur Stadtgeschichte und zur amerikanischen Besatzungszeit – mit Uniformen, alten Fotografien und persönlichen Erinnerungsstücken, die von ehemaligen US-Soldaten und Augsburgern zusammengetragen wurden. Aktuell (zum Redaktionsschluss) ist sie aufgrund Sanierungsbedarfs jedoch teilweise gesperrt.
Auf dem Gelände der ehemaligen Reese-Kaserne erkennt man bei genauem Hinsehen noch Gebäudeteile, deren Bauweise und Struktur unverkennbar an ihre frühere Nutzung erinnern. Hier befand sich einst der „Enlisted Men’s Club“, ein beliebter Treffpunkt für Soldaten, in dem getanzt, gefeiert und manchmal auch ein Stück Heimat gesucht wurde. Der Club ist längst Geschichte – aber wer die Hintergründe kennt, sieht vielleicht mehr als nur Beton.
Auch in der Street-Art lebt das amerikanische Flair weiter. In einigen Ecken des Stadtteils Kriegshaber, aber auch entlang der stilleren Mauern des Kulturparks West, tauchen immer wieder Graffiti auf, die in ihrer Ästhetik und Symbolik stark an US-amerikanische Popkultur erinnern – ein Echo jener Zeit, als Basketball, Rock ’n’ Roll und Breakdance zum Augsburger Straßenbild gehörten.
Still in touch – Freundschaften über Grenzen hinweg
Die großen Trucks und die grollenden Panzerketten sind verstummt, die Flaggen eingeholt, die Kasernen umgebaut. Manches blieb: ein Akzent im Gespräch, eine Freundschaft, oftmals über Jahrzehnte. Noch heute berichten Augsburgerinnen und Augsburger von Begegnungen, die ihr Leben verändert haben – und von Kontakten, die bis in die Gegenwart bestehen.
Ein Beispiel für eine solche Freundschaft ist die Geschichte von Jeb und Harm. „Irgendwann kam Facebook, und ich lernte Harm und seine Familie im ‚American House‘ kennen“, erzählt Jeb. „Wir teilten das gemeinsame Interesse an Oldtimern und an der Geschichte von Sheridan. Seitdem sind wir Freunde.“ Der Kontakt wurde enger, es folgten gegenseitige Besuche über den Atlantik hinweg. „Sie haben uns mehrmals in den USA besucht, und wir haben sie auch mehrfach in Deutschland besucht. Wir sind immer noch befreundet und stehen nahezu täglich in Kontakt.“ Für Jeb und seine Familie steht fest: „Augsburg hat einen besonderen Platz in unserem Leben.“ Auch der nächste gemeinsame Urlaub in Deutschland ist bereits in Planung – mit Harms Familie und einem Abstecher zu Verwandten in Bayern.
Diese persönlichen Geschichten sind keine Einzelfälle. Bis heute gibt es eine gegenwärtige US-Community in Augsburg – laut Harm umfasst sie rund 500 Menschen. Einige blieben, andere kehren regelmäßig zurück, viele pflegen enge Freundschaften mit früheren Nachbarn, Kollegen oder Kameraden. Wenn ehemalige Soldaten nach Jahrzehnten noch einmal nach Augsburg kommen, ihre alten Stationen besuchen, betrachten sie oft staunend, was sich verändert hat.
Route 66 auf der B17 – wo das US-Flair weiterlebt
Das amerikanische Lebensgefühl ist in Augsburg nicht verschwunden – es lebt weiter. In Cafés, Clubs, Sporthallen.
Wer Heißhunger auf Pancakes verspürt, wird zum Beispiel im Henry’s fündig. Wer richtig gute Burger sucht, sollte unbedingt mal das Fifty-Fifty ausprobieren, das sich im ehemaligen Stadtberger Hof befindet. Die Wanddekoration – mit viel Vintage-Charme und authentischem Flair – ist allein schon einen Besuch wert. An manchen Mittwochabenden trifft sich hier eine besondere Runde: ein Veteranentreff – 20 bis 25 ehemalige Soldaten, die gemeinsam essen, Erinnerungen teilen, neue Pläne schmieden. Viele von ihnen wirken wie einem amerikanischen Film entsprungen – nicht verkleidet, sondern gelebte Geschichte.
Sportlich wird es etwa in der Kälberhalle, wenn NFL, NBA oder der Super Bowl über die großen Screens flimmern – mit Wings, Nachos und Budweiser. Hier mischen sich ehemalige GIs mit sportbegeisterten Augsburgern.
Ein weiteres Beispiel für amerikanischen Sportsgeist mit Augsburger Note ist der Baseballverein Gators. Die erste Mannschaft spielt in der Bayernliga, die zweite in der Landesliga – was den Verein besonders macht, ist seine internationale Aufstellung. Hier spielen Sportler aus den USA, Kuba, Japan, Tschechien, Italien, Kroatien, der Dominikanischen Republik und den Philippinen. Ein wunderbares Beispiel für gelebte Vielfalt – und ein starkes Signal in einer oft zerrissenen Welt.
In der Musikszene lebt der „American Spirit“ besonders stark. Clubs wie das Spectrum holen Blues- und Classic-Rock-Bands auf die Bühne. Und bei lokalen Bands wie RoadShot, Catfish oder CADCATZ treffen sich Rockabilly-Fans – mit Petticoats, Pomade und Ford Mustangs.
Kurz gesagt: Wer in Augsburg auf Spurensuche geht, wird nicht nur Hinweise finden – er begegnet gelebtem Erbe, amerikanischem Lebensgefühl, das in neuen Formen weiterlebt. Man muss nur wissen, wo man hinschauen – und -hören sollte.
(tk)
Bills Geschichte
Teil II: 35 Jahre später
Von der Tenne ins Netz – eine Lovestory bekommt eine zweite Chance
Frühjahr 1984. Bill, gerade Anfang 20, ist Sergeant der US-Armee – und zum ersten Mal im Ausland. Sein Heimatort Martin in Michigan zählt keine 500 Seelen, eine Welt aus Milchvieh, Feldern und Frühaufstehen. Und nun: Augsburg. Reese-Kaserne. Sommestraße. Für Bill fühlt sich alles neu an – und aufregend.
„Ich erinnere mich, dass alles hier so ordentlich war“, sagt er rückblickend. „Die Straßen, die Häuser, sogar der Umgang der Menschen miteinander – das war ganz anders als zu Hause.“ Tagsüber militärischer Drill, Fahrzeuge, Sport, Marschbefehl. Doch nach Dienstschluss beginnt ein anderes Abenteuer: die Stadt erkunden, deutsche Wörter lernen, erste Kontakte knüpfen.
Sein Lieblingsort? Ganz klar: der „Tenne Pub“ in Oberhausen. Eine rustikale Kneipe in der Nähe der Kaserne, Treffpunkt für viele GIs und Augsburger. Dort – so erzählt er mit leuchtenden Augen – traf er sie. Eine junge Augsburgerin, charmant, zurückhaltend, mit einem kleinen Wörterbuch in der Hand, um sich mit ihm zu verständigen. „Es hat sofort gefunkt“, sagt Bill. „Wir hatten so viel Spaß, obwohl wir kaum dieselbe Sprache sprachen.“
Was als flüchtige Begegnung begann, entwickelte sich zu einer leisen, zarten Romanze. Doch am Ende stand der Abschied – Bill musste zurück in die Staaten, sie blieb in Augsburg. Und der Kontakt brach ab. Jahrzehnte lang.
Wie es endet:
In Teil III reisen wir mit Bill zurück nach Augsburg – zu einem Wiedersehen wie aus einem Kinofilm und einer zweiten Chance, die alles verändert ...
...in der Oktober-Printausgabe der Neuen Szene und zwei Wochen darauf hier auf der Website.
Fotos:
Archiv Amerika in Augsburg e. V. / div. Privatsammlungen / Neue Szene
Zum Nachlesen - hier geht es zum ersten Teil: https://www.neue-szene.de/magazin/geschichte/stars-stripes-und-stadtgeschichte-%E2%80%93-wie-amerika-augsburg-pr%C3%A4gte






